Neubau der Kunsthalle Mannheim

Spektakulär und umstritten

Kritik hin oder her, als "Entwurf in die Zukunft" sieht Direktorin Ulrike Lorenz den Neubau der Kunsthalle Mannheim. Sie verspricht nicht nur die weltgrößte Sammlung von Werken des Künstlers Anselm Kiefer, sondern schlägt zudem ein politisch und gesellschaftsrelevantes Programm vor.
Spektakulär und umstritten
Entwurf des Neubaus der Kunsthalle Mannheim am Friedrichsplatz

Wo die wohl weltgrößte Privatsammlung von Werken des Künstlers Anselm Kiefer bald hängen wird, riecht es nach feuchtem Beton. Wuchtige Hammerschläge dröhnen durch den spektakulären Neubau der Kunsthalle in Mannheim. Durch große Schläuche fluten Heizgeräte die Baustelle mit Wärme. Beim Blick in die kahlen Räume gibt sich Baukoordinator Uwe Buck sachlich. "Alles ist genau durchdacht", sagt er. Doch die Vorfreude ist zu spüren. Mit der Erweiterung soll noch vor Jahresende das Herz der bildenden Kunst in Mannheim wieder schlagen. 

»Wir wollen die Sammlung emotionalisieren«

Es geht nicht nur um mehr Platz für Gemälde und Skulpturen. Mit dem Neubau will sich das Museum der 300 000-Einwohner-Stadt neu erfinden. Schon jetzt läuft die Digitalisierung der Kunstwerke. "Wir wollen die Sammlung emotionalisieren, da sind Häuser wie das Metropolitan in New York ein Vorbild", sagt Direktorin Ulrike Lorenz. Bereits bei der Eröffnung soll das von der Baden-Württemberg Stiftung mitfinanzierte Konzept erkennbar sein. "Kein Smartphone kann die Begegnung mit dem Originalkunstwerk ersetzen, aber das Publikum kann sich etwa seinen Katalog oder seine Führung selbst zusammenstellen", betont sie.  Auf der Baustelle arbeiten an diesem Tag etwa 60 Handwerker. Durch die Glasdecke scheint die Wintersonne blass in das mächtige Atrium, das Kernstück des Neubaus. "Dieser Bereich wird auch für Besucher ohne Eintrittskarte zugänglich sein", sagt Buck und schiebt den Schutzhelm in den Nacken. Mit dem Finger zeigt er in Nischen. "Da wird ein Restaurant stehen, dort ein Souvenirladen."

Der Entwurf des Neubaus spielt auf die historische quadratische Stadtstruktur von Mannheim an. Wie Häuser um einen Marktplatz gruppieren sich sieben Ausstellungsräume um das Atrium. Eine lange Treppe mit breitem Betonrahmen führt in die erste Etage. Dort gibt ein großes Fenster einen Panoramablick frei auf den nahen Wasserturm.  Es ist auch diese Nähe zum Wahrzeichen von Mannheim, die eine hitzige Diskussion aufkommen ließ. Kritiker zweifeln, ob sich der mächtige Neubau harmonisch in das Gebäudeensemble im Stadtzentrum fügen wird. So sieht das Konzept ein filigranes Metallgewebe an der Fassade vor. Von einem "Entwurf in die Zukunft" spricht hingegen Direktorin Lorenz. "Der Neubau ist ein wahnsinnig lebendiges architektonisches Haus", sagt die seit 2009 in Mannheim tätige Kunsthistorikerin.

Die Mission: ein politisch engagiertes Programm

Lorenz will in ihrem Haus nicht bloß Kunstgeschichte nacherzählen. "Unser Ziel ist eine Ausrichtung auf Fragen, die die gegenwärtige Stadtgesellschaft interessieren: Leidenschaft, Gewalt, Ordnung, Chaos", zählt die 1963 in Gera (Thüringen) geborene Direktorin auf. Für Lorenz haben Museen einen klaren Bildungsauftrag. "Kunst ist Aufklärung - wir sammeln ja nicht zur Schatzbildung", betont sie.  Mindestens einen Schatz hat auch Mannheim: das Bild "Die Erschießung des Kaisers Maximilian" von Édouard Manet (1832-1883). Das wandfüllende Gemälde des französischen Künstlers wird im Neubau einen eigenen Raum erhalten. Es sei nicht unproblematisch, dass das bekannteste Bild des Hauses ausgerechnet eine Hinrichtungsszene sei, sagt Lorenz. "Der Manet ist mir trotzdem lieber als etwa die Seerosen von Monet. Für uns ist das Bild die Grundlage für ein politisch und gesellschaftlich engagiertes Programm", unterstreicht die Direktorin.

Spektakulär und umstritten

Im lichtdurchfluteten Atrium des Neubaus

Rund 68,3 Millionen Euro soll der Neubau kosten. "Was Geld und Termin angeht, sind wir im Plan", sagt Lorenz. Sie räumt ein, dass ihr das Projekt auch schwere Stunden beschert. "Manchmal gibt es Täler, in denen man nicht weiter weiß", sagt die zierliche Frau mit leichtem thüringischem Dialekt. Ein Museum müsse sich aber verändern, wenn es überleben wolle - davon sei sie überzeugt. Ihr Wunsch: Kostenloser Zugang zur Sammlung und Eintrittsgeld nur für Ausstellungen. "Aber wir sind leider auf die Einnahmen angewiesen."

Auf der Baustelle bohren und schrauben die Handwerker weiter. Außen verstellen mächtige Gerüste den Blick auf die Fassade. Der 1907 von Hermann Billing erbaute Jugendstiltrakt der Kunsthalle bleibt aber unberührt. "Der Neubau ist jetzt wetterfest", sagt Baukoordinator Buck. Immer wieder erhält er Anfragen für eine Besichtigung des rund 13 000 Quadratmeter - etwa zwei Fußballfelder - großen Areals. "Das ist aber auch wegen der Versicherung schwierig", sagt Buck. Im Sommer wird es jedoch vermutlich einen öffentlichen Termin geben. Er soll auch Kritiker überzeugen.