Auto und Stadt

New York

Glücksmaschine Grossstadt
Model des BMW Guggenheim Lab für die New Yorker Houston Street (Foto: courtesy Atelier Bow-Wow)

GLÜCKSMASCHINE GROSSSTADT

Mai ist der Monat der deutschen Autohersteller in New York, die sich in der Stadt versammelt haben, um mit Museen zu kooperieren. Die Projekte gehen über das übliche Kultur-Sponsoring hinaus. Denn sie drehen sich nicht um Kunst, sondern um Zukunftsplanung.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Während sich die Besucher draußen vor dem Guggenheim Museum in der langen Schlange für Eintrittskarten einreihten, hatten sich die Journalisten in der Rotunde versammelt, um zu erfahren, in welche Richtung die Zusammenarbeit von Autohersteller BMW und dem Guggenheim steuern wird.

Zwei junge Guggenheim-Kuratoren organisieren mit der finanziellen Hilfe von BMW ein Future Lab, das sechs Jahre um die Welt reisen soll. An diesem Morgen wurden erste Ergebnisse präsentiert. Das japanische Architekten-Team Bow-Wow stellte ihren Pavillon aus Kohlefasern vor, der als mobiles Laboratorium vom 3. August bis 16. Oktober im New Yorker East Village Station macht. 2012 reist er nach Berlin und landet schließlich in Asien.

Die Teilnehmer der ersten Runde für das ”weltweite multidisziplinäre urbane Experiment”, bei dem unter der Beteiligung der Öffentlichkeit neue Ideen und Lösungen für das Leben in Metropolen gefunden werden sollen, waren aus Kanada, aus Nigeria, den Niederlanden und aus der New Yorker Nachbarschaft Bronx angereist, um zu erklären, worum es denn nun genau bei diesem groß angelegten Projekt gehen soll. Es war von Abwassersystemen die Rede, um die sich der Mikrobiologe aus Lagos sorgte. Von Stresshormonen der geplagten Städter, die sich im Speichel messen lassen. Von der Stadt als Plattform für positive Interaktionen, das den Architekten aus Rotterdam am Herzen liegt. Von Müllentsorgung und dem Problem, dass Leute, die in sozialschwachen Gegenden wie der New Yorker South Bronx aufwachsen, sowieso nicht mitreden dürfen, wenn es um die Planung ihres Wohngebietes geht. ”Wie kann Demokratie aussehen?“ fragte der New Yorker Bronx-Repräsentant Omar Freilla, Aktivist in Sachen Umwelt und Gerechtigkeit. Sein Kollege aus Vancouver, der Journalist und Stadtforscher Charles Montgomery, war der Meinung, dass Städte letztlich nichts anderes als ein Apparat sind, der Glück kreieren soll. Es geht also um die ganz großen Themen. Doch wie schon der Begriff ”multidisziplinäres Experiment“ ahnen lässt, ist das Projekt dermaßen lose angelegt, dass es in diverse Richtungen gleichzeitig zu schießen scheint. Und so blickte man nach der Präsentation in viele ratlose Gesichter.

Weitere Kollaborationen wie mit dem MIT AgeLab, der Columbia University oder der Amsterdam School of Creative Leadership sind geplant. Ein Team internationaler Experten, darunter der argentinische Dirigent Daniel Barenboim, Architektin Elizabeth Diller oder der chinesische Unternehmer Wang Shi, sollen zusätzlichen Input liefern. Nach drei Jahren entwirft ein neues Architekten-Team das nächste Forschungslabor, das unter einem neuen Thema für zwei Jahre internationale Stationen besuchen wird. Danach ist eine dritte Runde mit neuer Besatzung geplant. Das Thema der ersten Welttour: Confronting Comfort – Komfort oder Behaglichkeit konfrontieren. Das Auto, das ja deutlich zum Komfort und natürlich zu den Problemen einer Stadt beiträgt, scheint bei dem Projekt allerdings bislang keine Rolle zu spielen.

Einen Tag später war der nächste deutsche Autohersteller in New York vor Ort, um sein Projekt in Kooperation mit dem New Museum und dem von dem Museum initiierten ”Festival of Ideas for the New City”, bei dem Experten und Bewohner für fünf Tage über Ideen für die Zukunft der Stadt diskutierten, vorzustellen. 2030 sollen laut Studien mehr als 70 Prozent der Bevölkerung in Städten leben. Audi-Vorstandsmitglied Peter Schwarzenbauer hatte die Vision von einem New York ohne Lärm, Ampeln oder Staus. Die Auto-Industrie würde sich in den nächsten zehn Jahren dramatischer als in den vergangenen 120 Jahren verändern, so Schwarzenbauer. ”Früher hat das Auto die Stadt geformt. In der Zukunft könnte es andersherum sein."

Audi präsentierte die Entwürfe von fünf New Yorker Architekturbüros, die sich jeweils ein Viertel vorgenommen und sich überlegt hatten, wie es sich im Jahr 2030 zum Besseren verändern könnte. Die Ideen sind durchaus spannend, aber zum Teil unausgereift. So sollen dichte Pflanzennetzwerke über Häuser gelegt werden, damit sich Natur und Tierwelt ihren Platz in der Großstadt erobern. Das Auto könnte in diesem Dschungel-Szenario als Samenverteiler dienen. Ein anderer Entwurf sieht vor, dass Gebäude weiter in die Höhe schießen, um mit Solarzellen ausgerüstet zu werden und sich selbst mit Energie zu versorgen. Der nächste Vorschlag ist ein intelligenter, digitaler Straßenbelag, der dafür sorgen soll, dass Straßen flexibel genutzt werden können. Ein Team schlug vor, den Tunnel einer überlasteten Hauptverkehrsader, den Trans-Manhattan-Expressway, aufzubrechen, um den Verkehr noch mehr zu verlangsamen und dafür neuen städtischen Raum mit Cafés und Geschäften zu schaffen.

Ergebnisse der Studien sowie die Ideen, die auf die fünf Konzepte des ”Audi Future Award“ von 2010 aufbauen, fließen im Unternehmen bei der Produktionsplanung ein. Womit ein Autohersteller neue Wege einschlägt, indem er die Umwelt nicht länger mit einem Produkt konfrontiert, auf das es mit neuen Straßen, Parkplätzen, Autobahnen oder Ampeln reagieren muss. Sondern zuerst die Bedürfnisse der Stadt untersucht, bevor ein neues Fahrzeug entwickelt wird.

Es wird sich zeigen, was für eine Art von Fortbewegungsmittel dabei herauskommt. Und mit welchen, hoffentlich konkreten Ideen die Guggenheim-Labs überraschen werden. ”Letztlich geht es bei Städten darum, dass Glück auf der individuellen und der größeren Ebene kreiert wird“, meinte Stadtforscher Charles Montgomery. Eine geringere Belastung durch Abgase und all den Lärm, den Autos verursachen, ist sicherlich ein bedeutender Schritt in Richtung Glück. Nächste Woche kündigt der Autobauer Volkswagen, zu dem Audi gehört, eine zweijährige Partnerschaft und gemeinsame Projekte mit dem Museum of Modern Art an. Auch hier wird es sich um die Zukunft drehen – es soll um Erziehung, Bildung und Nachhaltigkeit gehen.

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