Architektur Biennale

Interview

"Vermeidung ist oft die bessere Option"
Der Generalkommissar des deutschen Pavillons: Muck Petzet (© Gerhardt Kellermann/RRR - German Pavilion 2012)

"VERMEIDUNG IST OFT DIE BESSERE OPTION"

Im Namen von Fortschritt und Wachstum wird in Deutschland schnell die Abrissbirne geschwungen und von Grund auf neu gebaut. Das Ergebnis ist meist pure Energieverschwendung, die sich viele Bauherren nicht mehr leisten können. Auch der ästhetische Gewinn ist oft zweifelhaft. Mit seiner Ausstellung im Deutschen Pavillon der 13. Architektur Biennale in Venedig, zeigt Muck Petzet die Alternativen: Wem der Umbau des Bestehenden und die Optimierung des Funktionierenden gelingt, dem gehört die Zukunft. art sprach mit dem Münchner Architekten und Generalkommissar des deutschen Pavillons.
// KITO NEDO

art: Das Motto ihrer Ausstellung heißt "Reduce Reuse Recycle" – was heißt das im Bezug auf die gegenwärtige Baukultur?

Muck Petzet: Grundsätzlich geht es in der Ausstellung um Ansätze und Strategien, wie man mit dem Bestand sinnvoll umgehen kann. Das ist ja keine Neuigkeit: Wir bauen in Deutschland hauptsächlich nur noch um. Doch außerhalb des Denkmalschutz-Kontextes gibt es nur wenig inhaltliche Beschäftigung mit diesem wichtigen Thema.

Die Grundidee unserer Ausstellung besteht darin, sich eine fremde Brille auszuleihen: Wir betrachten den Umgang mit bestehender Architektur aus dem Blickwinkel der Abfallvermeidung. Wir hoffen, durch diese Fremdbetrachtung etwas Neues über das Tun von Architekten herauszufinden. Tatsächlich haben wir – gerade in Hinsicht auf die "Vermeidung" von Umbau oder Abriss wichtige Strategien gefunden, die wir – ohne diesen Perspektivwechsel – nicht gefunden hätten.

Warum sollte man Umbau vermeiden?

Normalerweise beschäftigt man sich als Architekt gar nicht mit so einer Frage. Wir wollen ja verändern und freuen uns, wenn wir möglichst viel verändern können. Es gibt wenige Ausnahmen – wie etwa Cedric Price oder Lacaton & Vassal – die eine andere Haltung verkörpern: Da ist der erste Schritt, zu prüfen – braucht es hier überhaupt einen Architekten? Oder braucht es eher einen Berater, der sagt: "Lass es doch, wie es ist." Diese Hypothese, Vermeidung als erste und mitunter beste Option hinzustellen – darauf wären wir unter anderen Umständen vielleicht nicht gekommen.

Warum ist die Umbau- oder Neubauvermeidung so zentral?

Bei den meisten Bauprojekten geht es ja um Energieeinsparung. Doch oft ist diese Energieeinsparung nur mit einem großen Energieaufwand zu erreichen. Unklar ist, ob sich dieser Energieaufwand in absehbarer Zeit oder überhaupt amortisiert. Die Idee von "Reduce Reuse Recycle" ist es, zu sagen: Der geringste Energieaufwand zur Erreichung eines zukunftsfähigen Gebäudes ist der beste.

Statt eines weiteren Architektur-Manifests stellen Sie Fragen – warum?

Jeder der von uns gezeigten Fälle liegt anders, da lässt sich nichts generalisieren. In der Architektur spielen sehr viele verschiedene Energien eine Rolle, das heißt, es geht nicht nur um Wärmeenergie oder die Energie, die aufgebracht wurde, um ein Gebäude zu errichten. Da können auch historische oder soziale Energien wichtig sein. Solche Energien berechtigen auch den Aufwand, um beispielsweise etwas zu erhalten, anstatt es einfach abzureißen.

Welche Rolle spielt Recycling in der Architektur?

Auf die gegenwärtigen Herausforderungen ist das nicht die richtige Antwort. Recycling ist in der Architektur allein auf Grund des hohen Gewichts und der resultierenden Transport- und Energiekosten problematisch. Energetisch ist es wenig sinnvoll, Rohbauten zu zerlegen oder Plattenbauten zu demontieren, zu lagern zu transportien und wieder aufzubauen. Es ist wesentlich sinnvoller, die schweren Rohbauten am Ort zu lassen und in einem 1:1 Recycling direkt weiterzuverwenden.

Wird heute zu viel neu gebaut?

Uns geht es um das Bewusstsein, dass jede bauliche Aktivität energetische Konsequenzen hat. Wir zeigen ausschließlich Projekte, bei denen fast liebevoll mit dem Bestand umgegangen wird, die diesen also nicht negieren und etwas grundsätzlich Neues wollen. Beim Umbau gibt es keine überall anwendbaren Rezepte, es gibt verschiedene mögliche Strategien, aber es gibt eine bestimmte, erfolgversprechende Denkrichtung: Wir propagieren eine affirmative, verstärkende Haltung im Umgang mit dem, was da ist.

Ist solch ein Appell nicht sehr idealistisch? Mit Umbauten macht man sich in der Architektur nicht unbedingt einen Namen.

Dass Umbau nicht so ein Renommee hat, ist bedauerlich und hängt mit der einseitigen Überbewertung autonomer Autorenschaft zusammen. Doch dadurch, dass vorher schon etwas da ist, wird die Leistung meines Erachtens nicht geringer. Die Intelligenz der Veränderung oder Fortschreibung eines vorhandenen Zustandes halte ich für eine essentielle architektonische Leistung. Da fehlt es tatsächlich oft an Anerkennung.

Es gibt auch Ausnahmen.

Je bedeutender das Gebäude vorher schon war, als umso bedeutender wird auch der Umbau empfunden. Das sieht man etwa am Neuen Museum in Berlin, welches von David Chipperfield umgebaut wurde. Trotzdem: Grundsätzlich wird eine ähnlich kreative Leistung gebraucht, um einen Plattenbau zu modernisieren, wie ein Museum. Doch das Museum empfindet man als wichtiger. Diese Wahrnehmung muss sich ändern. Auch kleine Projekte können Statement-Charakter haben – wie der von uns gezeigte Anbau an ein Wohnhaus in Aachen durch die Architekten Martenson und Nagel Theissen. Beim "Haus Schreber", handelt es sich um einen im Grunde ganz minimalen Umbau, wo die vorhandene Substanz eines Siedlungshauses aus den Zwanziger Jahren mit zeitgenössischen Mitteln fortgeführt wurde.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob wir den Architekten noch als Schöpfer brauchen und was Deutschland zur Architektur der Zukunft beitragen kann...

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