Bookmarks: Das rote Bauhaus

Genosse Stalin war nicht amüsiert

Anfang der dreißiger Jahre warb die sowjetische Regierung um deutsche Architekten. Sie sollten frisch erschlossene Industriegebiete in blühende Stadtlandschaften verwandeln. Dass die meisten von ihnen das "Neue Bauen" propagierten, schien zunächst kein Hindernis zu sein. Bis Stalin seine Macht konsolidierte. Flache Dächer und schnörkellose Fassaden galten fortan als dekadenter Formalismus. Wie die Bauhäusler mit der Ablehnung ihrer Ideen zurechtkamen, erzählt die Architektin Ursula Muscheler in ihrem Buch "Das rote Bauhaus".
Genosse Stalin war nicht amüsiert

Verabschiedung von Mitgliedern der Gruppe Meyer, September 1930. Am Zugfenster: Bela Scheffler, Tibor Weiner und Antonin Urban

Was ist drin?

Dramatische Lebensläufe von linken Bauhaus-Idealisten wie Ernst May, Bruno Taut oder Hannes Meyer. Um den ideologischen Kämpfen und der steigenden Arbeitslosigkeit in der kriselnden Weimarer Republik zu entgehen, versuchten sie mit ihren Teams im sozialistischen "Wunderland" einen Neuanfang. Ihre Pläne, in kalter Steppe Wohnviertel mit höheren hygienischen Standards für alle zu schaffen, oder Moskau in eine moderne Metropole zu verwandeln, stießen zunächst auf offene Ohren. Doch die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten. Bevor einzelne Projekte im Rahmen des Fünfjahresplans umgesetzt werden konnten, durchliefen sie unzählige entstellende Korrekturphasen. Der Aufbruch scheiterte an Materialmangel, ausufernder Bürokratie, Anfeindungen durch eifersüchtige russische Kollegen und dem Gesinnungswandel des Machtapparats. Seit 1932 entschied das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten und Stalin persönlich über Architektur und Städtebau. Die Partei-Oberen legten plötzlich keinen Wert mehr auf gelebte Gleichheit. Man wünschte sich repräsentative Neoklassik-Bauten, in denen die einst als bourgeois verpönten Zuckerbäckerornamente und vor allem üppige Säulengänge nicht fehlen durften. Ausgerechnet die sachliche Ästhetik des Bauhauses galt jetzt als reaktionär. Ihren Vertretern blieb nur die Anpassung, die im Zuge der Stalinschen Säuberungen nicht selten trotzdem in Deportation und Gulag endete. Andere zogen lieber gleich die Ausreise vor. Sie brachen in die Türkei, Iran, Mexiko, Chile, USA oder Tel Aviv auf, wo progressive Bauherren ihre Fähigkeiten weiterhin zu schätzen wussten.

Die These?

Das stalinistische Architekturideal erscheint geradezu als trotzige Gegenreaktion auf die serielle Monotonie des "Neuen Bauens". Ob die reich verzierten Monumentalpaläste auch ohne die Präsenz namhafter Bauhäusler zum dominanten Stil aufgestiegen wären, bleibt nach der Lektüre zumindest fraglich. Die ausländischen Gleichheitsromantiker, die der Not der Massen mit eisiger Funktionalität begegneten, zeigten keinerlei Gespür für die Distinktionsbedürfnisse der Partei-Aufsteiger. Sie strebten die schnelle Beseitigung von katastrophalen Lebensbedingungen an. Der Ex-Kleinkriminelle Stalin verzehrte sich aber nach imperialem Glanz. So verkam der Fortschrittsdiskurs der Bauhäusler zur perfekten Projektionsfläche für Ressentiments von "Revolutionären", die sich nichts sehnlicher wünschten, als den vermeintlich verhassten Platz ihrer Vorgänger einzunehmen – samt elitären Komfort und Kapitalisten-Pomp.

Staatliches Bauhaus Dessau
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Schönste Seite?

Das Foto der Brigade Meyer auf dem Bahnsteig, die im September 1930 den Zug Richtung Sowjetunion bestieg. In den strahlenden Gesichtern ist keine Spur von Wehmut zu erkennen. Die Krawatten und Hüte tragenden Bauhaus-Absolventen sehen sich in der prominenten Gefolgschaft von Erich Mendelsohn oder Le Corbusier, die schon vor ihnen den Weg nach Moskau gefunden hatten, um einen der gigantischen staatlichen Bauaufträge zu ergattern. Nur dass diese Herren nicht nur die eigene Karriere voranbringen, sondern auch entwaffnend praxisorientiert den Neuen Menschen miterschaffen wollten.

Die Autorin:

Ursula Mescheler kommt als promovierte und praktizierende Architektin vom Fach. Wenn sie nicht selbst in ihrem Büro über Bauplänen sitzt, spürt sie in lesefreundlichen Texten der "Nutzlosigkeit des Eiffelturms" nach, beleuchtet die "Sternstunden der Architektur" oder analysiert den "Kultus der Schönheit" bei Henry van de Velde.

Der scharfe Trennstrich
Der Illustrator Viktor Hachmang erzählt die Geschichte eines Kunst-Attentats – in einer so klar kontrastierenden und unaufgeregten Bildsprache, dass sie seinem Opfer alle Ehre macht: Piet Mondrian

Das Zitat:

Margarete Schütte-Lihotzky, Mitglied der Gruppe May und Erfinderin der Frankfurter Küche, des Prototyps der späteren Einbauküche, amüsierte sich rückblickend über den übereifrigen Enthusiasmus, der unter den "Russlandfahrern" während der Anreise vorherrschte. Selbst ihre Skizzen wollten sie fortan nur noch als Kollektiv unterzeichnen: "Wir fanden das sehr schön und kamen uns ungemein heldenhaft und revolutionär in unserer Selbstverleugnung vor, als wir jeder unsere Unterschrift auf das Blatt Papier setzten. Ja, und als wir dann in Moskau angekommen waren und das erste Mal mit unseren sowjetischen Kollegen zusammentrafen und sie uns Pläne vorlegten, da sahen wir, dass jeder Entwurf die verschiedensten persönlichen Unterschriften trug: vom Hauptingenieur über den Architekten, die beteiligten Techniker und Ingenieure bis hin zu den Zeichnern."

Genosse Stalin war nicht amüsiert

Ursula Muscheler: Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern. Berenberg Verlag, Berlin

Wer braucht das?

Alle, die sich für die weniger beachteten Nebenläufe des Bauhauses interessieren, fern des glorreichen Gründungsmythos und der Überväter Walter Gropius und Mies van der Rohe. Während diese USA-Immigranten ihren Ruhm vermehren konnten, erlebten ihre utopieseligen Kollegen bis auf einige flexible Seitenwechsler, die bis zum lukrativen Posten in der DDR dem System die Treue hielten, eine endlose Abfolge von Enttäuschungen. Die in Deutschland in ihrer Existenz bedrohten Architekten gerieten vom Regen in die Traufe, als sie die sprunghaften Erwartungen des zunächst mit großzügigen Privilegien lockenden Gastgeberlands nicht erfüllen konnten und in der Heimat das Hitler-Regime begann, Russlandfreunde auf schwarze Listen zu setzen. Wehe dem, der zwischen die Fronten geriet.

Das gefällt:

Ursula Muscheler ließ sich von der schlechten Quellenlage nicht abschrecken und hat erstaunlich viele Briefe, Zeitungsberichte, Erinnerungen, Fotos, Entwürfe und andere Zeitdokumente für ihre Rekonstruktion der mitunter erschütternd tragischen Biographien ausgegraben.

Foto: dpa
Kolumnist Till Briegleb fordert die Höchststrafe für böse Neubauten

Das ätzt die Kritikerin:

Was an dem Buch ätzt, sind nur die Kapriolen eines Talente verschleißenden Totalitarismen-Karussells.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Die schwarz-weiß-rote geometrische Buchdeckelgrafik stimmt perfekt auf die Thematik ein. Das Foto eines komplizenhaft zwischen Unterrichtsräumen und Porzellan-Vitrinen sitzenden Bauhaus-Pärchens könnte nicht besser gewählt sein, die Jugend träumt und bleibt doch im Schatten der Geschichte stecken: 2

Gewicht:

384 Gramm.

Infos zum Buch

Ursula Muscheler: Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern. Hardcover, 168 Seiten, erschienen beim Berenberg Verlag, Berlin, Preis: 22,00

Kunstbuch
Besprechungen und Kritiken aus unserer Serie »Bookmarks« mit den besten Büchern zu Kunst und Kunstgeschichte und den schönsten Künstlerbüchern.