Rem Kolhaas / OMA

London

Die jungen Bilderstürmer
Ein OMA-Projekt in Dubai ist das Renaissancehochhaus von 2006. "Ein einzelnes monolitisches Raumkonstrukt (...) mit Büros und Businessforen, Hotels und Residenz-Suiten, künstlerischen und urbanen Plätzen", heißt es auf der Website der Architekten (Courtesy Barbican Art Gallery / OMA, VG Bild Kunst 2011)

DIE JUNGEN BILDERSTÜRMER

OMA steht für "Office For Metropolitan Architecture" und für architektonische Energie. In einer Werkschau in der Londoner Barbican Art Gallery präsentiert das Rotterdamer Büro um Rem Kolhaas einen Fundus aus 36 Jahren Erfindungsreichtum. Verschachtelung ist nur eine Form aus der OMA Ideen schöpft, um städtische Skylines zu konstruieren.

// HANS PIETSCH, LONDON

Wenn Meister Rem Koolhaas auf Reisen ist, so geht das Gerücht, herrscht in Rotterdam Ruhe. Jeder geht leise seiner Arbeit nach, alles läuft wie geschmiert, jedoch mit gedrosselter Geschwindigkeit. Als sei die Maschine auf Stand-by geschaltet. Sobald er jedoch durch die Tür tritt, fegt ein Stromstoß durch die Räume. Energiegeladene Atmosphäre, frenetische Aktivität, man geht nicht, sondern rennt. Der Meister gründete sein Büro OMA (Office For Metropolitan Architecture) mit zwei Kollegen 1975 an der renommierten Londoner Schule der Architectural Association. Eine Gruppe radikaler Denker, deren provokative städtebauliche Projekte zunächst nicht für die Umsetzung gedacht waren und Utopie bleiben sollten.

Erst als sie sich in Rotterdam niederließen, wurde ihr erstes Projekt verwirklicht: das Theater des Nederlands Danse Theater in Den Haag, dessen ineinander verschachtelte Formen in Ansätzen schon auf spätere Arbeiten des Büros verweisen. Zum Theoretisieren und Philosophieren gründete Visionär Koolhaas AMO, eine Denkfabrik, die in Bereiche außerhalb der Architektur vordringt, von Politik bis Mode, und in der ohne selbstauferlegte Grenzen in die Zukunft gedacht wird.

Alles ist Architektur - Architektur ist alles

Eigentlich sollte OMA seine Werkschau für das Barbican selbst zusammenstellen, doch dann entschieden die Architekten aus Rotterdam, nach der großen selbst kuratierten Schau in der Berliner Neuen Nationalgalerie von 2003 nun den Stab an einen Außenseiter abzugeben: an das Design-Büro "Rotor" aus Brüssel. "Junge Architekten", so schreibt OMA im Katalog, "die beschlossen, aus irgendeinem Grund keine Architekten zu sein".

Monatelang schnüffelten die jungen Bilderstürmer in den auf der ganzen Welt verstreuten Büros herum, wo sie sich wohl von OMAs verquerer Denkweise anstecken ließen. Sie durchforsteten das umfangreiche Archiv und förderten Erstaunliches zu Tage: von einem in seinen Ausmaßen fast furchteinflößenden Modell des CCTV (das politisch viel gescholtene Hauptquartier des staatlichen Fernsehens in Beijing), über Materialproben wie Marmor oder wiederverwendeten Glas, bis zu zwei rätselhaften weißlichen Klumpen, künstlerisch angestrahlt, von denen selbst die Kuratoren nicht wissen, ob es Modelle sind oder lediglich zwei Gipsklumpen. Ein Raum ist ganz mit Papierabfällen aus der Mülltonne in Rotterdam ausgeschlagen, und auf einem riesigen Bildschirm rast eine schwindelerregende Diaschau vorbei. Eine 24-stündige Schleife mit sämtlichen 3,5 Millionen Bildern der OMA-Webseite.

"Wir haben eine Ästhetik darum herum gebaut"

In einem Raum der Schau dürfen sich die OMA-Mitarbeiter frei von der Leber weg äußern: Was denken sie, woran arbeiten sie gerade, worüber ärgern sie sich, was schwebt ihnen für die Zukunft vor? Da liest man so kernige Sprüche wie "Der Weg, der der Weg ist, ist nicht immer der Weg" oder "Ein Gebäude ist nicht länger eine Frage der Architektur, sondern der Strategie". Und ganz lapidar: "Was kommt als Nächstes?" Alles was OMA anpackt, ist von großer Intelligenz durchdrungen, und nicht selten scheint auch ein sympathischer, selbstkritischer Humor durch. Eine weitere Besonderheit von OMA ist, dass es – anders als die meisten Architekturbüros – bereit ist, Fehler einzugestehen. Ein schönes Beispiel für diese Offenheit ist ein kurzes Video, das eines seiner berühmten Projekte, ein Wohnhaus in Bordeaux, aus der Sicht einer Putzfrau zeigt. Stöhnend muss sie den Staubsauger eine mit scharfen Kanten versehene Wendeltreppe hinaufschleppen. Kein Vergnügen, sagen die Architekten bedauernd. Auch geben sie zu, dass sie sowohl den Launen ihrer Auftraggeber als auch kommerziellem Druck ausgesetzt sind. Doch "anstatt darüber zu jammern", schreiben sie, "haben wir darum herum eine Ästhetik gebaut."

Die Schau im Barbican fällt zeitlich zusammen mit der Eröffnung von OMAs ersten beiden Projekten in Großbritannien – dem kleinen und intimen Krebszentrum Maggie’s Centre in Glasgow und dem für die Rotterdamer äußerst zurückhaltenden Hauptquartier der Privatbank NM Rothschild in der Londoner City. Dass OMAs erstem fertiggestelltem Bau, dem Nederlands Danse Theater, nach nur 30 Jahren der Abriss droht, unterstreicht nur, wie wichtig für Architekten eine ständige Erneuerung von Ideen ist.

OMA / Progress

Barbican Art Gallery, London. Bis 19. Februar 2012

http://www.barbican.org.uk

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1 Leserkommentar vorhanden

archi

16:55

10 / 04 / 12 // 

upps!

koOlhaas

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