T. C. Boyle über charismatische Männer und Musik

Heißt das, die eigentliche treibende Kraft hinter Frank Lloyd Wrights Genie waren seine Frauen?

Das glaube ich zumindest. Er war kein Frauenheld im klassischen Sinne. Er hatte sehr starke und lang anhaltende Beziehungen. Er brauchte eine starke Frau an seiner Seite, jemanden, der ihm etwas entgegensetzte. Wright verlangte Anbetung von allen Menschen um ihn herum. Aber von seinen Frauen gewinnt man den Eindruck, dass sie ihn nicht bedingungslos angehimmelt haben. Vielleicht Olgivanna zu Anfang, als sie noch jung war. Aber später wurde sie der alte, alles beherrschende Hausdrachen von Taliesin.

Aber erfüllt Wright mit seinem zyklischen Frauenwechsel nicht auch das klassische Klischee: Mann trennt sich von Frau und Kindern, um mit einer jüngeren, knackigeren Partnerin einen zweiten oder dritten Frühling zu erleben?

Wichtiger als das Alter war seine Anziehungskraft. Ist es nicht schon immer so gewesen, dass sich Frauen zu mächtigen, charismatischen Männern hingezogen fühlen? Nach den Fotos zu urteilen, sah Frank Lloyd Wright nicht besonders attraktiv aus, aber er hatte Charisma. Er war klein, doch er trat auf, als sei er der größte Mensch auf Erden. Auch wie er sich kleidete, erregte Aufsehen. Er zog sich an wie ein Ästhet des 19. Jahrhunderts mit schwarzem Cape, langem Schal und großem Hut. Das war Teil seines Images. Das setzte er übrigens auch ein, um Aufträge an Land zu ziehen. Er fuhr mit seinem schicken, offenen Automobil vor und kutschierte die Ehefrauen seiner Auftraggeber herum. Sie waren leztlich oft diejenigen, die ihre Gatten überredeten, diesem exzentrischen Architekten Geld für einen Neubau zu geben. Wright war ein Betrüger und Verführer. Nicht dass er mit diesen Frauen ins Bett gegangen wäre, aber er verführte sie, an seine Genialität zu glauben und sicherte sich damit Aufträge.

Als Architekt war Wright ungeheuer produktiv. Er baute über 500 Häuser, eine fast unvorstellbare Zahl, für einen einzigen Architekten.

Ja, aber er ist auch sehr alt geworden. Als er das Guggenheim Museum baute, war er 92 Jahre. Er muss eine unglaubliche Energie gehabt haben. Er arbeitete immer selbst auf dem Bau mit und war in jeder Phase physisch involviert.

In Ihren Buch schildern Sie ausführlich den Bau von Taliesin, seinem Landhaus in Spring Green in Wisconsin, in das er 1912 sein Büro von Chicago aufs Land verlegt. Das Haus hat eine bizarre Geschichte. 1914 wurde es von einem psychopatischen Hausangestellten niedergebrannt, Wrights zweite Frau, ihre zwei Kinder und vier weitere Menschen werden grausam ermordet. Statt den Ort des Unheils zu verlassen, baut er es innerhalb weniger Monate wieder auf. Später gerät es erneut in Brand, und wieder baut Wright es auf. Was hat ihn da getrieben?

Er war einfach unglaublich widerstandsfähig. Dieses Haus hatte er für Mamah gebaut, nachdem er durch den Ehebruch seine Karriere und seinen Ruf aufs Spiel gesetzt hatte. Er konnte also auch nach dem schrecklichen Unglück nicht mehr zurück. Aber mehr noch: Er baute nicht nur Taliesin wieder auf, sondern sechs Monate später hatte er ein sexuelles Verhältnis mit einer neuen Frau: Miriam Noel, einer glamourösen Lebedame und Gelegenheitskünstlerin. Da fragt man sich natürlich, ob Wright nicht einen sehr kalten, berechnenden Charakter hatte. Auf alle Fälle war er ein Control Freak, der seine Gefühle und seine Trauer wegpacken konnte, um mit seiner Arbeit weiterzukommen.

Was wurde aus Taliesin?

Heute ist es eine Art Museum. Es wird von einer Stiftung verwaltet, aber niemand wohnt dort. Das merkt man, wenn man es besichtigt. Es zerfällt langsam. Es ist eine extrem weitläufige Anlage. Frank Lloyd Wright hat sein ganzes Leben lang daran gebaut und immer wieder Erweiterungen geplant, hier einen Turm, da ein paar mehr Zimmer, es wurde niemals fertig, weil ihm als Architekt immer etwas Neues einfiel. Es wäre besser, wenn es immer noch bewohnt würde. Das ist das Problem mit vielen dieser Museumshäuser. Sie werden einfach nicht gut instand gehalten. Die University of Southern California (USC), an der ich unterrichte, besitzt auch eines von Wrights Häusern, das Freeman House. Es ist eines dieser innovativen Entwürfe mit Formbetonsteinen und rahmenlosen Glasfenstern an den Ecken. Es wurde der Universität gestiftet. Doch sie hat nicht genug Geld, es zu restaurieren. Beim letzten Erdbeben wurde es beschädigt und zerfällt jetzt langsam.

Das Guggenheim Museum, ein anderes berühmtes Frank-Lloyd-Wright-Gebäude, feiert im Mai 50-jähriges Jubiläum. Dafür wurde es gerade frisch renoviert. Auch bei diesem Bau gab es viele Dramen, unter anderem deshalb, weil Wright eigentlich Großstädte verabscheute und den Auftrag ursprünglich gar nicht annehmen wollte.

Diese Geschichte kommt in meinen Buch nicht vor. Aber es passt zu ihm. Er hatte eine Abneigung gegen urbane Verdichtung und träumte statt dessen von gartenstadtartigen Siedlungen. Bestimmt hätte er das Museum lieber direkt in den Central Park platziert. Ich selbst finde das Guggenheim Museum großartig.

Interessieren Sie sich für bildende Kunst?

Ein wenig, aber Musik und Literatur sind mir wichtiger. Wenn man in einem Frank-Lloyd-Wright-Haus lebt, hat man ohnehin keinen Platz, Bilder aufzuhängen, weil es zu viele Fenster gibt. Die Idee seiner Prärie-Häuser war, dass die Natur das Gemälde an der Wand ist. Für mich ist Musik die ranghöchste Kunstform. In ihr kann man sich am leichtesten verlieren und sein Unterbewusstsein öffnen. Und Literatur, zumindest so wie ich sie begreife, ist der Musik am nächsten. Auch sie muss einen Rhythmus haben, einen Beat und einen Fluss. Als Junge habe ich Saxophon und Klarinette gespielt, ich war gar nicht so schlecht. Später spielte ich als Drummer in einer Rock-n-Roll-Band und wurde sogar Lead-Sänger. Doch da hatte ich mich bereits fürs Schreiben entschieden. Und ich kann mich nur einer Sache wirklich gut widmen. Also habe ich das Musikmachen aufgegeben. Aber wenn ich schreibe, höre ich immer Musik, Jazz oder Klassik.

Wenn es um moderne Kunst Musik oder Literatur geht, war Amerika lange ein Vorbild. Doch das hat sich in den letzten Jahren geändert.

Kein Wunder, wir wurden die letzten acht Jahre von einem Diktator und einer Bande von Verbrechern regiert, die das Land in den Ruin getrieben haben, bis zum letzten Pfennig und bis zum Bankencrash. Warum sollte sich da jemand an uns ein Beispiel nehmen? Aber das wird sich jetzt vielleicht ändern.

Kultur- und Kunstförderung war kein wichtiges Ziel der Bush-Regierung. Wird sich das mit Barack Obama ändern?

Ja, wir werden unser Land zurückgewinnen. Kein Intellektueller, kein Künstler, der an der Ost- oder Westküste lebte, unterstützte Bush. Es waren die Ignoranten, die Bush gewählt haben. Er war ein Demagoge und nutzte Propaganda. Die Leute, die er am meisten verarschte, waren die, die ihn gewählt haben. Und das sind die, die heute die Rechnung bezahlen müssen.

Womit wir wieder beim Beginn unseres Gesprächs wären, nämlich den Kürzungen im Bildungsetat. Würden Sie es sich denn wünschen, dass die Regierung eine größere Rolle in Kulturpolitik spielt? In Washington gibt es ja jetzt Diskussionen, ob sich Amerika einen Kulturminister leisten soll.

Ich bin dafür, dass Museen und Kultureinrichtungen mehr gefördert werden. Und wir brauchen mehr Kunst- und Musikunterricht in Grundschulen. Aber ein Kulturministerium brauchen wir nicht. Das würde nur in mehr Bürokratie ausarten. Wie könnte irgendein Bürokrat entscheiden, was wir kulturell wollen? Kultur ist eine Bewegung, die niemand voraussagen kann. Die sorgt für sich selbst. Es passiert, was passiert.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo