Norman Foster

Interview

"Gebäude sind wie Kinder. Es ist gefährlich, Lieblinge zu haben."
Nicht nur architektonisch hoch hinaus: Sir Norman Foster (Filmstill / Copyright: Valentin Alvarez)

"GEBÄUDE SIND WIE KINDER. ES IST GEFÄHRLICH, LIEBLINGE ZU HABEN."

Ob die Kuppel des Reichstags oder der "Gherkin"-Turm in London, Sir Norman Foster steckt hinter den bedeutensten Architekturen der Welt. Seine Gebäude sind Meisterleistungen, seine Motti lauten "Funktionalität", "Beständigkeit" und "Anmut". Anlässlich des Dokumentarfilms "Wie viel wiegt Ihr Bauwerk, Mr. Foster?" (3Sat, 5. November, 22 Uhr) sprach art mit dem Architekten über Vorbilder, neue Perspektiven und architektonische Nachhaltigkeit.
// MANUEL MEYER, MADRID

Seine Gebäude sind spektakulär, weltbekannt und stets Superlative. Er baute die Reichstagskuppel, den Hearst Tower in New York, den Swiss-Re-Büroturm und die Millennium-Brücke in London, das Millau-Viadukt, Frankreichs größte Brücke, und den Flughafen von Peking, der für eine kurze Zeit der größte Flughafen der Welt war. Pritzker-Preisträger Lord Norman Foster gehört heute zu den weltweit renommiertesten Architekten überhaupt.

Der Dokumentarfilm "Wie viel wiegt Ihr Bauwerk, Mr. Foster?" (Erstausstrahlung auf 3Sat, 5. November, 22 Uhr) erzählt mit atemberaubenden Bildern nicht nur von Fosters Werken und seinem Verständnis von Architektur, sondern stellt auch den Menschen dar, der den Krebs überlebte und sich aus einer armen Arbeiterfamilie in England zum Guru der Architektur emporgearbeitet hat.

Sir Foster, der Dokumentarfilm gibt uns tiefe Einblicke in Ihre Arbeit und Ihr Leben. Was hat er Ihnen gebracht?

Es war sehr interessant zu sehen, wie das Film-Team Architektur ganz anders betrachtet als wir Architekten. Sie brachten buchstäblich eine neue Perspektive zum Tragen. Persönlich bot mir der Film auch eine Pause zum In-mich-gehen, insbesondere die Rückkehr zu den Wurzeln, zu meinen Eltern.

Sie sollen angeblich keine große Lust verspürt haben, diesen Film überhaupt zu drehen. Warum nicht?

Ja, am Anfang war ich widerwillig. Aber dann hat man mich überzeugt, und ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Das kann ich mir vorstellen. Im Film wird ausschließlich über Ihre Erfolge gesprochen.

Ich glaube nicht, dass der Film nur vom Erfolg handelt. Jeder, der sich einer Art von kreativem Unternehmen widmet, hat Projekte, die gut gehen und andere, die problematischer sind. Sogar wenn man erfolgreich ist, gibt es immer Dinge, die man gerne noch einmal angehen möchte, um sie besser zu machen.

Welches Gebäude würden Sie denn heute anders gestalten?

Alle! Tatsache ist, egal wie gut ein Gebäude ist, man will immer eine zweite Chance haben, um es besser zu machen.

Im Film werden vor allem Ihre architektonischen Superlative gezeigt. Machen Sie auch mal kleine Projekte?

Ich arbeite mit einem sehr talentierten Produktdesign-Team, und wir entwerfen viele kleine Objekte. Unsere kleinsten Projekte waren wahrscheinlich ein Türgriff und ein abgeschliffener Aluminiumstuhl.

Das Team, mit dem Sie arbeiten, ist groß. Wie viel Foster steckt noch in einem Foster-Gebäude?

Wir haben eine gemeinsame Philosophie über Architektur und Umwelt. Jedes Projekt wird von dem Design Board, dessen Vorsitzender ich bin, geprüft. In diesem Sinne bin ich also in jedes Projekt involviert. Unsere Größe erlaubt uns dabei, Designfragen im großen Maßstab anzugehen und darüber hinaus wertvolle Forschung zu betreiben.

Was macht für Sie gute Architektur aus?

Es gibt eine sehr alte Checkliste, die auf den altrömischen Architekten Vitruv zurückgeht: Funktionalität, Beständigkeit und Anmut. Ich glaube, das trifft noch heute zu, mit dem Zusatz "nachhaltig". Architektur beginnt für mich mit den Menschen. Sie ist im Wesentlichen eine Antwort auf Bedürfnisse, sowohl materiell als auch geistig.

Haben Sie ein Lieblingsgebäude?

Gebäude sind wie Kinder. Es ist gefährlich, Lieblinge zu haben.

Wie fühlt es sich eigentlich an, einer der wenigen Mega-Stars in der Welt der Architektur zu sein?

Ich habe mich selbst nie als Star betrachtet, geschweige denn als einen Megastar! Heute als Architekt zu arbeiten fühlt sich nicht viel anders an als vor 30 Jahren. Die Größenordnung unserer Projekte hat zugenommen und die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, sind gewachsen. Aber die Art und Weise, wie ich meine Arbeit als Architekt angehe, ist im Wesentlichen dieselbe geblieben.

"Wir haben keine Angst, aber wir haben Respekt."

Das hört sich nach "normaler" Arbeit an. Aber im Film wird Ihre Arbeit sogar mit den Werken Mozarts verglichen.

Sie beziehen sich auf einen Kommentar von Paul Goldberger. Ich glaube, was er sagte, war, dass das erfolgreichste Werk, sei es ein Musikstück oder ein Gebäude, anscheinend mühelos scheint. Ich nehme das natürlich als Kompliment an, zumal ich Mozart verehre. Aber etwas zu schaffen, das mühelos erscheinen mag und hoffentlich von Dauer ist, ist immer das Ergebnis einer ziemlich großen Anstrengung.

Ist Architektur eigentlich Kunst?

Ja und nein. Die Architektur hat sicherlich eine künstlerische Dimension. Aber anders als Künstler, die Gemälde, Skulpturen oder Filme kreieren, muss der Architekt sowohl Klienten, Nutzer und Ordnungsbehörden zufriedenstellen, als auch ästhetische Gesichtspunkte berücksichtigen. Man ist als Designer nie allein. Man kann nicht nur in einem Studio sitzen und eine kreative Vision aufbieten. Diese muss kontinuierlich mit der Realität abgewogen werden.

Wer sind Ihre architektonischen Vorbilder?

Es gab viele anonyme Architekten sowie bekannte Namen und natürlich Lehrer. Aber wenn ich einen auswählen müsste, wäre es Richard Buckminster Fuller. Er war ein großer Visionär, seiner Zeit weit voraus und einer der Ersten, die die Bedeutung von Ressourcenschutz und nachhaltigem Bauen erkannt haben. Sein Credo "mehr mit weniger zu machen" ist ein Leitprinzip unserer gesamten Arbeit. Sie können Bucky in dem Solarhaus-Projekt sehen, das wir zusammen gemacht haben. Sein Einfluss ist subtiler in den Türmen für Swiss-Re in London und Hearst in New York mit ihren dreiecksförmigen Strukturen.

Welche Rolle spielen umweltfreundliche Techniken in Ihrer Architektur?

Nachhaltigkeit ist einer unserer Ausgangspunkte. Wir streben immer danach, unsere Gebäude umweltfreundlich zu gestalten, sei es durch geringeren Energie- und Ressourcenverbrauch, die Erhaltung der Baumaterialien oder die Gewährleistung, dass diese flexibel genug sind, lange zu existieren.

Was für eine Architektur braucht die Menschheit für die Zukunft?

Architektur muss nachhaltig sein. Weltweit leben immer mehr Menschen in Städten. Das Design einer Stadt ist also eine der größten Herausforderungen: 70 bis 80 Prozent der Energie, welche die Gesellschaft produziert, wird von der Infrastruktur verbraucht, dem Personen- und Gütertransport sowie den Gebäuden selbst. Wir müssen die Flucht in die Vororte umkehren, was bedeutet, dass wir die Stadt zu einem attraktiveren Lebensort machen müssen, mit einer besseren Lebensqualität. Die nachhaltigsten Städte sind fußgängerfreundlich, ziemlich dicht, aber mit einem guten öffentlichen Verkehrssystem und einer vibrierenden Mischung aus Nutz- und Grünflächen zur Erholung. Manhattan ist ein Beispiel aus der Vergangenheit mit vielen Lehren für die Zukunft.

Nachhaltigkeit spielt auch in Ihrem Öko-Städtebauprojekt in Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine große Rolle.

Das Ziel von Masdar ist es, eine dichte, einladende, angenehme Gemeinde zu schaffen, die außerdem CO2-neutral ist und keinen Müll produziert. Die Stadt ist auf 700 Hektar Fläche und für 90 000 Einwohner geplant und wird in mehreren Phasen über die nächsten zehn Jahre gebaut. Das zu tun, wäre in jedem Klima und jedem Land dieser Welt eine Herausforderung. In einer Wüstenumgebung ist es besonders schwierig. Ich habe es mit der Herausforderung in der Vergangenheit, einen Menschen auf den Mond zu schicken, verglichen.

Gibt es eigentlich Projekte, an die Sie sich nicht herantrauen?

Wenn Sie vor vierzig oder sogar zwanzig Jahren gesagt hätten, dass wir das größte Gebäude der Welt entwerfen, oder eine gesamte Stadt konzipieren würden, wäre ich skeptisch gewesen. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass fast alles möglich ist. Wir haben keine Angst, aber wir haben Respekt.

Welches Projekt würden Sie demnächst gerne angehen?

Ich würde gerne das größere Thema des Wohnens angehen, jenseits der Architektur. Denken Sie daran, dass ein Drittel der weltweiten Bevölkerung in Slums lebt, 40 Prozent haben keinen Zugang zu Sanitäranlagen und 20 Prozent haben keinen Strom.

Sir Norman Foster

Dokumentarfilm "Wie viel wiegt Ihr Bauwerk, Mr. Foster?" (3Sat, 5. November, 22 Uhr Erstausstrahlung)

http://programm.ard.de

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