VitraHaus

Weil am Rhein

Neues Haus für Luxusmöbel
VitraHaus, Architecture Herzog & de Meuron (Foto: Iwan Baan. © Vitra)

NEUES HAUS FÜR LUXUSMÖBEL

Das Architekturbüro Herzog & de Meuron hat der Firma Vitra auf dem Firmengelände in Weil am Rhein eine Ikone zur Präsentation ihrer "Home Collection" entworfen. Das neue Gebäude soll sowohl Showroom, Museum und Experimentierfeld sein. art sprach mit Jacques Herzog über das "VitraHaus".
// GERHARD MACK, RALF SCHLÜTER, WEIL AM RHEIN

Die Luxusgüter-Industrie steckt bis zum Hals in der Krise, da eröffnet die Designfirma Vitra ein neues Gebäude der Architekten Herzog & de Meuron, als wären sie von den Absatzeinbrüchen der Branche nicht betroffen. "2009 war für uns ein sehr schlechtes Jahr, und 2010 wird ebenfalls schlecht", stellte Vitra-Chef Rolf Fehlbaum vor den Medien klar. Aber darum gehe es nicht. Das neue VitraHaus ist Zeichen und Mittel eines strategischen Wechsels.

Seit ihrer Gründung 1950 hat sich das Unternehmen als ein Edelhersteller für Bürobedarf positioniert. Als die Absätze stagnierten, hat man 2004 eine "Home Collection" lanciert, die sich an designfreudige Privatleute wendet und seither das Wachstumssegment des Unternehmens ausmacht. Für dessen Präsentation bedarf es eines neuen Gebäudetyps, der zugleich Showroom, Museum und Experimentierfeld sein kann. Die Aufgabe an die Architekten lautete, einen Ort zu schaffen, den man gerne aufsucht und an dem man gerne verweilt.

Dass die Wahl auf Herzog & de Meuron fiel, liegt einerseits nahe. Sind die Architekten doch durch eine Vielzahl von Bauten aufgefallen, die eine klare Identität mit einer vielseitigen Nutzung verbinden. Andererseits mutet es an wie das Bekenntnis eines Versäumnisses. Als 1981 ein großer Brand das alte Firmengelände zerstörte, nahm die Besitzerfamilie das Unglück zum Anlass für einen Neuanfang, der auch architektonisch formuliert sein sollte. Der Brite Nicholas Grimshaw wurde mit einer ersten Produktionshalle beauftragt und sollte den Masterplan für die künftige Erweiterung erstellen und auch selbst bebauen. Firmen wollen schließlich erkennbar sein. Bei einer zufälligen Begegnung bekundete Frank O Gehry Interesse, für Vitra zu bauen, und Rolf Fehlbaum änderte das Konzept: Statt Einheit sollte Vielfalt das Werksgelände prägen.

"Mikadostäben, die übereinander fallen"

Die Welt kommt zu Vitra nach Weil am Rhein. Gehry baute das Vitra-Museum und eine Fabrikhalle, Alvaro Siza fügte eine in rotem Backstein hinzu, Zaha Hadid erstellte mit dem Feuerwehrhaus ihr erstes Gebäude, Tadao Ando sein erstes außerhalb Japans. Inzwischen sind eine geodätische Kuppel Buckminster Fullers und ein Bushaltehäuschen von Jasper Morrison hinzugekommen und anderes mehr. Später im Jahr wird eine halla des japanischen Büros Sanaa eröffnet. Nur die Weltstars aus Basel waren nicht vertreten. "Ich merkte erst in den neunziger Jahren, wie gut sie waren, dann hatten wir aber für 16 Jahre nichts zu bauen", gesteht Fehlbaum. Doch der erste Auftrag sollte an Herzog & de Meuron gehen, 2006 war es so weit.

Diese dankten dem inzwischen längst befreundeten Designer mit einem Gebäude, das behutsam auf seine Umgebung reagiert und sich souverän als neue Ikone behauptet. In respektvollem Abstand zum viel kleineren Designmuseum schraubt sich vor dem umzäunten Firmengelände mit seinen flachen Hallen ein Stapel von Riegeln über fünf Geschosse 21 Meter in die Höhe. Jeder hat den Querschnitt des vertrauten Hauses aus Boden, Wänden und Satteldach, die jeweilige Länge, Höhe und Breite variieren. Alle zusammen sehen sie aus wie die Scheite eines Lagerfeuers, die um eine offene Mitte gelegt sind. Das Stapeln gehört seit der frühen Lagerhalle für Ricola zu den wiederkehrenden Bildern von Herzog & de Meuron. Hier ist es durch einen Schuss Chaos gewürzt. Von "Mikadostäben, die übereinander fallen" sprechen die Architekten. Der Zufall solcher Formfindung wurde konzeptuell gereinigt. Im Erdgeschoss umlagern Konferenzraum, Entrée, Shop und Café einen Innenhof, dessen Holzbelag sich an den Baukörpern emporzieht und Sitzbänke ausbildet, die sich bis zum Café-Garten erstrecken. Eine intime und zugleich zur Umgebung offene Plaza, die Heimeligkeit verströmt und zum Verweilen einlädt.

Möbel für private Umgebung

Das Heim gab denn auch das Stichwort für die Verwendung der Urform des Hauses. Besucher sollen hier schließlich Möbel für ihre private Umgebung anschauen und womöglich auch kaufen. Überdies ließ sich mit der einfachen Form eine komplexe Struktur erstellen: Die einzelnen Baukörper ragen bis zu 15 Metern aus, an den Schnittpunkten durchdringen sie sich, und wo sie aufeinander aufliegen, schneiden sie in den Dachraum. Dabei entsteht nach außen eine architektonische Plastik, deren abstrakte Form durch die einheitliche schwarze Färbung betont wird. Die Isolation umschließt die Volumen wie Socken, Wände, Böden und Dach sind nicht voneinander unterschieden.

Nach innen schafft diese Struktur eine Vielfalt von bald intimen bald großzügigen Zonen, die ganz durch ihre Volumen wirken und auf die Kaschierung von Stößen und Kanten verzichten. Der Blick bricht sich, wird in anstoßende Riegel oder nach außen gelenkt. Die in fast allen Fällen vollverglasten Stirnseiten machen die Volumen zu Fernrohren, die ganz gezielt auf die markanten Punkte der Umgebung gerichtet sind: Firmengelände, die Landschaft und die Stadt Basel treten in den Blick. Es gibt Durchsichten über die ganze Länge, Durchblicke in andere Stockwerke und Blockierungen des Blicks. Die ovalen oder gerundeten Treppen und Körper für Lifte sorgen an den Schnittstellen als eine zweite Geometrie für zusätzliche räumliche Spannung. Wer hier lustwandelt, findet an jeder Möbel-Präsentation eine Schaltstation, mit der er per eigener Chipkarte alle Daten abfragen, die autorisierten Händler in seiner Nähe ermitteln und bei ihnen gleich eine Bestellung aufgeben kann. Eine bessere Animation, ein komplexeres Spiel mit einer einfachen und vertrauten Form hätte man kaum ersinnen können.

"Alle Gebäude hier sind gute Gebäude"

Jacques Herzog, Mitbegründer des Architektenbüros Herzog & de Meuron, im Interview über das Vitra-Haus:

Herr Herzog, was war der Grundgedanke des Vitra-Hauses?

Jacques Herzog: Das ganze Gebäude beruht im Grunde auf einem Paradoxon: Durch die Form des Satteldachs wirkt es heimisch, sehr vertraut. Es ist ja eine Form, die jedes Kind malen kann. Zugleich hat es etwas Surreales, Unwirkliches. Wir betrachten uns ja als unschuldig, was die Form betrifft.

Wie meinen Sie das?

Die Grundidee, mehrere Häuser übereinander zu stapeln, war sehr schnell da. Der Rest war ein Prozess, der auch viel mit Zufall zu tun hatte. Das heißt, der Architekt kreiert nicht eine Form aus sich heraus, sondern spielt viele Varianten des Häuserstapels durch. Irgendwann fällt er eine Entscheidung und sagt: Das ist es.

Es gibt hier auf dem Vitra-Gelände noch andere Bauten großer Architekten, Gehry, Zaha Hadid, SANAA... haben Sie beim Entwerfen auf diese Bauten Bezug genommen?

Alle Gebäude hier sind gute Gebäude. Wir haben uns aber mehr für die Landschaft interessiert, die Hügel, die Bäume... wir wollten, dass man sie durch die großen Glasfassaden wieder mehr beachtet, sich für sie interessiert.

Wie war die Zusammenarbeit mit Vitra-Chef Rolf Fehlbaum?

Sehr angenehm. Eine gute Klientenbeziehung ist für das Gelingen eines solchen Projekts enorm wichtig...

Dann sieht es ja nicht gut aus in Hamburg. Dort gibt es viel Ärger um die Elbphilharmonie, und der Bauunternehmer wirft Ihnen vor, zu viele Änderungen vorgenommen zu haben...

Öffentliche Bauprojekte sind immer viel schwieriger zu handhaben, zumal von der Größe der Elbphilharmonie. Ich bin aber sicher, dass es ein zauberhaftes Gebäude wird.

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