Unrealisierte Architekturprojekte

New Yorks Unvollendete

New York ist die Stadt der großen Visionen. Die Einwohner der Metropole können sich allerdings glücklich schätzen, dass so manche Idee von ehrgeizigen Architekten niemals den Weg vom Reißbrett in ihre Stadt fand.
New Yorks Unvollendete

Frank Lloyd Wright: "Key Plan for Ellis Island", 1959

New York ist die Stadt der großen Ambitionen und der großen Visionen. Die Einwohner der Metropole können sich glücklich schätzen, dass so manche Idee von Städteplanern oder ehrgeizigen Architekten und Bauherren niemals den Weg vom Reißbrett in ihre Stadt fand. Dazu zählt der kühne Vorschlag, den East oder den Hudson River mit Beton aufzufüllen und in einen Parkplatz zu verwandeln.

Ein gigantisches Shoppingcenter, das Columbus Circle dominiert hätte. Ein Flughafen auf 60 Meter hohen Stahlpfeilern, das den Westen von Manhattan von der 24th bis zur 71st Street verschluckt hätte. Oder auch die gigantische Kuppel aus bruchsicherem Glas, drei Mal so hoch wie das Empire State Building, von Buckminster Fuller, das Teile der Stadt abgedeckt hätte, um das Klima unter der Glocke zu kontrollieren.

Der Industriedesigner Norman Bel Geddes hatte 1932 die aberwitzige Vorstellung, eine Landebahn vor dem New Yorker Hafen schwimmen zu lassen, die je nach Windrichtung ausgerichtet werden sollte und über einen beweglichen Bürgersteig, der sich unter Wasser befand, mit Manhattan verbunden war. Buckminster Fuller trat Anfang der 60er Jahre mit seinem japanischen Kollegen Shoji Sadao und der Aktivistin June Jordan mit dem Plan an, den Wohnbestand in Harlem zu verdoppeln und 15 massive Türme, die wie gigantische Schornsteine oder Atomkraftwerke aussahen, auf existierende Gebäude zu setzen. Raymond Hood wollte 1925 Platzmangel und Wohnungsnot mit 50-stöckigen Hochhäusern, die er auf den Brücken der Stadt errichten wollte, ein Ende bereiten. Einer der berüchtigsten  Entwürfe stammt ursprünglich von dem Städteplaner Robert Moses, der eine zehnspurige Stadt-Autobahn durch Lower Manhattan führen wollte – die Viertel SoHo und Little Italy hätten zu großen Teilen abgerissen werden müssen, um den Autos Platz zu machen.

Entwurf auf einer Cocktail-Serviette

Anders sieht es mit Frank Lloyd Wrights Plänen für Ellis Island vor den Toren Manhattans aus, wo der Meister-Architekt seine futuristische Traum-Stadt bauen wollte. Seinen Entwurf hatte Lloyd Wright 1959 wenige Monate vor seinem Tod auf eine Cocktail-Serviette gezeichnet. Die geschichtsträchtige Insel, auf der zwischen 1892 und 1854 zwölf Millionen Einwanderer landeten, um ihr Leben in Amerika zu beginnen, wollte Lloyd Wright mit kuppelartigen Gebäuden, öffentlichen Plätzen und einer begrünten, kreisförmigen Burg mit Wohntürmen bebauen. Wer sich heute die Glas- und Beton-Tower von New York anguckt, kann sich ein solch exzentrisches Wunder-Bauwerk nur wünschen.

Das gilt auch für die Ideen von dem Ingenieur Daniel Lawrence Turner, der 1920 die U-Bahn um weitere 1300 Kilometer innerhalb Manhattans bis in die Vorstädte ausbauen wollte. Oder für den tiefer gelegten West Highway entlang dem Hudson River, auf dessen Dach ein Park angelegt werden sollte. Und für die Kollaboration von dem Bildhauer und Landschaftsarchitekten Isamu Noguchi und dem Architekten Louis Kahn, die einen Spielplatz mit Land-Art-Werken errichten wollten. Der Architekt Steven Holl hatte bereits 1980 die Vision, auf die stillgelegte Bahn-Trasse in Chelsea, auf der heute der High Line Park gedeiht, Häuser zu setzen und schlug mit seiner Häuser-Brücke einen Mix aus Luxus-Villen und Wohnungen für Obdachlose vor.

art - Das Kunstmagazin
Eine Ausstellung zeigt zeitgenössische Positionen, die sich mit der modernen Ruine auseinandersetzten: Architektur als Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft

”Never Built New York” heißt die Ausstellung im Queens Museum, für die Zeichnungen, Zeitungsausrisse und Pläne für Brücken, Highways, U-Bahnen, Denkmäler, Museen, Flughäfen, Stadien, Parkanlagen und natürlich Skyscraper in Archiven ausgegraben wurden wie I.M. Peis Gebäude in der Form eines Hyperboloids mit schlanker Taille, das den Bahnhof Grand Central um 100 Stockwerke überragt hätte. Die 150 Entwürfe zeigen ein New York, wie es hätte aussehen können. Die Ausstellung basiert auf dem gleichnamigen Buch der Architektur-Schreiber Greg Goldin und Sam Lubell, die bereits zu Los Angeles ein ähnliches faszinierendes Buch geschrieben haben.

So tüftelten zahlreiche Visionäre an Transportsystemen für New York, um die Menschen durch die überbevölkerte Stadt zu bewegen. Die Ideen des Erfinders Alfred Ely Beach mit seinem System von luftdichten Subway-Kabinen, die mit Hilfe von atmosphärischem Druck durch Röhren schossen, wurden 1870 beinahe realisiert. Bei einer ähnlichen Idee arbeitete Rufus Henry Gilbert zur gleichen Zeit mit überirdischen Zug-Kapseln, die sich durch Röhren in einer gotischen Spitzbogen-Konstruktion bewegen sollten. Die New York Times sah in der Hochbahn die Zukunft. Sie würde der Stolz der Leute werden, die an der Bahnlinie leben, prophezeite die Zeitung. Der öffentliche Nahverkehr ist natürlich auch in heutigen Zeiten weiterhin Thema. So unterstützte der frühere Bürgermeister Michael Bloomberg Santiago Calatravas Idee, ein Gondel-System für den Big Apple mit Kabinen in Form von Äpfeln für 125 Millionen Dollar zu bauen, um die New Yorker von Lower Manhattan oder Brooklyn nach Govenors Island schweben zu lassen.

„Wir werden daran erinnert, dass die unvollendete Fantasie von New York City aus tausenden von konkurrierenden Ideen besteht, die sich gegenseitig aufgehoben haben – aus Neid, Gier, durch Zerstörung und Trägheit“, kommentierte Will Heinrich von der New York Times die Ausstellung. Stararchitekt Daniel Libeskind schreibt im Vorwort des Buches, dass er die Zeichnungen nicht als Handbuch für Nostalgie, Bedauern oder versäumte Gelegenheiten empfindet. „Im Gegenteil, sie zeichnen einen offenen Geist, um das Erbaute und Nichtgebaute zu überdenken.“

Never Built New York

Ausstellung im Queens Museum bis Februar 2018, Buch erschienen bei Metropolis Books.

Rubrik Architektur
Aktuelle Ausstellungen, Artikel zu Kunst und Geschichte der Architektur und regelmäßige Kolumnen