Urban Future Award

Architekturpreis

Der Ingenieur bleibt der Gott aller Dinge
Alison Brooks Architects: Stadtentwurf für Mumbai (© AUDI AG)

DER INGENIEUR BLEIBT DER GOTT ALLER DINGE

Der Großkonzern Audi vergab den Urban Future Award für die besten Entwürfe von individueller Mobilität in der Stadt der Zukunft – leider aus der Perspektive des Autoherstellers.
// TILL BRIEGLEB, VENEDIG

Glückliche Pandabären hüpfen durch die Straßen Pekings, fliegende Karatekämpfer mit freiem Oberkörper beherrschen darüber den Luftraum, angefeuert von Helden der Arbeit aus der Mao-Zeit, ganzkörpertätowierten Schönheiten und feisten Babys mit Smartphones. Eingefasst ist die neue Pop-Metropole von einer Dornenkrone an grünen Superdildos, die Wohnhäuser und Ackerland gleichzeitig sind.

Der Verkehr fließt auf einer Art rutschendem Teppich, auf dem man sein Blob-Auto abstellt, um dann mit Millionen anderer Blobs abgasfrei über Förderbänder-Autobahnen transportiert zu werden. Das CCTV-Gebäude von Rem Koolhaas und die Verbotene Stadt schwimmen in dieser flüchtigen Kulisse herum wie Strandgut. So sieht die chinesische Hauptstadt im Jahr 2030 aus, meint Zhang Ke, der Chef von Standardarchitecture aus Peking. Und diese ironische China-Oper der Architektur, die Ke anlässlich des erstmals verliehenen Audi Urban Future Award entworfen hatte, ist die schönste Illustration von gleich mehreren Missverständnissen, die diesen hochdotierten neuen Architekturpreis begleiten.

Bereits die Konstruktion der Idee ist so eine typische Marketing-Grille, wie sie fragiler und widersprüchlicher kaum sein könnte. Wenn Audi einen Preis zur Zukunft der Stadt auslobt, bei dem sich sechs eigenwillige Architekten Lösungen für die drängendsten Probleme des Zusammenlebens ausdenken sollen, gleichzeitig aber die eigene Absicht damit beschreibt, unsere technische Kompetenz mit "kulturellem Know-How" zu erweitern – wie Audi-Chef Rupert Stadler es bei der Preisverleihung in Venedig im Vorfeld der Architekturbiennale erklärte – dann wird schnell klar, dass es hier nicht um die Zukunft der Stadt, sondern um die Zukunft des Autos geht.

Da es keine Metropole auf dem ganzen Globus gibt, die ihre Probleme durch den Individualverkehr gelöst hätte, vielmehr die Umwelt, die Nerven, die Lebensqualität und die Effektivität des Gemeinwesen proportional zur Zunahme des Privat-Mobils Schaden nehmen, ist ein Autohersteller einfach der falsche Auslober für so einen Preis – zumindest so lange, wie er seine wirtschaftlichen Ziele durch Absatzzahlen von Luxusgefährten definiert.

Lasse niemals Architekten vor sich hinspinnen!

Das zweite Missverständnis ist mindestens ebenso lange bekannt, wie jenes, dass man den Bock nicht zum Gärtner macht: Lasse niemals Architekten vor sich hinspinnen! All die lebensfeindlichen, gigantomanischen Schöpferphantasien, die Architekten ausgebrütet haben, wenn sie sich nicht mehr mit der konkreten Stadt auseinandersetzen wollten, hätten – in die Praxis umgesetzt – jährlich hundertmal die Welt zerstört. Und Zhang Kes Ring aus Öko-Hochhäusern ist da keine Ausnahme, denn zu seiner Realisierung müssten zunächst riesige Bereiche Pekings abgerissen werden, um dann mit gigantischem Aufwand neue Megastrukturen zu bauen, und das ist ungefähr so ökologisch wie die Ölkatastrophe im Golf von Mexico.

Schließlich zeigte sich das dritte große Missverständnis bei der Fest-Veranstaltung, wo die Jury unter Vorsitz der Stadtsoziologin Saskia Sassen den Preis vergab und die Konzepte der Büros erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurden: Marketing-Awards taugen nicht zur aufrichtigen Diskussion von globalen Problemen. Denn selbst die eigensinnigsten Architekten passen sich bei ihren Vorschlägen stillschweigend den Wünschen des Sponsors an. Dass der Gewinner der 100 000 Euro, die Audi als Preis vergab, genau jenes Konzept wurde, das sich fast ausschließlich aus der Perspektive eines Autobauers mit der Stadt beschäftigt hatte, war da nur logisch.

Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H entwarf eine Welt im Stile von "Matrix", nur dass die Menschen darin nicht in Glassärgen schlafen, sondern in ferngesteuerten Autos. Mit einem verstörenden digitalen Putzfimmel propagierte Mayer H eine Welt aus der Sicht des Vierrads, bei dem Dank technischer Vollversorgung alles ausgeblendet wird, was störend sein könnte. Schilder, Werbung, Dreck, Baustellen – alles weg. Die Welt der Zukunft ist bei Mayer Hs Autovision eine matt schimmernde Computerkulisse, eine vollvernetzte Techniklösung, die dem Menschen vor allem eins abgewöhnt: eigenverantwortliches Handeln.

Gaudi statt Urbi et Audi

Aber auch die weiteren Ideen krankten an der Voraussetzung, Teil eines Glamour-Events zu sein, der in der wunderschönen zweistöckigen Doppelhalle der Scuola Grande della Misericordia einen atmosphärisch überragenden Ort hatte. Die Kanadierin Alison Brooks, die einzige der Beteiligten, die sich wirklich konkret mit Problemen existierender Städte beschäftigte, hatte sich mit Mumbai (Bombay) ausgerechnet ein Beispiel gewählt, dessen Probleme sich eben nicht auf einer Handvoll Schautafeln und in einem lustigen bunten Stadtmodell erfassen lassen. Trotzdem war hier wenigstens das Bemühen zu erkennen, dem komplexen Feld der Stadterneuerung mit adäquaten Eingriffen zu begegnen. Der Künstler-Ökologe Enric Ruiz-Geli aus Barcelona versponn seine vielen interessanten Projekte der Vergangenheit, die stets unorthodoxe Lösungen zu Umweltproblemen mit einer futuristischen Ästhetik verbinden, in einer sehr assoziativen Ausstellungsshow mit indianischen Traumfängern und Pop-Videos, die Menschen, die dauernd auf Sekttablets schauen müssen, sichtlich überforderte. Und Bjarke Ingels vom dänischen Büro BIG entwarf zwar eine interessante Chronologie, wie sich das Gesicht der Städte mit dem Wandel der Mobilität verändert hat, lieferte am Ende aber statt einer Prognose auch nur das Einmaleins des technischen Optimismus ab, wie es dem Auslober sicherlich gut gefallen hat. Der Ingenieur bleibt der Gott aller Dinge.

Ingels selbst ließ sich bei der Preisverleihung vertreten, seine Kollegen von Diller Scofidio und Renfro aus New York hatten gar kein finales Design mehr abgegeben. Offensichtlich herrschte auch hier ein Missverständnis zwischen der Marketing-Abteilung von Audi und den Architekten über die Wichtigkeit der Veranstaltung. So blieb dieser erste Audi Urban Future Award eines jener aufwändig inszenierten Promo-Abende, wo blonde Schönheiten im weißen Kleid mit rot leuchtenden Bällen zur Dekoration rumstehen und Alkohol in Strömen fließt. Gaudi statt Urbi et Audi.

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2 Leserkommentare vorhanden

Turbolader

10:00

27 / 08 / 10 // 

"Two legs good, four wheels better!"

Highways statt Häuser, Autos statt Menschen!

Mike

15:55

11 / 10 / 10 // 

was das bitte?

netter bericht... aber wiso wurde das bild vom richard hamilton, am anfang, so brutal vergewaltigt? grüße :)

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