Plaza der Elbphilharmonie eröffnet

Hamburgs neue Perle

Von außen strahlt sie schon länger. Jetzt darf die Elbphilharmonie auch mit ihren inneren Werten glänzen. Und das tut sie. Das Gebäude ist schließlich das Kunstwerk geworden, als das es am Anfang in der Phantasie erwuchs. Am Wochenende wird die Aussichtsplattform eröffnet. Ein Besucher-Tsunami sollte niemanden überraschen. Rundgang durch einer Architektur voller Meeresmetaphern von Till Briegleb.
Hamburgs neue Perle

Der Große Saal der Elbphilharmonie. Ab dem Wochende kann man auf die Aufsichtsplattform

Endlich beginnt der Urlaub von den Problemen: in Hamburgs neuem vertikalen Sandstrand mit Bestuhlung. Die Elbphilharmonie ist fertig. Architekt Jacques Herzog steht breitbeinig thronend über den Korallenriffs aus graumelierten und hart gepolsterten Sesseln und gibt in seiner ernsten Manier Fernsehinterviews über die Sinnlichkeit des Gebäudes. Im Zehnminutentakt werden Journalistengruppen an den schalloptimierenden sandfarbigen Wandreliefs der inneren Haut vorbeigeführt und freuen sich. Und über dem Kopf schwebt eine flache runde Muschel von der Größe einer Ölplattform, die eine Superakustik in dem neuen Konzertsaal mit 2100 Sitzen zu erzeugen verspricht.

Im Großen Saal der Elbphilharmonie ist die lang erwartete Unbeschwertheit zu spüren, die das endlose, teure Gezerre um diese gebaute Kunstmusik von Herzog & de Meuron vergessen machen soll. Die große Welle an der Elbe ist in den politisch erregten Frequenzen abgeebbt und in ihrer Architektur voller Meeresmetaphern endlich fertig.

Wenn man das Projekt von seiner erste Präsentation in der Hamburger Musikhalle 2001 durch die privaten Initiatoren Alexander Gérard und Jana Marko bis heute verfolgt, dann hat die Strömung der Zeit über die zahllosen Hindernisse hinweg die erste Euphorie erstaunlich unverfälscht bis zur Mündung getragen. Das fertige Gebäude ist das Kunstwerk geworden, als das es am Anfang in der Phantasie erwuchs. Und der Hauptsaal ist tatsächlich ein Raum, in dem Augen und Ohren mit dem Start der Konzertsaison Anfang 2017 gleichviel beschäftigt sein werden, denn kein Quadratmeter gleicht hier dem anderen.

Hamburgs neue Perle

Wo ist was? Querschnitt durch die Hamburger Elbphilharmonie.

Eine steile Landschaft aus geschwungenen Sitztreppen, die in den obersten Stockwerken für Schwindelanfällige streng zu meiden ist, umhüllt wie ein aufsteigender Strudel die zentrale Bühne und schafft für jeden Zuschauer die Nähe zum Ereignisfeld wie in einem modernen Fußballsstadion (30 Meter maximale Entfernung zum Orchester von allen Sitzplätzen). Die Oberflächen und alle Strukturen spielen in vielfältiger Form mit dem Bild des Wassers. Die Wandpaneele, die in ihrer individuellen Zerzaustheit kleinen Sandwellen gleichen, oder wie netzartige Korallen den Konzertraum umhüllen, sind jedes unterschiedlich, als seien sie einzeln vom Meeresgrund abgenommen.

Überall in der Elbphilharmonie wird der gestaltenden Langzeitwirkung des Wassers gehuldigt

Beinahe alles innerhalb und rund um den Saal ist ozeanisch bewegt gedacht. Von den stillen Perlen der tropfenförmigen Glasfassade bis zum orkanartig aufgewühlten Dach, von dem felsartigen Riff der Treppen und Balkone im Foyerbereich zu den wie Seegras nach oben strebenden feingliedrigen Orgelpfeifen wird in allen Details der Kraft und der gestaltenden Langzeitwirkung des Wassers gehuldigt. Und auf der ab jetzt für alle zugänglichen Plaza zwischen dem alten Hafenspeicherblock und dem neuen Konzerthochhaus kann der Besucher sich das feuchte Hamburger Seeklima auch noch original und in 37 Meter Höhe ins Gesicht sprühen lassen, wofür dann der Panoramablick über Stadt, Hafen und Fluss entschädigen sollte.

 

Endlich ...
Der Weg von der Vision zum erhofften Wahrzeichen war lang: Fast ein Jahrzehnt bestimmten Bauarbeiter das Geschehen an der Elbphilharmonie. Nun hat der Konzern Hochtief offiziell die Schlüssel für das fertige Konzerthaus übergeben

Weil das musikalische Vokabular sehr viele Parallelen zur Begrifflichkeit des nassen Elements besitzt, wenn es von Fließen, Aufbrausen, Klangwellen oder Transparenz spricht, ist diese Bildmetaphorik eine zum Inhalt harmonisch passende Gestaltungsidee – und nicht nur ein demonstratives Signal für das Stadtmarketing einer reichen Stadt mit Hafen, wie es von den Kritikern dieser Unglücksbaustelle immer unterstellt wurde. Trotzdem ist der primäre Grund, warum Hamburgs Politik schließlich mehr als doppelt so viel wie nötig bezahlt hat, um ein so spektakuläres Konzerthaus zu bekommen, kaum bei der Liebe zur klassischen Musik und echter Kulturbegeisterung zu suchen. Mit Ausnahme der kürzlich leider verstorbenen Kultursenatorin Barbara Kisseler, die das Projekt zu einer Phase, als laut Architekt Pierre de Meuron der "totale Scherbenhaufen" drohte, mit ihrer männerzähmenden Art ins Erfolgreiche wendete.

Hamburgs neue Perle

Der große Saal in Hamburgs Elbphilharmonie

Auch wenn die ungebremste Freude von Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz bei der Pressekonferenz zur Fertigstellung im Großen Saal rührend echt und begeistert von dem künstlerischen Ergebnis wirkte, muss man ehrlicherweise sagen, dass es letztlich nur der globalen Werbewirksamkeit eines solch einmaligen, großen und markanten Bauzeichens geschuldet ist, das diese bewegte Musikgrotte im Tropfenkleid für fast 900 Millionen Euro durchzusetzen war.

Und das, obwohl die beleidigten Antikräfte zwischen den Leitern der städtischen Baugesellschaft REGE, dem Bauunternehmen Hochtief und den Architekten Herzog & de Meuron die Baustelle zwischenzeitlich über Monate zum Stillstand brachte. Aber weil nur das Spektakuläre wirklich Vertrauen bei der internationalen Geldwirtschaft erzeugt, dass sich Investment in der Stadt lohnt, wurde schließlich jede ätzende Qualle geschluckt und zur Goldbrasse erklärt.

Im Angesicht des beswingenden Ergebnisses will im Moment aber definitiv niemand mehr diesen schmerzlichen Prozess rekapitulieren, nicht mal die Hunderte von Journalisten, die aus aller Welt zur Eröffnung kamen und nur sehr brave Fragen stellten. Denn das Ziel dieses tatsächlich einmaligen Gebäudes ist laut Jacques Herzog jetzt die "Liebe". Eine Liebe, die in das Gebäude eingeschrieben sei mit dem Wunsch nach Sinnlichkeit, die Jacques Herzog bei den Menschen spürt, die das Gebäude endlich von Innen sehen können, und die er in einer Art Segnung schließlich der zukünftigen Wassermusik mit auf den Weg gibt: "Ich wünsche mir, dass die positiven Gefühle über Generationen in dem Gebäude wirksam sein können."

Denn mal Ahoi zum musikalischen Landgang!

Elbphilharmonie-Plaza

Die Plaza der Elbphilharmonie ist ab Samstag, 5.11.2016, täglich von 9 bis 24 Uhr geöffnet

Rubrik Architektur
Aktuelle Ausstellungen, Artikel zu Kunst und Geschichte der Architektur und regelmäßige Kolumnen