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Einstürzende Prachtbauten

Kaum gebaut und schon überflüssig? Großspurige Architekturprojekte kosten ein Vermögen. Deswegen sollte es eigentlich keine frisch verwaisten Geisterstädte, menschenleeren Shoppingmalls oder mitten in der Entstehung abgebrochene Atomkraftwerke geben - könnte man meinen. Der Bildband "ArchiFlop" beweist jetzt, dass es für ein ehrgeiziges Fiasko nie zu spät ist.
Einstürzende Prachtbauten

"Palast" der Kommunistischen Partei Bulgariens in der Nähe des Schipka-Passes in 1440 Metern Höhe.

Was ist drin?

Eine mit Sinn für kuriose Selbstüberschätzungen ausgewählte Galerie architektonischer Ruinen der letzten hundert Jahre. Mal lag es an den falschen bevölkerungsstatistischen Vorhersagen, mal an den zu optimistischen Profiterwartungen oder schlicht einer Immobilienblase. Hässlichkeit ist ebenso eine Kategorie wie die ideologische Neigung zur Monumentalität.

Da das Phänomen global auftaucht, kommt man nicht umhin, die Ursache des Malheurs anthropologisch zu deuten. Der Mensch ist nun mal selbst eine Fehlkonstruktion. Und seine nicht funktionierenden Bauerzeugnisse, wie etwa urbane Wüsten oder verwahrloste Kongresszentren, nur das Echo des einen oder anderen seelischen Defekts.

Die These?

Warum stellt die menschliche Spezies Überreste der Vergangenheit auf einen Sockel, schätzt aber die Fehlschläge der Gegenwart als deprimierend ein, als Schandmale des Versagens, die es entweder zu renovieren oder gleich lieber zu eliminieren gilt? Diese Scherben hochtrabender Gedanken verdienen viel mehr unser Mitgefühl, spiegeln sie doch die geplatzten Träume einer die Zukunft anhimmelnden Moderne wider. Le Corbusier plante mit der Anlage von Chandigarth nichts weniger als einen urbanen Organismus. Inzwischen haben sich die Inder den Ort einverleibt, wenn auch nicht so, wie es vom Planer beabsichtigt war. Der Brutalismus versuchte vergeblich, seine Nutzer bis auf wenige Hartgesottene der Szene ästhetisch umzuerziehen und der japanische Metabolismus entwarf Gebäude, die sich an das Leben der Bewohner anpassen sollten. Nicht wenige dieser symbiotischen Gesteinswesen verkamen zum Relikt, wenn eine räumliche Weiterentwicklung unter geänderten Vorzeichen versäumt wurde. Man muss die Defizite dieser Verirrungen aushalten können, so die Kernaussage, ihnen gelassen begegnen, ohne Abrissreflex. Schließlich sind sie nicht nur längst Teil unserer Landschaft, sondern auch unseres mangelhaften Selbst. Oder man startet gleich ein Kunstprojekt wie es Street-Art-Künstler Banksy mit "Dismaland" im englischen Ferienort Weston-super-Mare getan hat. Einen ganzen Themenpark voller Ruinen könnte man unter britischer Exzentrizität verbuchen. Oder unter perfekter Kunsttouristen-Falle, in der man all das verlernt, was man bisher über gelungene Erfahrungsräume zu wissen glaubte.

Schönste Seite?

Der Palast der Kommunistischen Partei Bulgariens ist gelandet. 1981 auf dem Busludscha-Berg, der einst Schauplatz der Kämpfe zwischen dem Osmanischen Reich und bulgarischen Rebellen war. Unschwer als Flugobjekt aus einer totalitären Größenwahnzeit zu erkennen, bröckelt die Betonuntertasse, die man nur ersteigen kann, wenn man über alpine Kondition verfügt, von der Bevölkerung vergessen vor sich hin. Die wenigen Besucher von der Sorte Plünderer und Vandalen hinterlassen manch eine spaßige Botschaft, etwa die sarkastische Empfehlung: "Enjoy Communism".

Brutalismus
Eben noch Stiefkind der Moderne, mausert sich die Architektur des Brutalismus gerade zum nächsten Social-Media-Hype. Warum der Flirt mit der gescheiterten Strömung aber stark am Ziel vorbeischießt – ein Kommentar

Der Autor:

Der Mailänder Architekt Alessandro Biamonti ist auch als Kurator und Dozent für Design am Politecnico aktiv.

Das Zitat:

Ein einleuchtender Vorschlag des Autors: "Für Planer dürfte es sich empfehlen, dem Ratschlag des Philosophen Franco Bolellis zu folgen, dass wir 'aufhören müssen, die Lösungen in der gleichen Schublade zu suchen, in der die Probleme liegen'".

Vater der Postmoderne
Den trostlosen Wohnghettos der Sechziger setzte Ricardo Bofill farben- und formenfrohe Entwürfe entgegen. Seinen eher klassischen Stil vermischt der katalanische Architekt konsequent mit anderen Strömungen – und das hat spektakuläre Folgen

Wer braucht das?

Freunde der archäologischen Trümmerrecherche.

Das gefällt:

Das Ausmaß der Parade dysfunktionaler Architekturen fasziniert. Und das offenbar auch diverse Regisseure von James-Bond-Filmen, die manch eine der künstlichen Inseln oder Wohnstätten mitten auf dem Meer als Set genutzt haben.

Einstürzende Prachtbauten

Cover von Alessandro Biamonti: "Archiflop. Gescheiterte Visionen"

Das ätzt die Kritikerin:

Die graphische Präferenz für die Farbe Gelb macht stutzig: Einstürzende Paradiese unter der Sonne? Macht strahlend, was euch depressiv macht? Lustig ist das Ökomonstersterben? Der einzige nicht erhellende Punkt an einer ansonsten überaus spannenden Best-Off-Kompilation.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Die Größe ist eher bescheiden, umso unterhaltsamer gerät der Flop-Faktor: 3

Gewicht: 832 Gramm.

Zum Buch

Alessandro Biamonti: "Archiflop. Gescheiterte Visionen. Die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur", 192 Seiten, erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, München, Preis: 29,95 Euro