Oscar Niemeyer

Das Leben ist ein Hauch

"Zweckarchitektur stinkt"
"Der einzelne Mensch ist nicht wichtig, er wird geboren und stirbt. Das Leben ist ein Hauch, nur ein kurzer Augenblick": Oscar Niemayer vor seinem Museum of Modern Art in Niterói (Foto: Salzgeber Edition)

"ZWECKARCHITEKTUR STINKT"

Ob nun das Nationalstadion von Rio de Janeiro oder das UN-Hauptgebäude in New York – Oscar Niemeyer realisierte mehr als 600 ungewöhnliche Bauten, und viele davon sind weltberühmt. Wie könnte ein Mann, der mit vollem Namen Oscar Ribeiro de Almeida de Niemeyer Soares heißt auch biedere, langweilige Architektur entwerfen? Ab heute läuft ein Dokumentarfilm über ihn in den deutschen Kinos. Er zeigt, wie der Architekt zu seinem besonderen Stil kam – und wie staubtrocken er das Leben betrachtet.
// MAJA HOOCK

Es ist ja schon etwas pathetisch: "Eu tive um sonho", hört man Oscar Niemeyers raue Stimme aus dem Off, "Ich hatte einen Traum." Während er eben diesen Traum in klangvollem Portugiesisch beschreibt, sieht man ein Atelier im Halbdunkel. Der Blick aus dem Fenster zeigt den Strand von Rio de Janeiro. "Ich träumte, dass Rio nie besiedelt wurde, ich konnte die Natur und die Tiere sehen, die dort gelebt haben. Und ich verstehe, was Kafka damit meinte, dass es besser wäre, wenn es den Menschen nie gegeben hätte."

Niemeyers Bewunderung der Schönheit der Natur spiegelt sich deutlich in seiner großartigen Architektur wider. In "A vide è un sopro – Das Leben ist ein Hauch", an dem Regisseur Fabiano Maciel zehn Jahre arbeitete, berichtet Oscar Niemeyer (geboren 1907) über die Zeit als junger Architekt, die Entwicklung seines einzigartigen Baustils und die damaligen politischen Verhältnisse in der Heimat Brasilien. Unterbrochen wird seine Erzählung nur durch altes Filmmaterial, sehr ästhetische Aufnahmen seiner Bauwerke, wie die Kathedrale von Brasilia, von Zeichensequenzen des Architekten und einigen Statements von Kennern des Künstlers. Kein Sprecher kommentiert das Gesagte. Der Titel "Das Leben ist ein Hauch" bezieht sich übrigens auf ein Zitat Niemeyers. Als er von seiner Jugend erzählt, sagt er, sein Leben sei nichts Besonderes. "Es ist ein unbedeutendes menschliches Dasein, nicht mehr als ein Lufthauch."

Das volle Gesicht des heute 102-Jährigen in einer Nahaufnahme: dunkle Augen, buschige, schwarze Brauen, weißes Haar. Mit ernstem Blick zündet er sich einen Zigarillo an und beginnt über seinen Beruf zu erzählen, wie er dazu kam und was er davon hält. "Die Architektur hat eigentlich überhaupt keinen Nutzen", sagt er trocken. "Die einzigen, die davon ihr profitieren, sind die Reichen. Die anderen sind doch im Slum am Arsch." Die einzige Möglichkeit, wie Architektur sinnvoll sei, sei ihre Nutzung für soziale Projekte. Oder wenn sie die Menschen überraschen und erfreuen kann. Das ist also der Ansatz eines der bedeutendsten Architekten der Welt: Er will die Menschen glücklich machen. Dazu gehört für ihn auch, dass genug Licht und Luft in die Gebäude gelangt, dass die Menschen Platz haben und nicht eingepfercht wohnen oder arbeiten müssen. Niemeyer ist politisch weit links einzuordnen. Er ist Kommunist, hat aber seine Probleme mit Architektur, die nicht auf Lebensqualität sondern allein auf Effizienz ausgerichtet ist. Während seiner Sowjetreise bezeichnet er den dortigen Baustil als zu strikt und zu eng. Auch der westliche Bauhaus-Stil gefällt Niemeyer nicht: "Bauhaus ist das Paradies für Mittelmäßigkeit", zitiert er seinen Lehrer Le Corbusier und fügt hinzu: "Wenn man sich nur über die Funktion eines Gebäudes Gedanken macht, stinkt das Ergebnis."

Als Vorbild: scharfe Kanten und strikte Formen

Doch die geschwungenen Formen und die offene Gestaltung, für die seine Bauwerke berühmt wurden, entdeckte der Architekt auch erst mit der Zeit für sich. "Das Leben ist ein Hauch" dokumentiert seine berufliche Karriere von Beginn an. So beschreibt Niemeyer, wie er 1937 sein erstes Projekt noch ohne Bezahlung entworfen hat: Für das "Obra do Berço", ein Gebäude für eine Wohlfahrtsorganisation in Rio de Janeiro, musste er sogar draufzahlen. Das Haus war zwar noch grau, kastenförmig und nicht schwungvoll gerundet, doch schon damals war ihm die Wohnqualität der Menschen sehr wichtig. Als er das Haus sah und die Fassade nicht die speziellen Sonnenschutzlamellen hatte, bezahlte er den zweiten Versuch selbst. Er fühle sich ja schließlich für das verantwortlich, was er baue.

Neben seiner Abneigung gegen lebensfeindliche Zweckbauten ist Niemeyers Bewunderung für die Schönheit der Natur entscheidend für seinen außergewöhnlichen Stil. Und da scharfe Kanten und strikte Formen in der Natur nun einmal nicht vorkommen, nimmt Niemeyer sich alles als Vorbild, was schön geschwungene Rundungen hat. "Das können die Berge sein, aber auch der Körper einer geliebten Frau", erklärt er. "Das Universum ist eben geschwungen und nicht eckig." Also baut Niemeyer Kirchen, die wie Erdhügel, und Museen, die wie futuristische Dessertschalen aussehen. Seine Wohnhäuser sind von ihrer Farbe und Form oft auf die Natur abgestimmt, denn sie sollen sich harmonisch in ihre Umgebung einfügen. Niemeyer lacht etwas zynisch, wenn er sich an eine Begegnung mit Walter Gropius erinnert. Als der ihn in seinem ländlich gelegenen Haus besuchte, bezeichnete er Niemeyers Arbeit als schön, aber nicht reproduzierbar. "Ich dachte: Was redet dieser große Mann da für einen Blödsinn", sagt Niemeyer. "Das Haus wurde für genau diesen Ort entworfen, wie soll man es vervielfältigen?"

Es sind eben diese Kommentare des großen Architekten, die "Das Leben ist ein Hauch" davor bewahren, ins Kitschige abzudriften: Der extrem langsame Rhythmus des 90-minütigen Films wie auch die langen Nahaufnahmen von Niemeyers zeichnenden Händen und seinem faltigen Gesicht wirken pathetisch, sicher. Aber sie machen den Film aber auch sehr intim. Und selbst die leise Klaviermusik im Hintergrund schafft es nicht, gegen die staubtrocknen Sprüche des klugen Mannes anzukommen. Auf die letzte Frage des Films, was ihm denn heute noch Freude bereite, schnauft Niemeyer genervt, zieht an seinem Zigarillo und antwortet streng: "Die Frau ist wichtig, der Rest ist ein Witz. Das Interview ist nun zu Ende. Oder nicht?"

"Oscar Niemeyer: Das Leben ist ein Hauch"

Termin: ab 14. Januar im Kino

http://www.salzgeber.de

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3 Leserkommentare vorhanden

franziska\_m

17:53

01 / 02 / 10 // 

der titel des films ist nicht korrekt...

.. der er lautet: a vida é um sopro. wenn ihr das "un" gegen ein "um" tauscht, passt es;-) http://www.avidaeumsopro.com.br/

vanessa\_\_\_\_\_///

12:13

16 / 04 / 10 // 

huhu

was geht den da mit dem teil ich kapiere nicht was das zu bedeuten hat

Maximilian

17:28

04 / 11 / 14 // 

EINFACH GENIAL

einfach genial. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen... oder ich müsste viele Seiten schreiben und die meisten würden es doch nicht verstehen..

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