Deutscher Werkbund
Berlin
FUTURISMUS MADE IN GERMANY
Zum ersten Mal seit 1910 war Deutschland eingeladen, am Salon der „Société des artistes décorateurs“, der Vereinigung der französischen Inneneinrichter, im Grand Palais teilzunehmen. Die vier Bauhaus-Größen Walter Gropius, Marcel Breuer, Herbert Bayer und László Maholy-Nagy richteten in der „Section Allemande“ fünf Säle ein, die alle anderen Teilnehmern in Kompromisslosigkeit und Fortschrittswillen in den Schatten stellten.
Im Gegensatz zu dem in Frankreich vorherrschenden Trend zu üppigen Bordüren, Teppichen und Möbeln, wirkten die reduzierten, praktisch-schlicht designten Werkbund-Wohnwelten wie aus der Zukunft. Sie spiegelten den damals besonders in Berlin virulenten Wertewandel: Mobilität, Unabhängigkeit, Flexibiliät, Gleichberechtigung waren die Schlagworte der jungen modernen Großstädter.
Gropius beschäftigte sich mit dem Leben in einem zehngeschossigen Wohnhotel, das ihm wie ein eleganter Club vorschwebte. Im Mittelpunkt standen ein Gemeinschaftsraum mit Annehmlichkeiten wie Bar, Tanzfläche, Bibliothek sowie Sportmöglichkeiten wie Turngeräte, Schwimmbad und Massage. Herbert Bayer ließ zur Unterstreichung der bauhausspezifischen Serienproduktion Fototafeln im Raum schweben und Stuhlreihen an der Wand hängen. Marcel Breuer gestaltete ein mit reduzierten Stahlmöbeln eingerichtetes Apartment für das moderne, berufstätige, kinderlose Paar und verabschiedete sich auch in der Raumaufteilung vom klassischen Kleinfamilienmodell: Statt Wohn- und Schlafzimmer sah er für die gleichberechtigten Partner je ein eigenes Zimmer vor. László Maholy-Nagy zeigte zum ersten Mal seinen „Lichtraum-Modulator“, eine Leuchtskulptur.
Das deutsche Wohn- und Gebrauchsdesign wirkte 1930 unglaublich futuristisch im Vergleich zum herrschenden Hang nach aufwändigem Materialluxus. Und nicht wenige der Stücke sind bis heute heiß begehrte Klassiker, die viele Stadthäuser und Wohnlofts schmücken. Nun kann man sie in der originalgetreu nachgebauten Schau im Bauhaus-Archiv endlich einmal in dem von ihren Urhebern entworfenen Kontext sehen.
Leben im Hochhaus
Die Ausstellung im Bauhaus-Archiv Museum läuft bis 7. April 2008; Katalog: 32 Seiten, 24 Abb., 4 Euro an der Museumskasse, 6 Euro im Versand
