Ludwig Leo - Berlin

Funktionale Orte auf kleinsten Flächen

Bei einem Blick auf die Architekturlandschaft Westberlins sind Ludwig Leos Bauten unverkennbar. Eine nur 5,6 Quadratmeter große Ausstellung würdigt nun das Werk des von Spezialisten geschätzten, der Allgemeinheit aber weitgehend unbekannten Architekten.
Auf kleinstem Raum:Eine Ausstellung würdigt das Werk Ludwig Leos

Ludwig Leos Umlauftank der Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau in Berlin-Tiergarten

Ludwig Leo selbst hätte wohl auch eine Ausstellungsfläche von nur auf 5,6 Quadratmetern gewählt.

Ein Architekt, der seine private Küche auf 1,4 Meter Breite reduzierte und in der Kritik als konsequenter “Radikalfunktionalist“ gehandelt wurde, hätte dieses minimale Raumverhältnis gereizt. Ein Jahr nach dem Tod von Ludwig Leo würdigt nun eine kompromisslose Ausstellung auf 5,6 Quadratmetern das Werk dieses ikonenhaften und gleichsam unbekannten Protagonisten einer Westberliner Moderne.

Ludwig Leo gehörte im Deutschland der Nachkriegszeit einer jüngeren Gruppe von Architekten an, die in einem kritischen Rationalismus ihre künstlerische Rolle fanden. Während noch die eleganten Segeldächer und konkaven Hochhausfassaden im Fifties-Look die Silhouette Westberlins zum Swing anregten, kam am Rande der Stadt Leos erster großer Bau mit den radikalen Formen eines aufkommenden Betonbrutalismus zum Vorschein. Die Sporthalle Charlottenburg (1960/65) für 2000 Besucher ist als prägnanter Rampenbau klar konzipiert und streng auf Sichtbeton, grünen Stahl und rote, Elemente reduziert.

Bekannt ist Leos Umlauftank (1967/74) der Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau. Mitten im Berliner Tiergarten erhebt er sich der blaue Kubus auf Stelzen. Mit seinen schmalen, durchbrochenen Fensterbändern und abgekappten Ecken zeigt er Leos Handschrift, die sich von Symmetrie und ganzheitlichen Formen distanziert. Wülstig und gleichsam monumental dringen aus dem Blaukörper die mächtigen Umlaufrohre heraus – in rosa, wie ein Organ. Nackt ist der Bau, weder heroisierend, noch verschleiernd.

Ludwig Leos Werkliste ist mit neun Bauten kurz und ungewöhnlich. Unter Spezialisten geschätzt – Peter Cook von Archigramm und Norman Foster zählen zu seinen Bewunderern –, ist er in der Allgemeinheit kaum bekannt.

Leo, 1924 in Rostock geboren und während des Krieges an die Front geschickt, kam 1951 für ein Architekturstudium nach Berlin. Ehe er ein eigenes Büro eröffnete arbeitete er bei den Gebrüdern Luckhardt und bei Oswald Mathias Ungers. Die entschleiernde Radikalität seiner Bauten entwickelte Ludwig Leo aus einem sozialen Anspruch. Er selber beschrieb seine Architektur als “räumliche Voraussetzung, die Kommunikation wahrscheinlicher werden lässt“. In ihrer äußerlichen Gestalt wirken seine Bauten wie eine “architecture parlante“, in ihrem Inneren schaffen sie Dichte und soziale Interaktion. Einem Leo’schen Entwurf gingen immer zahlreiche Studien voraus. In seinen mit Figuren bevölkerten Zeichnungen erprobte er die sozialen und funktionalen Handlungsspielräume seiner Architektur und deklinierte sie bis in den kleinsten Winkel durch. Beiläufig eignete er sich dabei einen kunstvollen grafischen Stil an. Das Ergebnis seiner Studien bringen die Ausstellungsmacher mit ihren 5,6 Quadratmetern auf den Punkt: Leo schuf funktionale Orte auf kleinsten Flächen. Eigens für seine Architektur entwickelte er Möbel, praktische Module, klappbare Tischflächen, beidseitig aufziehbare Schubladen oder rechtwinklig zueinander stehende Betten. Ganz in Leos Sinne zeigt die Ausstellung auf verschiebbaren Wandelementen und Installationen eine Auswahl seiner Arbeiten.

Das Highlight der Ausstellung ist ein Animationsfilm über Leos Bau der Berliner Zentrale für die Deutsche Landesrettungsgesellschaft an der Havel (1967/73). In seiner dreieckigen Form ist das Gebäude so kühn und markant, dass es nur dank des Westberliner Behördenklüngels in einer ruhigen Satteldach-Wohngegend entstehen konnte. Die Westfassade ist in einer 44-Grad-Schräge als überdimensionierte Rampe angelegt, per Lift sollten hier Boote ins Gebäude befördert werden.
Mit dieser Geste eines überformten Funktionalismus zog sich Ludwig Leo vom praktischen Bauen zurück. 1975 nahm er eine Professur an der Hochschule der Künste in Berlin an.

Heute vertritt er eine eigenwillige, aber wichtige Position in der Architekturlandschaft Westberlins. Seine Gebäude sind denkmalgeschützt, und selbst seine private Minimalküche, freilich aus selbst entwickelten Einbauschränken und beweglichen Modulen konstruiert, befindet sich mittlerweile in der Sammlung des Bauhaus-Dessau.

Ludwig Leo – Ausschnitt

Eine Ausstellung der Wüstenrot-Stiftung im Zusammenhang der Sanierung des Umlauftanks, konzipiert von BARarchitekten und Gregor Harbusch. Galerie die raum, Oderberger Straße 56, 10435 Berlin. Laufzeit der Ausstellung: 13. September bis 27. Oktober 2013

Der Katalog kostet 10 Euro
http://www.bararchitekten.de/research/ludwig_leo_ausschnitt.html