Temporäre Architektur

Heimat? Los!

Globalisierung, Flüchtlingskrise, Klimawandel – und das Münchner Oktoberfest: Eine Architektur-Schau zeigt, wie das alles zusammen gehört.
Heimat? Los!

Megaevent: hinduistische Feier "Kumbh Mela" im indischen Allahabad

Wie sollen wir leben in unruhigen Zeiten? Sind die Häuser in Houston eine Lösung auf Dauer, wenn ein Wirbelsturm darüber fegt? Ist das weltgrößte Flüchtlingslager in Kenia eine Übergangslösung – obwohl es seit 25 Jahren in der Wüste steht? Und kann sich eine boomende Großstadt wie München überhaupt die "Wiesn" leisten? – eine Fläche, so groß wie der gesamte Vatikan, genutzt nur für ein paar Wochen im Jahr, ausschließlich zum Vergnügen?

In der Schau "Does Permanence Matter?" (Pinakothek der Moderne, bis 18. März 2018) geht es weniger um Politik, Schuld und Moral, stellt Kurator Andres Lepik klar: "Dies ist keine Flüchtlingsausstellung." Vielmehr zeigt das Team um den Leiter des Architekturmuseums der TU München temporäre Bauten in allen Ausformungen: Von der Festivalarchitektur in der Wüste von Nevada über Militärsiedlungen in Afghanistan, dem Karneval in Rio, dem Budenzauber des Christkindelmarktes, den bunten Straßenmärkten in Mexiko, und, natürlich, den Flüchtlingslagern in aller Welt. Im Mittelpunkt steht für die Kuratoren die Frage, was die Architektur leisten kann, damit das Temporäre nicht nur als Notbehelf, sondern auch als Chance wahrgenommen wird.

"In Indien hat das Temporäre eine große Tradition", sagt Rahul Mehrotra. "Wir hoffen immer auf eine bessere Zukunft." Der Architekt und Stadtplaner, der in den USA an der Havard Graduate School of Design lehrt, forscht schon seit Jahren zusammen mit dem chilenischen Architekten Felipe Vera am Phänomen des "Ephemeren Urbanismus" – "eine Bauform, die unsere Gesellschaft komplett vernachlässigt hat," sagt Vera. Die Beispiele in der Ausstellung reichen deshalb von der kleinstmöglichen Hütte, der jüdischen "Sukka", die zum Laubhüttenfest mindestens zwei Leute beherbergen kann - bis hin zum Megaevent: der hinduistischen Feier "Kumbh Mela", an der 30 Millionen Menschen an einem Tag teilnehmen.

"Die feststehende Architektur schafft Mauern und trennt oftmals Menschen und Stadtviertel", sagt Rahul Mehrotra. Aber die Zelte und Buden der illegalen Märkte in Mexiko City verbinden Hunderttausende quer durch alle Gesellschaftsschichten, jeden Tag. Die ephemeren Bauten passen sich perfekt den Bedingungen an. So wie der "Schirmmarkt" im thailändischen Talad Rom Hoob, der sich auf 4000 Quadratmetern entlang eines Bahngleises erstreckt. Achtmal am Tag fährt dort ein Zug entlang. Jedesmal klappen die Händler ihre Schirme ein und klauben ihr Obst von den Schienen, damit die Bahn passieren kann. Jedesmal, wenn sie durchgerumpelt ist, klappen die Verkäufer ihre Markisen wieder auf. Das Ganze ist so eingespielt, dass einer der Marktleute es zwischendurch sogar noch schafft, dem Zugführer einen Kaffeebecher durchs Fenster zu reichen: Ein funktionierendes soziales Gefüge.

Und das über alle Grenzen hinweg. Für die Zeltstädte, die am Ende der islamischen Pilgerreise nach Mekka stehen, konstruiert der schwäbische Architekt Mahmoud Bodo Rasch sogenannte gleitende Kuppeln und Riesenschirme aus Teflon, die sich bei großer Hitze automatisch entfalten – getestet auf der Schwäbischen Alb. Hergestellt in Stuttgart. Beim Riesenfestival "Burning Man" in der Wüste von Nevada entsteht eine Pop-Up-Stadt inklusive Infrastruktur, Krankenhaus und Event-Arenen in einem perfekten konzentrisch-kreisförmigen Raster. 70.000 Menschen kommen hier jedes Jahr für sieben Tage zusammen, um eine Mega-Party zu feiern. Herausgelöst aus ihrem Alltag, ihrem Beruf und ihren Familien. Sie reisen an mit Autos, Fahrrädern und zu Fuß. Und sie verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen. Nachhaltig. Auch das gehört zum Konzept.

Das Kurzzeitige muss nicht zwingend provisorisch sein. Und wenn doch, sollten wir darüber nachdenken, so Mehrotra. Im Flüchtlingslager in Dadaab in Kenia leben über 200 000 Menschen, vor allem aus Somalia. Eine Zeitlang waren es rund eine halbe Million. Längst sind Läden entstanden, Büchereien, Gemeindezentren. Die Leute wohnen in einer Stadt, die es eigentlich gar nicht gibt. Sie werden dort geboren, und sie sterben dort. Wie lange ist ein Dasein temporär?

"Wir leben in einer Zeit des Übergangs", sagt Mehrotra. Die Architektur muss darauf reagieren, muss Strukturen schaffen, Möglichkeiten, Treffpunkte, Zufluchten. Heimat. Und sei es nur für die 400 000 Besucher, die täglich das Oktoberfest stürmen. Wie das geht, ist aktuell auf der Theresienwiese in einem der vielen Bierzelte zu erleben. Und nun in der Pinakothek der Moderne in vielen Beispielen zu sehen.

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