Architektur und Begehren

Orte der Lust

Es dürfte die wohl erotischste Ausstellung des Jahres sein. Mit "1000 m2 of Desire" zeigt das Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB) wie Architekten und Künstler in den letzten 200 Jahren Orte der Lust interpretierten. Die 250 Beispiele reichen von Sade und utopischen Bordellen vor der Französischen Revolution bis hin zur Playboy-Architektur und Sex-Kinos.

Die Zeitreise durch die Welt der "Architektur und Sexualität" beginnt mit einem kleinen Buch. Der Titel lautet im Deutschen etwa: "Der Pornograph. Vorschläge eines Mannes von Stand für einen Plan der Reglementierung der Prostitution. Geeignet, das Unheil zu verhindern, das durch öffentliche Frauen verursacht wird". Geschrieben hat es 1769 der französische Romancier Nicolas Edme Restif de la Bretonne.

In seinem "Pornograph" fordert er eine Abschottung und regulierte Unterbringung von "Straßenmädchen" in Paris und eine Art Verbund staatlich verwalteter Bordelle. Erste architektonische Vorschläge ließen nicht lange auf sich warten. Architekt Claude-Nicolas Ledoux legte schon wenige Jahre später seine Pläne für "Einrichtungen für öffentliche Liebe" vor. Befänden sie sich nicht in einer Glasvitrine, würde man man liebsten sofort in seinen Zeichnungen und Essays aus dem Band "Die Architektur unter dem Gesichtspunkt der Kunst, Moral und Gesetzgebung betrachtet" herumblättern.

Natürlich dürfen im Ausstellungsbereich "Sexuelle Utopien" auch nicht die imaginären Orte der Lust aus der Feder des Marquis de Sade fehlen. Doch schnell verliert man die Orgien und das sadistische Reich des berühmt-berüchtigten Edelmanns aus den Augen. Die visuelle Anziehungskraft von Nicolas Schöffers "Zentrum für sexuelle Freizeitgestaltung" ist einfach zu gewaltig, auch wenn es sich nur um eine Reproduktion handelt. In seinem Eros-Center glitzert es, Videoinstallationen und Spiegel-Skulpturen faszinieren in einem rosaroten, sexuellen Ambiente.

Wie muss man wohnen, um die Frauen erobern zu können?

Bei den Werken des französischen Bildhauers, der als Vater der kybernetischen Kunst gilt, werden selbst Ricardo Bofills "Walden 7"-Modellbau und Rem Koolhaas’ Zeichnungen vom "Exodus oder die freiwilligen Gefangenen der Architektur" zur Nebensache. Davon abgesehen, fragt man sich, was genau Koolhaas Entwurf über eine fiktive Trennung Londons und Berlins durch eine Mauer mit sexuellen Utopien hier zu suchen hat. Aber nun denn!

Vater der Postmoderne
Den trostlosen Wohnghettos der Sechziger setzte Ricardo Bofill farben- und formenfrohe Entwürfe entgegen. Seinen eher klassischen Stil vermischt der katalanische Architekt konsequent mit anderen Strömungen – und das hat spektakuläre Folgen

Dafür zeigt die Künstlergruppe Archigram in ihrer Fotocollage-Serie mit Werken wie "Erregte Städte" um so deutlicher, wie sie sich "Orte der Lust" vorstellt. Die Bilder hätten eigentlich auch ganz gut in den nächsten Ausstellungsbereich "Zügellose Schutzhütten" gepasst, in der neben der Architektur aus dem emblematischen Liebes-Romanen "La Petite Maison" (1758) von Jean-Francois de Bastide und "Point de Lendemain" (1777) von Vivant Denon vor allem der Playboy im Mittelpunkt des Interesses steht. Playboy definierte wie keine zweite Zeitschrift die neue Identität moderner Männer. Hier konnten sie lesen, wie sie sich zu kleiden haben, was für Musik sie hören müssen – und natürlich wie sie wohnen müssen, um am Puls der Zeit zu sein und um die Frauen erobern zu können.

Eine Reproduktion vom runden Bett des Playboy-Gründers Hugh Hefner darf in der Ausstellung nicht fehlen

Im Playboy wurden moderne Gebäude von Architekten wie Frank Lloyd Wright, John Lautner oder Mies van der Rohe als Objekte und Orte der Fantasie und der Begierde dargestellt. Doch zeigt die Ausstellung ihre Architektur nicht einfach nur in Heftausgaben, sondern auch in Filmszenen aus "007". Schließlich konnte Sean Connery als James Bond ja nicht irgendwo gegen die Amazonen kämpfen. Nein, das musste er schon stilgemäß in "Playboy"-Häusern machen. Das eine Reproduktion vom runden Bett des Playboy-Gründers Hugh Hefner und ein Model seines Big-Bunny-Playboy-Privatjets in der Ausstellung "1000 m² Begierde" nicht fehlen dürfen, ist ja wohl selbstverständlich.

Orte der Lust

Ausstellungsansicht mit Fotos von Larry Sultan

Das von Adolf Loos gestaltete Schlafzimmer ist nicht weniger sinnlich als die intim-sexuellen Ecken in den Häusern des italienischen Architekten und Designers Carlo Mollino, dessen weniger bekannte Facette als Polaroid-Aktfotograf in der Schau zum Vorschein kommt. Wem schon diese Nacktfotografien zu pornografisch sind, sollte im letzten Ausstellungsteil "Sexografías" lieber die Augen zulassen. Larry Sultan zeigt scheinbar recht gewöhnliche Ort als Begierde weckende Liebesnester, es handelt sich aber um Fotos von Pornofilmsets in Kalifornien. Pol Esteve untersucht in sein Licht-, Foto- und Videoinstallationen, wie Musik, Lichteffekte und Drogen zu sexuellen und orgastischen Effekten führen. Zur Sex-Kabine der spanischen Künstlerin Esther Fernández haben Museumsbesucher unter 18 Jahren nicht einmal Zutritt. Tatsächlich laufen hier richtige Pornos.

Pornofilme im Internet haben im Laufe der letzten Jahrzehnte den Konsum von Sex massiv verändert. Das zeigen die neusten Werke von Künstlern wie Yann Minh auf seiner Suche nach einer telepathischen Ekstase. Doch auch wenn es in Sades Lustschlössern noch keinen Cybersex gab, wird in der Ausstellung klar: Ob staatliche Bordelle, Playboy-Wohnungen oder Pornokinos – schon immer gab es Orte, welche durch ihre Architektur die Begierde wecken und zu Ritualen einladen wollten. Diese Verbindung aufzuzeigen ist durchaus interessant und der ungewöhnlich Blick auf die Architektur wird sein Publikum finden. Auch wenn einige Werke etwas beliebig wirken und ganz große Namen fehlen oder nur mit Reproduktionen präsent sind. Aber allein damit werben zu dürfen, "1000 m² Begierde" auszustellen, hat dem Kunst- und Kulturzentrum eine mediale Aufmerksamkeit gebracht, welche sie im Schatten des großen Nachbarmuseums MACBA nur selten erfährt.

"1000 m2 of Desire"

Die Ausstellung läuft noch bis zum 19. März 2017 im Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB).

Rubrik Architektur
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