IBA Hamburg

Eröffnung

Energiebunker, Algenhaus, Weltquartier
Besucher der IBA am Eröffnungswochenende, im Hintergrund ist die neue Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt zu sehen (Foto: Bodo Marks/dpa)

ENERGIEBUNKER, ALGENHAUS, WELTQUARTIER

Die am Wochenende in Hamburg eröffnete Internationale Bauausstellung sucht nach zukunftsweisenden und nachhaltigen Stadt- und Architekturkonzepten. Die IBA stieß aber bereits in der Vorbereitung auf Zweifel und Kritik – und ob sie wirklich das Potential für die Optimierung der Wohnqualität im Problem-Stadteil Wilhelmsburg hat, wird sich wohl erst in einigen Jahren beurteilen lassen.
// TILL BRIEGLEB

Hamburg Wilhelmsburg ist ein bisschen wie der Ruhrpott mal war. Hier gibt es enge Arbeitersiedlungen neben qualmenden Schloten, stoische Angler an befahrenen Industriekanälen, Schrebergartensiedlungen unterhalb von Schnellstraßen, über die Schwerlastverkehr donnert, Ein-Euro-Läden, Türken-Gangs, bröckelnden Backstein, Container-Gebirge und viel dorniges Gestrüpp.

Die große linsenförmige Flussinsel zwischen Norder- und Süderelbe besteht grob unterteilt zu einem Drittel aus Hafen- und Industrieanlagen, ein Drittel ist Siedlungsgebiet, der grüne Rest wird teilweise landwirtschaftlich genutzt. Das findet schön, wer Sinn für den morbiden Charme des industriellen Verfalls hat, zum Leben attraktiv ist es eigentlich nur für die Bevölkerungsschichten, die auf sehr billige Mieten angewiesen sind. Und entsprechend dieser Ausgangslage ist Wilhelmsburg seit Jahrzehnten Hamburgs Halde für Lärm, Schmutz und Chancenarmut gewesen.

Als Hamburg 2006 beschloss, ausgerechnet hier eine Internationale Bauaustellung zu veranstalten, erklärte man dieses selbsterzogene Problemkind plötzlich zur eierlegenden Wollmilchsau. Alles, was bisher dazu geführt hatte, dass Wilhelmsburg in der Kernstadt nördlich der Elbe als weißer Fleck auf der patriotischen Landkarte galt und auf den Stadtplänen der Touristeninformation unten abgeschnitten wurde, hieß jetzt plötzlich "Potential". Aus einem der giftigsten Müllberge Europas sollte zukünftig ebenso Energie gewonnen werden wie aus einem halb zerstörten Hochbunker der Nazis. Das locker bebaute Areal dieser "größten bewohnten Flussinsel der Welt – nach Manhattan" (so das IBA-Marketing) war plötzlich ein Labor für die Urbanisierung von Stadträndern. Und die migrantische Weltbevölkerung aus rund 100 verschiedenen Nationen, die hier lebt, sollte durch eine groß angelegte Bildungsoffensive mit diversen neuen Schul- und Fortbildungseinrichtungen zu einer glücklichen "Kosmopolis" verschmolzen werden.

Als nun an diesem Samstag die Internationale Bauausstellung Hamburg nach sieben Planungsjahren mit einem kleinen Eventprogramm eröffnet wurde, da flankierten doch einige offizielle Warnungen das typische Selbstlob solcher Veranstaltungen. Ein "abschließendes Urteil", so IBA-Chefplaner Uli Hellweg auf der Pressekonferenz zum Start des Präsentationsjahres, solle man bitte erst "in ein paar Jahren" fällen. Und diese Vorsicht bezieht sich weniger auf die Tatsache, dass zur Eröffnung der Ausstellung – in die von öffentlicher und privater Hand rund eine Millarde Euro investiert wurde –, ein großer Teil der Exponate noch in schneebedeckte Baugerüste gekleidet und innen häufig nicht über den Rohbau hinaus gelangt ist. Die Warnung ist vielmehr Ausdruck der Tatsache, dass diese IBA nach sieben Jahren vor allem Hoffnungen präsentiert und keine Ergebnisse.

Der Traum vom ersten energieautarken Stadtteil der Welt, der sich selbst mit Strom und Wärme versorgt, wird trotz zahlreicher Projekt-Prototypen frühestens 2050 erreicht. Ein Knick in der dramatischen Schulabbrecher-Quote kann vermutlich erst dann vermeldet werden, wenn die demnächst eröffnenden neuen Bildungseinrichtungen ihre Versprechungen unter Beweis stellen können – und dafür vom Hamburger Senat auch genug Geld erhalten. Das umstrittene Programm einer "Aufwertung ohne Verdrängung", mit dem die IBA den Stadtteil für Besserverdiener attraktiv machen möchte, ohne den örtlichen Billigwohnstandard zu beeinflussen, wird seine Auswirkungen auf den lokalen Wohnungsmarkt auch erst nach Ablauf der Bauaustellung zeigen. Und ob die ganzen hier präsentierten innovativen technischen Hauskonzepte wie Algenkraftwerk, Vollholzhäuser und Kaminentlüftung wirklich funktionieren, werden die Versuchskaninchen, die sie erproben, im Praxistest herausbekommen müssen.

Doch soviel Geduld haben die Kritiker natürlich nicht, vor allem die vor Ort lebenden. In einem pünktlich zur Eröffnung erschienen Band des IBA-kritischen "Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg" wird die Stimmung vieler Bewohner des Zweistromlandes auf den Punkt gebracht: "Wir glauben den Versprechungen nicht!" Damit ist vor allem die wichtigste IBA-These gemeint, die besagt, dass sich das Leben in Wilhelmsburg durch die IBA für alle spürbar verbessern werde. Doch wenn man sich auf den zentralen Ausstellungsplatz dieses Großprojektes konzentriert, die Neue Mitte Wilhelmsburg, dann kann man dort tatsächlich weder einen Nutzen für die armen Verwandten der modernen Stadtentwicklung entdecken, noch die „Neue Stadt“, die die IBA in Wilhelmsburg entwickelt haben will.

Die lose Ansammlung von Musterhäusern neben dem Turmgebäude der Neuen Stadtentwicklungsbehörde von Sauerbruch und Hutton ist vielmehr ein klassisches Siedlungsprojekt auf der grünen Wiese ähnlich der Weissenhof-Bebauung der zweiten IBA 1927 in Stuttgart – allerdings ohne deren Anspruch an eine neue Architektursprache. Zwar durften berühmte Architekten wie David Adjaye oder Arno Brandlhuber Ideen für das Areal entwickeln, aber umgesetzt wurden die Bauten dann von irgendwelchen Projektbüros – und entsprechend bieder sehen die Wohnwürfel aus. Trotzdem bergen diese gewöhnlichen Architekturen einige interessante Konzepte für ökologisches Bauen, für neue Verbindungen von Wohnen und Arbeiten unter einem Dach oder für ansehnliche Fertigbau-Konzepte für Menschen, die Loft-Ambiente schätzen. Nur vermitteln sie das leider nicht wirklich nach Außen. Aber Werbung für die eigene Sache war in den vergangenen sieben Jahren sowieso nicht die Stärke die Bauaustellung.

Gefangen im eigenen Fach-Kauderwelsch überschwemmte das IBA-Marketing den Migrantenstadtteil mit einer Sturmflut an Anglizismen, komplizierten Konzepten und unübersichtlichen Broschüren in Eiswasser-Farben. Viele gute Ideen und Vorschläge blieben so komplett unverstanden und verstärkten eher das Feindbild einer unerwünschten Landnahme von durchreisenden Klugschwätzern. Da brauchte es dann schon eines Ersten Bürgermeisters, um zur Eröffnung endlich die vielen vernünftigen Gedanken der Fachplaner auf eine griffige Formel zu bringen: "Ich bin der Meinung, dass man Verdrängung am Besten dadurch vermeidet, dass in allen Stadtteilen ärmere und reichere Bürger zusammenleben. Dazu muss man alle Viertel attraktiv machen und überall bezahlbaren Wohnraum schaffen", sagte Olaf Scholz. So versteht das IBA-Programm vermutlich jeder.

Acht Monate läuft das abschließende Präsentationsjahr dieser Internationalen Bauaustellung, parallel zu einer Internationalen Gartenschau, die am 26. April ihre Tore für geschätzte 2,5 Millionen Besucher öffnet – was auch nicht nur Begeisterung in Wilhelmsburg ausgelöst hat. Einige Projekte werden bis November noch fertig werden, andere, wie eine Wohnsiedlung der dänischen Stararchitekten von BIG, sind aber erst lange nach Auszug der IBA bezugsfertig. Dieses Nacharbeiten gilt auch für eine Maßnahme, die zu Beginn der IBA als zentraler Baustein des ganzen Projekts bezeichnet wurde, aber frühestens 2015 umgesetzt werden kann: die Verlegung einer aufgedeichten Schnellstraße, die wie ein Römerwall durch den bewohnten Teil der Insel führt. Wenn dieses Hindernis beseitigt ist, eröffnen sich in Wilhelmsburg erstmals wirklich große Areale für den Bau einer neuen Stadt. Und erst dann wird sich entscheiden, ob die Flussinsel ein neues Klondike für Renditesucher vom Immobilienmarkt wird, oder ob die Planer der Stadtentwicklungsbehörde an ihrem neuen Standort tatsächlich genügend politischen Gestaltungswillen besitzen, um eine ökologische, soziale und schöne neue Stadt zu bauen. Vielleicht aber siegt am Ende der alte Geist von Wilhelmsburg, und alles bleibt, wie es immer war: ein norddeutsches Ruhrgebiet mit Insellage, das seine Schönheit darin bewahrt, so anders zu sein, als all die neuen Städte.

IBA Hamburg

23. März bis 3. November, Hamburg-Wilhelmsburg

http://www.iba-hamburg.de

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1 Leserkommentar vorhanden

HOLGER E. DUNCKEL

16:16

16 / 04 / 13 // 

Poesie ist eine Insel

Endlich ein intelligenter Kommentar. Der sogenannte „Sprung über die Elbe“ war seit Anbeginn als unilaterales Kunststück geplant. Stadtplanerische Akrobaten suchten eine neue Manege. Hafencity und Elbkakophonie reichten als Droge nicht aus, um die Expansionssucht in der Stadt zu befriedigen. So kam ein „Dealer“ in seiner traditionellen, hanseatischen Müdigkeit über die Elbe gesprungen. Gleich im Doppelpack ungetrübter Assoziation von „Dittsche“ (Hamburger Komiker) und „Aldi“ (Deutscher Discounter) kam er, wie ein "fliegender Holländer“, in einem blau/weiß gestreiften Schlafanzug über die Elbe gesegelt. Um „Niederschwelliges“ zu vermitteln operierte die PR-Agentur schon im Vorfeld – und recht clever - mit dem „Unterschwelligen“. Weitere Kommentare sind im "Hunanistischen Journal : Zukunft + Kunst" zu finden: http://www.poesie-ist-eine-insel.de

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