Die Geschichte des Holocaust-Mahnmals

Das offene Denkmal

Eine Gedenkstätte als Erfahrungsraum: Das Berliner Holocaust-Mahnmal verzichtet auf plakative Symbolik und wirft den Besucher auf sich selbst zurück. Die Geschichte von Peter Eisenmans Entwurf beschrieb Christoph Heinrich in diesem Beitrag, der zuerst 2005, anlässlich der Einweihung des Mahnmals erschien.
Das offene Denkmal

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin

 Nein, es ist kein Labyrinth, das der amerikanische Architekt Peter Eisenman hier zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz angelegt hat. Auch wenn wir diesen abgedroschenen Vergleich derzeit immer wieder hören und lesen. Eisenmans "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" ist kein undurchdringbares Wirrsal, kein bedrängender Irrgarten - seine Struktur ist nicht monumental, sondern transparent. Man verliert an keiner Stelle die Orientierung nach außen, selbst wenn man noch so tief im Inneren des knapp drei Fußballfelder großen Quaderfelds steht. Immer weiß man um die Himmelsrichtungen und bleibt mit der umstehenden Stadtkulisse in Tuchfühlung: hier die Bäume des Tiergartens, dort die Baustelle der US-Botschaft und die Rückseite des Hotels Adlon und da drüben die Schachtelhäuser der Ländervertretungen. Aber man ist allein an diesem Ort - wird zum Alleinsein gezwungen. Die 95 Zentimeter breiten Wege erlauben kein Händchenhalten und erst recht kein Flanieren im Pulk.

Und nein, es sind auch keine Stelen, die Eisenman hier aufgestellt hat. Stelen sind Säulen, Pfeiler, schmale, senkrecht aufgerichtete Grabplatten, die seit alters her für Toten- und Andachtskult stehen. Eisenman hat keine Grabsteine organisiert, sondern ein abstraktes Feld von wuchtigen, stereometrischen Körpern angelegt - jeder 2,38 Meter breit und 95 Zentimeter tief, an den Rändern des Feldes kaum eine Hand breit über der Erdoberfläche, in der Mitte wachsen manche über vier Meter hoch. Deren schiere Anzahl - es sind 2711 Stück - ließ einen Ort erwarten, der allein durch machtvolle Masse zu überwältigen sucht. Weshalb Skeptiker das Projekt bereits im Vorfeld verdammten. Doch das Ergebnis überrascht: Es ist kein Monument, das den Betrachter zu überwältigen versucht oder ihm klaustrophische Ängste aufzwängt. Es ist keine Weihestätte, die dem Besucher architektonische Symbolik aufdrängt und Ehrfurcht abnötigt, sondern eine begehbare Skulptur, die sich an den Rändern aufnahmebereit öffnet, und uns langsam, durch menschliche Proportionen und vereinzelte, sich in das Feld vorwagende Bäume hineinzieht.

Kulturstaatsminister Michael Naumann verglich Eisenmans Mahnmal mit den Bauten Albert Speers

Eisenmans Quaderfeld ist klar strukturiert, und doch negiert es das planerische Reißbrett - die Betonblöcke paradieren nicht, eher scheinen sie dem Boden nach ganz eigener Gesetzmäßigkeit zu entwachsen. Neben den sich auf- und abschwingenden Wegen ist die unregelmäßige senkrechte Ausrichtung der Blöcke Eisenmans wichtigstes Mittel, dem Feld jede Erinnerung an totalitäre Aufmärsche und übermenschliche Paradearchitektur auszutreiben. Die Quader klotzen nicht in Reih und Glied, sondern sie wogen, fast schwanken sie. Die Entscheidung für unterschiedliche Neigungswinkel und gegen das Lot lässt das Quaderfeld natürlich und menschlich erscheinen, den Beton geradezu organisch wirken.

Das offene Denkmal

Architekt Peter Eisenman im Stelenfeld

Überhaupt der Beton - was für ein wunderbares Material! Ein warmes Grau, an den Rändern fast rötlich, die Oberfläche feinporig glatt und doch lebendig, trocken wie Löschpapier, fast mürbe in seiner Griffigkeit. Selten entwickelte Beton solche haptischen Reize. Und das Tageslicht fängt sich in den Gassen, trennt lichte Streifen aus düsteren Schlagschatten. Erst mitten im Quaderfeld merkt man, wie viel Sonne der Himmel über Berlin in sich birgt, selbst an diesem scheinbar so grauen Vorfrühlingstag.

60 Jahre nach Kriegsende findet mit der Eröffnung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas ein Projekt seine Vollendung, dessen Anfänge weit in die Bonner Republik zurückreichen. Über die künstlerische Form eines solchen Mahnmals wurde heftig diskutiert, und auch der Entwurf von Peter Eisenman, der sich 1997 im Wettbewerb durchsetzen konnte, war von Anfang an umstritten. Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD) scheiterte 1998 mit seinem Versuch, Eisenmans Mahnmal, das er mit den Bauten Albert Speers verglich, zu verhindern. Er hatte als Alternative vorgeschlagen, ein zentrales Holocaust-Museum zu errichten, wogegen sich zahlreiche Gedenkstätten wehrten. Doch etwas von dieser Forderung nach Didaktik findet sich im nun das Mahnmal begleitenden "Ort der Dokumentation", wo auf rund 800 Quadratmetern die wichtigsten Daten des Holocaust sowie Einzelschicksale dokumentiert werden sollen.

Das Glanzstück
Ein Jahrhundertprojekt: Sturm und Regen zum Trotz gelang die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes. Die Architektur ist zur Plastik, das Monument deutscher Geschichte zum Mythos geworden

Trotzdem ist das Mahnmalprojekt gerade bei Sprechern aus der Jüdischen Gemeinde wenig beliebt. Ignatz Bubis hatte als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland noch vor Ausschreibung des ersten Wettbewerbs darauf hingewiesen, dass Deutschland kein zentrales Denkmal brauche, da es die authentischen Orte habe. Und noch im vergangenen Jahr erklärte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Albert Meyer, es wäre ein vitalerer Beitrag für das lebende Judentum in Deutschland gewesen, wenn anstatt des Mahnmals die Wiedereröffnung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums erfolgt wäre. Doch man hat sich für das Denkmal entschieden. Aber wird es funktionieren?

Mit anderen monumentalen Gedenkstätten - etwa dem Vietnam Memorial von Maya Lin in Washington (gebaut 1981) oder auch den Entwürfen für "Ground Zero" in New York aus den letzten Jahren - ist das Berliner Projekt nicht vergleichbar. Den Verbrechen des Holocaust eine künstlerische Form zu geben und sie damit in einen ästhetischen Zusammenhang zu stellen, ist ein problematisches Unterfangen. Nicht von ungefähr zeichneten sich die meisten Entwürfe, die zu den beiden Berliner Wettbewerben eingereicht wurden, durch eine Anhäufung von zerborstenen Davidsternen, siebenarmigen Leuchtern und ähnlichen missverstandenen Devotionalien aus. In Yad Vashem, wo es einen lebendigen Kultus gibt, haben die Symbole ihre Berechtigung. Am Ort der Täter von deren Enkeln aufgestellt, sind sie scheinheilig, um nicht zu sagen zynisch. Um Würde, Weihe und Pietät bemühten sich beim Wettbewerb alle Künstler redlich, am Ende stand jedoch häufig der pure Kitsch. Einen Konsens darüber, ob ein solches Denkmal eine Weihestätte, ein Ort der Kontemplation, ein didaktisches Instrument oder gar ein Erlebnisraum sein soll, gab es nicht. Und genau genommen läuft angesichts der unvergleichlichen Verbrechen, die hier im Gedächtnis gehalten werden sollen, jede Diskussion über die ästhetischen Mittel ins Leere. Vielleicht ist es genau dieses Verstummen, diese Sprachlosigkeit, der Peter Eisenmann in Berlin eine Form gegeben hat.

Die junge Berliner Republik sucht nach großen Gesten

Das Informationszentrum, das sich unter das Feld schiebt, ist gerade deswegen dringend notwendig. Eine Beschäftigung mit der Vergangenheit kann nicht nur im individuell-rituellen Begehen eines Andachtsortes vonstatten gehen. Vor allem muss man immer noch bedauern, dass ein Projekt wie "Bus Stop", mit dem die Berliner Künstler Renata Stih und Frieder Schnock zum ersten Wettbewerb 1995 antraten, nicht realisiert wurde. Sie wollten in der Mitte des Ausschreibungsgeländes eine Haltestelle einrichten, von der aus täglich Busse zu den Tatorten der Judenvernichtung fahren sollten.

Ihr Entwurf nahm den ureigenen Auftrag jeden Denkmals, nämlich zu erinnern, sehr ernst. Die Künstler stellten ihre Arbeit in den Dienst der historischen Bildung, indem sie Orte zu vernetzen anboten, die in der Regel nur schwer erreichbar sind, da sie sich aufgrund ihrer Geschichte städtischer oder touristischer Erschließung verweigern. Geht es um Fakten und Wahrhaftigkeit, so werden die authentischen Orte immer mehr zu erzählen haben als jeder künstlich angelegte Ort. Auch scheint eine Vernetzung der zahlreichen Gedenkstätten immer mehr notwendig und geboten, damit diese, oftmals fern der städtischen Zentren gelegenen Orte nicht in die Peripherie unserer Erinnerung verschwinden. Doch die junge Berliner Republik suchte nach großen Gesten und deutlich wahrnehmbaren Zeichen, und so war ein so beiläufig daherkommender Entwurf wie der von Stih/Schnock von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Berlin - und damit die Bundesrepublik - leistet sich also ein zentrales Mahnmal. Vielleicht ist ein solches Denkmal an solch herausgehobenem Ort ein Anlass, der viele Passanten zum Nachdenken bringen wird. Ein Abweg auf dem Touristentrampelpfad zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, ein Zufluchtsort, an dem das Gebraus der Großstadt verstummt, wenn auch nur für kurze Momente. Eisenmans Holocaust-Gedenkstätte leistet vieles nicht: Sie ist kein Ort für einen neu zu erfindenden Ritus, sie ist kein zentraler Kranzabwurfplatz fürs Protokoll, sie ist keine Faktensammlung und kein Ersatz für den Geschichtsunterricht. Aber sie bietet eine Struktur, die jeden Einzelnen auf sich selbst zurückwirft, eine begehbare Skulptur, die Isolation wie Kollektiv gleichermaßen anschaulich macht. Das ist vertraut - und unbequem zugleich.

Der Artikel erschien zuerst in art - das Kunstmagazin, Ausgabe 5/2005.

Entstehungsgeschichte des Holocaust-Mahnmals

Das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin wurde am 10. Mai 2005 eröffnet. Mit Baukosten von rund 28 Millionen Euro ist es im Plan geblieben. Seit den achtziger Jahren gab es Debatten um eine zentrale Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer der Nazidiktatur und des Zweiten Weltkriegs. Eine angemessene "Stätte innerstaatlicher Achtungserweise", wie es im Beamtendeutsch heißt, wurde von den unterschiedlichsten Gruppen gefordert.

Im Jahr 1989 gründete sich der "Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden". Die Publizistin Lea Rosh und der Historiker Eberhard Jäckel forderten ein weithin sichtbares Zeichen für die jüdischen Opfer der Nazidiktatur. Nachdem die Bundesregierung 1992 entschieden hatte, dass das Mahnmal nur den jüdischen Holocaust-Opfern und nicht gleichzeitig anderen Opfergruppen gewidmet werden soll, wurde das Projekt konkreter. Ein erster Wettbewerb fand 1995 statt. Bund, Berlin und Förderkreis einigten sich auf den Entwurf einer Gruppe um die Berliner Künstlerin Christine Jackob-Marks. Auf einer riesigen schiefen Ebene aus Beton sollten die Namen aller Ermordeten eingemeißelt werden. Der von Lea Rosh favorisierte Entwurf scheiterte - auch am Veto des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Zwei Jahre darauf schlug der damalige Berliner Kultursenator Peter Radunski (CDU) vor, neue Entwürfe für das Mahnmal einzuholen. Dazu wurden 25 Künstler eingeladen. Vier Entwürfe wurden prämiert, darunter ein riesiges Quaderfeld von Peter Eisenman und Richard Serra.

Kohl forderte eine Überarbeitung des Entwurfs, der damals mehr als 4000 Quader vorsah. Richard Serra wollte sich in seine künstlerische Konzeption nicht hineinreden lassen und zog sich vom Projekt zurück. Der pragmatischere Eisenman modifizierte seinen Entwurf, dessen Realisierung vom Bundestag am 25. Juni 1999 mit klarer Mehrheit (314 zu 209) beschlossen wurde. Während bereits im August 2003 die ersten Quader aufgestellt worden waren, führte ein Dissens über die Beteiligung der Degussa zum Baustopp. Ein Produkt der Firma Degussa sollte den Graffitischutz gewährleisten, doch dann erinnerte man sich, dass die einstige Degussa-Tochter Degesch das Zyklon B produziert hatte, das in den Gaskammern der Vernichtungslager eingesetzt worden war. Nach zwei Wochen erhitzter Debatten entschied sich das Kuratorium aber dafür, das Unternehmen weiterhin zu beschäftigen.

Rubrik Architektur
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