19 / 12 / 2007
Aqua-Architektur
Niederlande
LAND UNTER, HÄUSER DRÜBER
"Maximale Bebauungshöhe: 7,5 Meter über dem Wasserspiegel, maximale Tiefe: 1,50 Meter. Anlegen hauseigener (Segel-)Boote erlaubt.“ Anzeigen wie diese für ein Neubauprojekt im Amsterdamer Binnengewässer Ij sind für die Niederländer inzwischen fast normal. Immer häufiger wird nicht mehr Grund und Boden verkauft, sondern ein Stück Wasseroberfläche. „Aquawohnen“ heißt der neue Trend – und groß ist das Interesse an den insgesamt 110 „Grundstücken“, die im Ij für Amphibienhäuser reserviert wurden: „Wir werden losen müssen“, erklärt Mitarbeiterin Magda Rensburg.
Die „waterwoningen“, wie sie auch genannt werden, sind die Antwort der Niederländer auf den Klimawandel und den steigenden Meeresspiegel. Mit immer höheren Deichen allein, so die Erkenntnis, ist es nicht mehr getan: Nicht mehr gegen das Wasser kämpfen, lautet die neue Devise, sondern mit dem Wasser leben.
„Von Immobilien kann eigentlich keine Rede mehr sein“, schmunzelt Aart Zaaijer. Der Amsterdamer Architekt hat für das Amphibienprojekt im Ij Prototypen entwickelt, die fünf Jahre lang als Musterhäuser besichtigt werden konnten und nun zu Studentenwohnungen umfunktioniert werden sollen. „Damit sie nicht wegtreiben, sind sie mit Bügeln an wuchtigen Stahlpfeilern am Ufer befestigt“, erklärt Zaaijer. Je nach Wasserstand bewegen sie sich an diesen Pfeilern mit – nach oben oder nach unten. Die Versorgung mit Wasser und Strom und auch die Entsorgung erfolgt über Kabel und Schläuche. Vergleiche mit Hausbooten will Zaaijer nicht zulassen, dazu sei das Fundament dieser Häuser – ein mit Kunststoffschaum gefüllter Betonhohlkörper – viel zu stabil. „Selbst bei Sturm kommen sie kaum ins Schwanken!“
Die Amsterdamer Prototypen sollen auch in Almere genutzt werden, wo ein schwimmendes Dorf geplant ist. Groningen baut eine „Blaue Stadt“ im Wasser, und in Maasbommel wurden am Ufer eines Seitenarms der Maas bereits 37 „waterwoningen“ realisiert. „Das ist erst der Anfang“, prophezeit Koen Olthuis von „waterstudio.NL“ , dem ersten Architekturbüro der Niederlande, das sich ganz auf Amphibienbauten spezialisiert hat. Olthuis hat bereits schwimmende Restaurants entworfen, Apartmentkomplexe, Parkhäuser und Kirchen.
Klimaforscher Pavel Kabat von der Universität Wageningen geht davon aus, dass die Niederlande in 50 bis hundert Jahren zu einer großen Hydrometropole geworden sind, die auf dem Wasser treibt. Auf seinem Computerbildschirm ist diese Zukunftsvision längst Wirklichkeit geworden: „Statt einem Garten hat jeder eine Terrasse direkt am Wasser mit einer Anlegestelle für sein Boot. Sieht doch nicht schlecht aus, oder?“
19 / 12 / 2007
