Debatte um Haus der Kunst

Sanieren oder sprengen?

Hitlers Geburtshaus in Braunau wird abgerissen. Das Haus der Kunst in München aber soll durch eine Sanierung in seinen Urzustand von 1937 zurückversetzt werden. Ist das der richtige Umgang mit dem schwierigen Erbe nationalsozialitischer Überwältigungsarchitektur? Autor Till Briegleb hat einen eigenen ungewöhnlichen Vorschlag, um den Geist des Bösen zu vertreiben.
Sanieren oder sprengen?
Haus der Kunst in München, Säulengang

Der Oktober ist ein besonderer Monat für Naziarchitektur. Das Münchner "Haus der Kunst", das Hitlers erster Lieblingsarchitekt Paul Ludwig Troost als NS-Tempel der Deutschen Kunst am Englischen Garten entworfen hatte, soll nach Willen von Staat, Hausherr und bestelltem Sanierungs-Architekt für 78 Millionen Euro zurück in seinen Urzustand versetzt werden. Die Bäume drumherum, die mal als Sichtfilter gegen die Überwältigungsarchitektur mit ihren überdimensionierten Bauelementen gepflanzt worden sind, sollen als störender "grüner Vorhang" verschwinden. Galerien, Durchgänge und Tore seien wieder wie einst zu öffnen, damit der Bau so in der Stadt auftreten kann, wie er gemeint war.

Till Briegleb
Till Briegleb ist Autor, Musiker und Kritiker. Er schreibt regelmäßig für art und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Auf art-magazin.de erscheint seine Kolumne »Sofort wieder abreißen!« – eine Beweisführung zur ästhetischen Ignoranz der Gegenwartsarchitektur.

Österreich dagegen hat gerade beschlossen, Hitlers Geburtshaus in Braunau abzureissen und durch einen Neubau zu ersetzen, der in Nichts mehr an das Original erinnert. Dabei war dieses Stadthaus gar keine Naziarchitektur, sondern netteste kleinstädtische Geschossbauweise des 17. Jahrhunderts. Und trotzdem sind beide Vorhaben vergleichbar, denn in Braunau wie in München geht es um eine Art NS-Metaphysik, also die Frage, wieviel Geist des Bösen steckt noch im Gemäuer.

Wer denkt noch beim Colosseum an die Grausamkeit der Gladiatorenkämpfe?

In München beantworten alle Beteiligten diese Frage erstaunlich geschichtshygienisch. David Chipperfield, der mit der rekonstruierenden Denkmalpflege des Zustands von 1937 beauftragt ist, findet, dass das Haus der Kunst "keine Bedrohung" mehr darstelle. Sein deutscher Partner Alexander Schwarz, der jetzt die Pläne für den Rückbau präsentierte, sieht die Erinnerung an die Erbauung inzwischen in reine "Geschichte" verwandelt. Der Bayrische Kultusminister Ludwig Spaenle nennt die Wiederherstellung der vergangenen "Pracht" einen "sehr demokratischen Umgang". Und Okwui Enwezor, der das Haus der Kunst nach der Sanierung in eine "Universalbühne" für alle Künste verwandeln möchte, erklärt, dass man das Gebäude nicht für seine "prekäre Vergangenheit" verantwortlich machen dürfe. Beim Colosseum denke doch auch niemand mehr an die Grausamkeit der Gladiatorenkämpfe.

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Stararchitekt David Chipperfield erhielt den Planungsauftrag zur Sanierung

Könnte man all das nicht viel eher für das Haus in Braunau sagen, das ohne jede NS-Ideologie gebaut und bewohnt wurde? Ließen sich die paar braunen Hohlköpfe, die weiter für einen Kniefall vor dem gewindelten Adolf an den Inn pilgern, und vor denen man solche Angst hat, dass man das schöne gelbe Gebäude jetzt sprengt, nicht viel eher mit einer Ausstellung zum Holocaust von dieser Adresse vertreiben, wie es alternativ vorgeschlagen wurde? Gibt es für konstruktive Erinnerungspolitik überhaupt einen Grund, sich mit der Wiege eines Diktators zu beschäftigen?

Umgekehrt ist das Haus der Kunst definitiv ein früher Referenzbau für die degradierenden Architekturgesten des faschistischen Größenwahns und in seinem gesamten Vokabular dazu bestimmt gewesen, das verhängnisvolle Gewaltpathos des Dritten Reichs zu verkörpern. Und das soll heute nicht mehr bedrohlich sein? Einfach vergangene "Geschichte", die man völlig emotionslos nach ihren räumlichen Optionen für die Kunstpräsentation beurteilt? Lässt sich wirklich die bewusste Absicht faschistischer Symbolarchitektur mit dem Abstand der Nachgeborenen als "räumliche Qualität" preisen und betonen? Nun ist München eine Stadt, die sich nach langem zähen Kampf um ihre Geschichte als "Hauptstadt der Bewegung" gerade eine maximal ausdruckslose weiße Box an die Stelle der zerstörten NS-Zentrale "Braunes Haus" gebaut hat, um so in aller Nüchternheit den NS-Faschismus auszustellen. Da tut es dem Erinnern vielleicht wirklich gut, das besterhaltene Bauzeugnis nationalsozialistischer Selbstdarstellung in der Münchner Innenstadt von allen Schleiern zu befreien.

Sanieren oder sprengen?
Haus der Kunst, Flur, 2013

Doch so verniedlichend, wie die Beteiligten über diesen Vorgang sprechen, stellt sich eher die Frage, ob nicht beides dieselbe Geste emotionaler Unbeteiligtheit ist? Die historischen Zeugnisse der NS-Gewalt kommen in die neutrale Box. Die überdauerte gebaute Symbolik derselben Ideologie dagegen wird verbal all ihrer Wirksamkeit beraubt und als seelenloses Bauzeugnis mit globalen Kunstwerken bespielt. Mit Überwältigungsarchitektur haben zeitgenössische Starchitekten bekanntlich sowieso keine Probleme.

Wir die faschistische Architektur plötzlich schick im Luxussegment?

Sicher gibt es keine Patentlösung für den Umgang mit politischer Architektur, und der historische Abstand zum Geschehen spielt bei der Behandlung ebenso eine Rolle wie die ideologische Verfasstheit einer Zeit. Günther Domenig und Daniel Libeskind haben in Nürnberg und Dresden riesige Splitter in militaristische Repräsentationsbauten geschlagen, um einen späten Widerstand gegen die Glorifizierung von Unrechtssystemen auszudrücken. Das Hohenzollernschloss in Berlin wurde vom Sozialismus gesprengt und wird vom Kapitalismus wieder aufgebaut. In Hamburg hat man in eine NS-Kommandantur gerade Luxusappartements installiert, und im Hauptbau von Mussolinis Neu-Rom im Staddteil Eur der italienischen Hauptstadt ist kürzlich das Modelabel Fendi mit seinem Hauptquartier eingezogen.

Rubrik Architektur
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Ist dies also der zeitliche Kontext, in dem die faschistische Architektur plötzlich schick im Luxussegment wird, zu dem sich auch der erstaunlich unirritierte Lobgesang auf die architektonische Qualität von Troosts Kunst-Germania gesellt? Eine Art Nietzschesche Umdeutung zum Positiven, die das gesamte ideologische Programm diktatorischen Bauens einfach als verpufft erklärt? Ein paar mehr reflektierte Worte und Ideen zur Kritik historischer Beweggründe, die in diesem Bau formuliert sind, darf man bei einem so bedeutenden Kulturprojekt vielleicht doch erwarten. Oder sogar eine wirkliche zeitgenössische Intervention, die es unmöglich macht, diesen architektonischen Neu-Troost als geschichtsignorant und neu erwachtes Pathos misszuverstehen? Wie wäre es, wenn München Hitlers Geburtshaus aus Braunau kauft und oben aufs Dach der Austellungshalle setzt? Vermutlich wäre der Geist des Bösen damit endgültig aus beiden Immobilien vertrieben.

Foto: dpa
Kolumnist Till Briegleb fordert die Höchststrafe für böse Neubauten