Nationaloper Oslo
Norwegen
NEUE OPER FÜR OSLO
Architektur-, Kunst- und Musikfans, die nach Oslo in die neue Oper pilgern, haben Aussichten auf ein surreales Erlebnis und werden sich wie zum Kulturereignis hingebeamt fühlen. Vom Flughafen Gardemoen kommend, geht es in die Stadt mit dem Schnellzug Flytoget, der in Design und Materialverwendung gewisse Ähnlichkeiten mit einem Stealth Bomber hat. Am Osloer Hauptbahnhof angekommen führt direkt neben dem Bahnsteig eine stählern rundum mit Metall verkleidete Brücke über die Straße hin zum Opernhaus. Geht man diese entlang, ist es anfangs ungemütlich düster, doch nach kurzer Zeit taucht – sozusagen am Ende des Tunnels – ein strahlendes Weiß auf: die neue Oper, verkleidet mit noblem Carrara-Marmor. Schneeweiß und mehr von Wasser als von Land umgeben, lässt das Gebäude an schwimmende Eisberge denken.
Abgesehen von den Bauwerken, die auf dem Weg vom Zug zur Brücke erspäht werden können, ist die Oper das erste, was der so Anreisende von Oslo sieht. Womöglich hat der Bauherr sich einiges dabei gedacht, die Leute quasi vor das Foyer zu beamen und an anderen öffentlichen Räumen vorbeizuleiten. Vermutlich wurde die Brücke nicht nur gebaut und mit Dach und Seitenwänden versehen, um die Besucher sicher und trocken über die Straße zu bringen und ihnen die neue Oper als ersten Oslo-Eindruck zu präsentieren.
Wer die norwegische Hauptstadt kennt, weiß, dass sich in unmittelbarer Nähe zu Bahnhof und Oper ein im skandinavischen Vergleich großes Drogen- und Rotlichtmilieu angesiedelt hat. Auch dem Dank Ölmilliarden so reichen Norwegen mit seinem recht gut ausgebautem Wohlfahrtsstaat ist es nicht gelungen, alle Bürger vor dem Absturz zu bewahren. Mit der geschlossenen Brücke allerdings wird verhindert, dass die Operngäste dieses Problem zu Gesicht bekommen.
Es geht mehr als nur ein paar Schritte über den weißen Marmor, bevor das Gebäude betreten werden kann. Viel verlockender, als direkt in das Foyer zu gehen ist, der Oper zunächst einmal aufs Dach zu steigen. Das Architekturbüro Snøhetta wollte den Bewohnern der Stadt Freiraum geben. So ist das Haus auch dann attraktiv, wenn innen keine Veranstaltung stattfindet und kann auch jenen etwas bieten, die sich für Musik weniger interessieren. Gleichzeitig wird jedem der norwegischen Steuerzahler, die den Bau mitfinanziert haben, etwas zurückgegeben – kostenlos. "Hier auf dem Dach ist nichts zu verkaufen", sagt Kjetil Trædal Thorsen, für das Projekt verantwortlicher Architekt bei Snøhetta, später in einem Vortrag.

