Austellung »Together« in Weil am Rhein

Zusammen ist man weniger allein

Neue Wohnmodelle gegen die Einsamkeit in der Großstadt: »Together!« zeigt, dass Privatsphäre und soziales Miteinander kein Widerspruch sein müssen
Zusammen ist man weniger allein

Gemeinschaftsbecken in der Siedlung Hardturmstrasse, Kraftwerk1, Zürich, Stücheli Architekten mit Bünzli Courvoisier, Zürich, 2001

So sieht die klassische Wohnung aus: Küche, Bad, Wohn-, Esszimmer, Kinder- und Elternschlafzimmer. "Aber in den westlichen Ländern leben inzwischen immer mehr Menschen allein", sagt Andreas Ruby, und für viele dieser Alleinlebenden passten die traditionellen Wohnformen nicht mehr.

Deshalb will das Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein in der Ausstellung "Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft" neue Konzepte des häuslichen Lebens vorstellen. "Es ist keine Architekturausstellung, es ist eine Wohnausstellung", erklärt Ruby, Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums in Basel, der die Schau mitentwickelt hat.

So werden auch nicht Pläne präsentiert, sondern es soll konkret gezeigt werden, wie die vier Wände von morgen ausschauen könnten. Dazu wird im Maßstab von 1:1 der Prototyp einer sogenannten Clusterwohnung gebaut, einer Art WG, bei der kleine, autonome Wohneinheiten um einen Gemeinschaftsbereich angeordnet sind, der eine große Küche und einen wohnzimmerartigen Bereich besitzt. "Man kann hier auf verschiedene Weisen wohnen", sagt Ruby, man könne sich zurückziehen, habe aber auch die Möglichkeit zu sozialem Kontakt. 

Zwischen Privatsphäre und Gemeinschaft

Das ist es, was das neue Wohnen ausmacht: die Durchmischung von Privatem und Gemeinschaft. Deshalb stellt die Ausstellung zunächst die Protestbewegungen der sechziger bis achtziger Jahre vor. "Gerade in der Schweiz entwickelte sich eine kleine Wohnbaurevolution", so Ruby, "Leute, die erst in Kommunen gelebt hatten, haben später mit Architekten nach Lösungen gesucht." Dabei ging es nicht nur um neue Zuschnitte von Wohnungen, sondern immer auch um Partizipation. So gibt es in einigen Projekten beispielsweise kleine Büchereien, in die die Bewohner ihre ausgelesenen Bände geben, damit sie auch die Nachbarn nutzen können.

Einstürzende Prachtbauten
Kaum gebaut und schon überflüssig? Großspurige Architekturprojekte kosten ein Vermögen. Deswegen sollte es eigentlich keine frisch verwaisten Geisterstädte, menschenleeren Shoppingmalls oder mitten in der Entstehung abgebrochene Atomkraftwerke geben - könnte man meinen. Der Bildband "ArchiFlop" beweist jetzt, dass es für ein ehrgeiziges Fiasko nie zu spät ist.

Die Schau stellt 20 innovative Projekte aus aller Welt vor, in denen gemeinschaftliches Wohnen erprobt wird – darunter das integrative Wohnprojekt "Sargfabrik" in Wien oder die Genossenschaft "Kalkbreite" in Zürich, eine Anlage mit integrierter Straßenbahnhalle, in der es ein Kino, Cafés, Bars und sogar einen verpackungsfreien Supermarkt gibt, der auch der Nachbarschaft offensteht. "Im Gegensatz zum Cocooning wird hier der Versuch gemacht, wieder Öffentlichkeit in der Stadt herzustellen", so Ruby. 

Wie sich Städte durch das gemeinschaftliche Wohnen verändern könnten, veranschaulicht ein Modell, in dem die vorgestellten Projekte zu einer fiktiven Stadt verbunden wurden und die Besucher direkt in die Gemeinschaftsräume schauen können. "Wir wollen, dass man sich Anregungen holen kann", sagt Ruby – weshalb es zum Abschluss des Rundgangs auch Tipps gibt, wie sich neue kollektive Projekte finanzieren und realisieren lassen. 

Der Katalog zur Ausstellung erscheint als Ko-Edition bei Ruby Press/Vitra-Design-Museum und kostet 49,90 Euro.
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