Richard Pare

Avantgarde-Bauten



DAS ERBE DER REVOLUTIONÄRE

Die Ausstellung "Baumeister der Revolution – Sowjetische Kunst und Architektur" zeigt Fotografien von Richard Pare. Er hat 15 Jahre lang die erhaltenen Bauwerke aus der Zeit der russischen Avantgarde der zwanziger Jahre dokumentiert. Die Fotografien waren bereits im MoMA in New York und Moskau gezeigt, in Berlin werden sie nun erstmals im Kontext zu den Architekturentwürfen der Konstruktivisten und historischen Aufnahmen zu sehen sein. art-Autorin Lena Schiefler sprach mit Fotograf Richard Pare über die Ausstellung.
// INTERVIEW: LENA SCHIEFLER

Mister Pare, was verbindet die ausgestellten Architekturentwürfe der sowjetischen Revolutionskünstler mit den aktuellen Fotos realisierter Gebäude, die 90 Jahre nach ihrer Entstehung baufällig und unbeliebt geworden sind?

Richard Pare: Die Grundidee der Ausstellung ist es, die Aspekte der modernen Architektur in Russland herauszufiltern. Nach der Revolution 1917 und der kritischen Phase des Bürgerkrieges bis 1922 war ein Bauen so gut wie unmöglich. In dieser Zeit entstanden viele der ausgestellten Entwürfe. Als diese ersten modernen Projekte später in westeuropäischen Zeitungen veröffentlicht wurden, war das sowjetische Experiment, eine neue Architektursprache für ein neues Zeitalter zu erschaffen, bereits im Gange: Eine ganze Reihe von außergewöhnlichen Bauten entstand, deren Überreste ich in den letzten Jahren fotografiert habe.

Die Avantgarde versuchte nicht nur alle Kunstgattungen, sondern auch das Leben mit der Kunst zu vereinen. Was passierte mit den gebauten Unikaten, nachdem Stalin mit seiner Staatspolitik des "Sozialistischen Realismus" der grenzenlosen Phantasie ein Ende setzte?

Fast alle Bauwerke fielen in einen erbärmlichen Zustand. Die Architekten hatten an den Arbeiterklubs, Sanatorien und Brotfabriken neue Materialien ausprobiert, von denen manche den harten russischen Winter nicht einmal überstanden. Und Stalin konzentrierte sich nach 1934 auf historistische Projekte wie den "Sowjetpalast" oder "Sieben Schwestern". Diese Hochhäuser hatten mit einem "Sozialistischen Realismus" nichts mehr zu tun. Und die Meisterwerke rührte seither kein Bauherr mehr an.

Der Denkmalschutz spielt im Westen eine sehr große Rolle. Wie haben Sie als Brite, der in New York lebt, auf die Vernachlässigung dieser Bauikonen reagiert?

Zunächst war ich sehr überrascht, wie viele Gebäude schließlich auch den Zusammenbruch der Sowjetunion 1992 überlebt hatten. Später verstand ich, warum: Es gab keine andere Möglichkeit. Sie abzureißen wäre sehr teuer geworden und neue Wohnungen werden kaum gebaut. Also begann ich, eine Bestandsaufnahme der Gebäude zu machen, die noch erhalten waren.

Was ist aus ihnen geworden?

Viele von ihnen wurden mittlerweile radikal umgebaut oder wegen ihrer baulichen Hinfälligkeit zerstört; nicht nur in Moskau oder Sankt Petersburg, auch in Baku, Charkow, Sotschi, Jekatarinburg. In dieser Hinsicht bin ich ein glücklicher Mensch, dass ich sie überhaupt noch dokumentieren konnte.

Welche gesellschaftliche Verantwortung lastete auf den Architekten der zwanziger Jahre?

Ein Großteil der modernen Architekten stand unter dem missionarischen Druck, eine neue Architektursprache für die gerade gegründete Sowjetunion zu finden. Visionäre wie Konstantin Melnikow und Moisej Ginzburg schufen für eine kurze Zeit tatsächlich bahnbrechende und erfindungsreiche Designs. Melnikow wurde von der Kommission beauftragt, 1925 den Sowjetischen Pavillon auf der Exposition Internationale des Arts Décoratifs in Paris zu bauen. Nach seiner Rückkehr nach Russland, wo er als Held gefeiert wurde, sollte er dann die ersten Arbeiterklubs bauen. Der wegen seines dreieckigen Grundrisses bekannteste von ihnen ist der "Klub Russakow" von 1927. Er galt als Prototyp für die Klubhäuser, in denen die Massen politisch und kulturell organisiert wurden. Dieser Erfolg verschaffte ihm und seiner Familie die Möglichkeit, ein eigenes Haus zu bauen. Das Atelierhaus wurde als Wohn-Experiment bedacht, das war die Bedingung.

Das "Melnikow-Haus" (1928 bis 1931) besteht aus zwei sich durchdringenden Zylindern, deren weiße Außenwände durchgängig von sechseckigen Fenstern gebrochen werden. Worin liegt die nicht abebbende Faszination?

Das Haus mutet immer noch radikal im Design an. Aufgrund des kleinen Budgets, das man ihm zur Verfügung stellte, ist es technisch wirklich sehr gewagt. Die Außenwände bestehen aus diagonalen Mauerwerksrahmen, die Zwischendecken ruhen auf kassettenartigen Trägern. Melinkow wählte neue Wege, um die festen Strukturen, Ecken, rechten Winkel aufzuweichen. Die Fensterfront ist alles andere als starr und jedes einzelne Fenster erinnert an funkelnde Diamanten. Melnikow schaffte es, schnell und günstig zu bauen und vereinte Leben und Arbeit miteinander: der Wohnbereich im Erdgeschoss, Schlafräume und Bibliothek im Obergeschoss und darüber das Atelier mit einer Dachterrasse. Seine Karriere beendete er mit einer architektonischen Meisterleistung des letzten Jahrhunderts.

Die Avantgardisten phantasierten, Zeit und Raum zu überwinden, um ewiges Leben zu erreichen. Doch als 1924 der einbalsamierte Leichnam des Revolutionsführers Lenin im Mausoleum auf dem Roten Platz aufgebahrt wurde, lehnten sie die Konservierung als eine Form von Unsterblichkeit ab. Wieso wurde auch die Pilgerstätte bereits in den Zwanzigern als reaktionär verrufen?

Das Mausoleum ist ein klassischer Bau, der an die Grabstätte von Helicarnassus erinnern sollte. Der Architekt Alexej Schtschussew war das, was man einen konservativen Modernisten nannte. Er war ein politischer Mann und verfügte über erheblichen Einfluss in der Architektur. 1923 plante er einen Teil der Stadtumstrukturierung in Moskau. Bei dem Bau des Mausoleums ging er aufs Äußerste: Der feine strahlende Marmor verhalf, den Personenkult um Lenin zu etablieren.

Ist es wahr, dass Russland sich die "Christi-Erlöser-Kathedrale" auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO wünscht?

Lacht Die Kathedrale war bereits bei ihrem Bau 1839 ein wirklich schlechtes Bauwerk. Stalin riss sie in den 30ern ab, um den "Sowjetpalast" an ihrer Stelle zu errichten. Nur das Sockelgeschoss des gigantischen, 315 Meter hohen "sozialistischen Vorzeigebaus" mit thronender Lenin-Statue wurde errichtet. Ab der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkrieges lag der Bau brach. Erst nach Stalins Tod ließ ihn Chruschtschow 1953 in ein beheiztes Freibad umbauen, das jedoch auch wieder geschlossen und das Gelände am Moskwa-Ufer zurück an die russisch-orthodoxe Kirche gegeben wurde. Zwar ist bis heute unklar, woher plötzlich das viele Geld kam. (170 Millionen US-Dollar, Anm. L.S.) Aber die Kathedrale wurde 1995 innerhalb weniger Jahren wieder aufgebaut und ist aus dem ästhetischen Blickwinkel lediglich wegen ihrer Vulgarität nennenswert – unter ihr befindet sich sogar eine Tiefgarage. Dennoch ist sie zu einer der größten Touristenattraktionen Moskaus geworden… Sie auf die Weltkulturerbeliste zu setzen wäre ein Witz!

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen den modernen Entwürfen und dem "Federation Tower", der mit 448 Metern der höchste Turm in Europa werden soll?

Nicht wirklich, außer vielleicht in der Höhe des von Tatlin entworfenen "Monument für die 3. Internationale", das 450 Meter hoch werden sollte. Die neuen Gebäude in Moskau haben ziemlich wenig mit dem zu tun, was in den zwanziger Jahren entworfen wurde. Auch wenn die Grundsteine der "City of Moskau" von Chruschtschow in den sechziger Jahren als Idee des Retrodesign gelegt wurden, um deutlich Position gegen Stalin zu beziehen. Aber die jüngeren Gebäude in Moskau entstanden, abgesehen von einer Handvoll ehrenhafter Ausnahmen, aufgrund von Gier und Eitelkeit. Der bis 2010 regierende Bürgermeister Juri Luschkow wollte seine Fingerabdrücke hinterlassen.

Was sagt uns Moskau mit seinen derzeit entstehenden Bauwerken?

Für ein Urteil ist es eigentlich noch viel zu früh. In Moskau versucht immer noch jeder herauszufinden, was diese neue Freiheit wirklich bedeutet. Dennoch: Menschen erschaffen spektakuläre Gebäude, haben aber nicht genügend Zeit, sich mit der Wichtigkeit der Stadtentwicklung und Organisation zu beschäftigen. Es gibt keine Strategie. Es regiert das pure Chaos, denn die Leute wollen einfach nur Geld machen.

Gibt es Baubestimmungen, ähnlich der Berliner Traufhöhenregelung?

Es gibt keinen durchgängigen Plan, der klare Grenzen vorgibt, was gebaut werden darf oder was nicht. Somit sind die Ergebnisse auch immer nur wenige Schritte von einer Katastrophe entfernt: So gibt es in den Wolkenkratzern zu wenige Fluchtwege und nicht ausreichend Parkplätze für die Angestellten.

Aber ein Denkmalschutz existiert schon in Russland?

Ja, genauso wie in anderen Ländern auch. Aber er wird kaum praktiziert. Zwar gibt es unter den Palästen und den älteren Gebäuden nennenswerte Beispiele, doch für die Arbeiten der Moderne stehen nicht einmal sorgfältig ausgeführte Entwürfe zur Verfügung. Die 1919 bis 1933 entstandenen Dessauer und Weimarer Bauhaus-Bauten wurden immerhin restauriert und 1996 in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. Aber in Russland gibt es keine vergleichsweise anspruchsvolle Restauration. Höchstwahrscheinlich wird es noch sehr lange dauern, bis ein derartiger Erfolg in den Ländern der alten Sowjetunion zu verkünden sein wird.

Woher kommt das Desinteresse an den "Baumeistern der Revolution"?

Die Russen erkennen einfach nicht die Wichtigkeit dieser Bauwerke. Die Wohnungen sind zu klein für die Ansprüche der Moskauer oder sind nicht genügend gedämmt, ein wichtiges Kriterium in der Provinz. Außerdem stützt sich die Avantgarde auf den Kern der Idee vom sowjetischen Sozialismus. Und alles, was vom verbotenen Baum der Sowjets kommt, ist nicht gut. Das ist überhaupt nicht wahr, aber so sehen es die Russen heutzutage. Als wir 2006 unsere erste Konferenz zu dieser Problematik in Moskau hatten, war der Tisch festlich geschmückt mit Essen und Wodka, aber keiner kam. Wir warteten und warteten. Als dann doch endlich jemand den Raum betrat, begann er mit dem Essen, ohne Notiz von uns zu nehmen oder zu fragen, weshalb wir hier seien.

Welche Rolle spielen Sie als Fotograf in diesem Teil der Geschichte?

Vielleicht kann man sagen, dass durch meine Arbeit jetzt mehr Menschen über die großartigen Leistungen der Avantgardisten im Bilde sind. Was die Hinterlassenschaft der Moderne angeht, so stelle ich nicht den Anspruch, den Gang der Geschichte zu ändern. Ich habe kein Geld. Ich bin nur der Typ mit der Kamera.

Haben Sie denn im Laufe Ihrer Arbeit auch eine romantische Leidenschaft für Ruinen entwickelt?

Oh ja. Die Aufnahmen des Sanatoriums von Moisej Ginsburg in Kislowodsk im Nordkaukasus wurden sogar das erste Mal in der "Ruine" gezeigt, dem Atelier des genialen Architekten Alexander Brodsky. Es entstand eine wahnsinnige Spannung zwischen den Bildern des Amphitheaters und diesem Raum, der sich in der Dachkammer des Seitenflügels im Schusev-Architekturmuseum Moskau befindet. Aber das ist eine andere Geschichte.

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