Palais Bulles, Théoule sur Mer

Einem spleenigen Industriellen mit viel Geduld entwarf der ungarische "Habitologe" Antti Lovag ab den Siebzigern großflächige Blasenwelten mit runden Möbeln und drehbaren Küchen. Für den Kurvenmissionar waren die terra­kottafarbigen Seifenblasen die ein­zige Wohnform, die Harmonie zwischen Mensch und Natur herstelle.

Palais Bulles, Théoule sur Mer

Er selbst ­lebte in einer Wohnknolle auf einer seiner langwierigen Baustellen, wo er "ohne Kostenvoranschlag und ohne Plan" die Kugelhaufen wuchern ließ."Ich baue dem Mensch eine Hülle, die seinem ­Wesen entspricht", sagte Lovag.

Palais Bulles, Théoule sur Mer

Das "Palais Bulles" in Théoule-sur-Mer bewohnte der Modeschöpfer Pierre Cardin.

Die Watts Towers von Simon Rodia

Bau-Exzentriker sind eigentlich immer Männer, aber keineswegs alle von ihnen sind reich. Der Italiener Sabato Rodia etwa, der sich nach seiner Emigration in die USA 1895 Simon nannte, baute eines der aberwitzigsten Monumente der Welt mittellos und in Handarbeit. Auf einem kleinen Grundstück im Armenviertel Watts von Los Angeles, das vor allem durch seine Rassenunruhen in den Sechzigern weltberühmt wurde, bastelte Rodia ab 1921 33 Jahre an seiner "Stadt" aus 17 skelettartigen Skulpturen, die höchste knapp 31 Meter. Tagsüber als Bauarbeiter beschäftigt, streifte Rodia abends durch das Viertel oder an Bahngleisen entlang und sammelte alles auf, was ihm brauchbar erschien. Bis ins Alter von 75 kletterte er auf seinen filigranen Zementstrukturen herum und dekorierte seine Türme, Pavillons, Mauern und Tore inklusive eines Vogelbads mit bunten Scherben im Mosaikstil. Diese Traumarchitektur eines einsamen Mannes ist heute ein Nationaldenkmal.

Sou Fujimotos Wohnhaus NA

Japaner gelten in Europa als Experten des Schamgefühls. Ein vollkommen durchsichtiges Wohnhaus ist dagegen der Superlativ des Exhibitionismus. Aber das Ehepaar in Tokio, das sich dieses Glashaus von dem jungen Architekten Sou Fujimoto bauen ließ, ignorierte in typisch exzentrischer Manier alle Konventionen und wohnt jetzt zum Anschauen. Obwohl in eher gewöhnlichen Berufen zu Hause (er Arbeiter, sie Angestellte), erregen sie mit ihrem Leben jetzt weltweit Aufsehen, denn selbst in den schamlosen Westmedien kann sich niemand vorstellen, wie man so ausgestellt leben mag.

Sou Fujimotos Wohnhaus NA

Die schmutzige Wäsche lässt sich ebenso von außen betrachten wie der Gutenmorgenkuss. Für Intimeres gibt es zwar ­leichte Vorhänge, die allerdings nachts durchscheinend sind. Aber das Ehepaar wollte nun mal bewusst so leben, "als würde man in einer Baumkrone wohnen und sich von Ast zu Ast bewegen". (Bild: Der Architekt Sou Fujimoto vor dem Wohnhaus NA)

Las Pozas, Xilitla, Mexiko

Britische Exzentriker sind die Erfinder des skurrilen Bauens. Und Edward James (1907 bis 1984) gab sich wirklich alle Mühe, in die Fußstapfen seiner berühmten ­Vorgänger zu schlüpfen. Der angebliche Unfall eines königlichen Seitensprungs interessierte sich früh für das Abseitige, stöberte die Surrealisten in ihren Ateliers und Cafés auf, als sie noch keiner kannte, und kaufte ihnen die Frühwerke ab. Als feudaler Bruder im Geiste und guter Freund ­Dalís ­gestaltete er seinen Landsitz in Sussex in surrealer Manier um, reiste mit Boas als Begleitung um die Welt, bis er auf den Gedanken verfiel, den Garten Eden als Skulpturenpark neu erstehen zu lassen. Er verkaufte seine hoch dotierte Kunstsammlung und investierte fünf Millionen Dollar, um das ­Projekt im Dschungel Mexikos zu finanzieren. 25 Jahre baute James an funktionslosen Details und bizarren Betonskulpturen in dem Park, den er mit Flamingos und Schlangen bevölkerte. So war er König im eigenen Reich.

Palais Idéal des Ferdinand Cheval

Sepulkralkultur neigt besonders in theatralischen Epochen gerne zum ­Exzentrischen. Dass sich aber ein einfacher französischer Postbote 33 Jahre lang damit beschäftigt, ein maharadschawürdiges Grabmal für seine eigene Bestattung zu bauen, ist schon sehr verrückt. Ferdinand Chevals "Palais Idéal", das er 1879 in der Provinzstadt Hauterives mit Fundsteinen zu bauen begann, entwickelte sich zu einer enormen Anlage erfundener Sakralarchitektur.

Palais Idéal des Ferdinand Cheval

Einflüsse von Tempelanlagen vor allem aus Asien verband der Postmann mit Fantasiefiguren im Stil naiver Kunst und einer pittoresken Grottentextur. Leider untersagte der Staat dem Grabmalkünstler die Erfüllung ­seines Mausoleumstraums, weswegen der Briefträger sich auf dem örtlichen Friedhof ein zweites Bestattungsmonument errichtete.

Palais Idéal des Ferdinand Cheval

Ein Jahr nach Fertigstellung starb Cheval, erlebte es aber noch, dass irgendwelche Künstler des sogenannten Surrealismus sein Sarghaus zum Geniestreich erklärten.

Quinta da Regaleira, Sintra, Portugal

Esoterik spielt bei vielen exzentrischen Bauprojekten eine zentrale Rolle. ­Astrologie, Zahlenmystik, unsichtbare Mächte oder rätselhafte Symbole sind die Zeitung der Sonderlinge. Dieses ­spezielle Interesse hat kaum ein Weltenwandler so weit getrieben wie der Kaffeemillionär António Augusto Carvalho Monteiro. In der kleinen Gemeinde Sintra westlich von Lissabon, die überaus reich an skurrilen Bauwerken von schrägen Vögeln ist (auch der englische Zentral-Exzentriker William Beckford bewohnte hier einst ein Anwesen), baute sich der aus Brasilien zurückgekehrte Super­reiche eine okkulte Wunderwelt. Ab 1904 ließ er einen Initiationsbrunnen mit Wendelgang in sein Anwesen graben, der in einem speziellen Tarot-Ritus begangen wurde. Er schuf magische Tunnel und Labyrinthgrotten, überzog seine ­Villa mit Zeichen der Templer, Rosenkreuzer und der Alchemie sowie mit rätselhaften Tierfiguren. Dem Tuttifrutti der Eso­terik entspricht der Eklektizismus der Ar­chitektur, in der Stilformen vom alten Ägypten bis zur Neogotik ge­mischt ­werden. Einfach bezaubernd.

Zukunftsstadt Arcosanti, Arizona

Die Idee, eine bessere Zivilisation zu gründen, ist mindestens so exzentrisch wie die Verschwendung eines Privatvermögens für persönliche Grillen – jedenfalls wenn echte Visionäre wie Paolo Soleri sich daran machen. Der ­italienische Frank-Lloyd-Wright-Schüler, der in der Wüste von Arizona den idealen Platz für sein ökologisches Metropolis "Mesa City" entdeckte, erfand im Spekulationsrausch der Sechziger eine neue Stadt für zwei Millionen Menschen. Das Programm seiner "Arkologie" genannten Öko-Enklave sah vor, kosmische Energien einzufangen, religiösen Synkretismus zu befördern, aber auch Hochhäuser mit Flugplätzen auf dem Dach zu errichten.

Zukunftsstadt Arcosanti, Arizona

Es gelang Soleri, seine Vision im Kleinformat zu beginnen. Das bis heute fortlaufende Projekt "Arcosanti" startete 1970 als Idealstadt für nur 5000 Menschen und hat mit einem Dutzend höchst eigenwilliger Bauten mitten in der Wüste einen festen Platz in der Geschichte der Sonderwege.

Sarah Winchesters Mystery House

Die Architekten dieses gigantischen ­Anwesens in San Jose, Kalifornien waren nicht nur Laien, sondern allesamt tot. Aus dem Jenseits schickten die Opfer des berühmten Winchester-Gewehrs Anweisungen an die Witwe des Waffenfabrikanten, ­Sarah Winchester, wie sie ihr Landhaus in einen Geisterpalast umzubauen habe. Und die reuige Dame hörte die Stimmen und ließ ihr Palais 38 Jahre lang für die Toten erweitern. Sieben Tage die Woche hämmerten die Bauarbeiter. Selbst als die Lady 1906 aus dem Spuktempel ­auszog, gingen die Arbeiten weiter. Bei ihrem Tod 1922 zählte es rund 160 ­Zimmer und 10 000 Fenster, und es gab Aufzüge und Wasserklosetts. Übermittlungsfehler aus den Gräbern führten ­vermutlich dazu, dass die labyrinthisch wuchernde Architektur Treppen ohne Ziel und tote Gänge aufwies.

Der Steingarten von Nek Chand

Bevor Le Corbusier in Chandigarh die erste geplante Stadt Indiens bauen durfte, gab es dort bereits etwas: Siedlungen und Dörfer mussten planiert werden, damit die moderne Mustermetropole entstehen konnte. Doch aus den Ruinen der alten Welt entstand heimlich eine neue. Nek Chand, ein Straßeninspektor, schaffte ab 1958 die ansehnlichen Reste der Abriss­stellen in ein verborgenes Waldstück und erschuf damit einen Steingarten. Erst 1975 wurde sein Hobby auf illegal angeeignetem Land entdeckt, das da bereits eine Figurenarmee, Miniaturarchitekturen, Wasserfälle und ­Plazas umfasste. Doch überraschend stellte ihm die Stadt 50 Arbeiter zur Verfügung, um seine Fantasiewelt aus dem Müll der Stadt inklusive ­ Haaren aus den Frisörläden im großen Stil fortzuführen. Heute ist der ex­zentrische Skulpturenpark mit 5000 Besuchern täglich das zweitmeist­besuchte Kulturdenkmal Indiens nach dem Taj Mahal.

Kunststätte Bossard, Jesteburg

Wilhelm Tell wollte 1911 ein Haus in der Lüneburger Heide bauen. So sagte es jedenfalls ein Bauantrag. Der Scherzkeks, der sein Ansinnen schließlich erfolgreich umsetzen konnte, war tatsächlich ein Schweizer Professor von der Hamburger Kunstgewerbeschule, Johann M. Bossard. Mitten im Wald wollte das halbblinde Männlein einen alten Exzentrikertraum realisieren: das Gesamtkunstwerk. Gemeinsam mit einer seiner Studentinnen, die er bald heiratete, modellierte und malte Bossard sich eine mystische Figurenwelt aus, die alle Innen- und Außenwände besetzte sowie weit in den Garten hinauswanderte.

Kunststätte Bossard, Jesteburg

Von nordischen Sagenhelden zu Göttern und seltsamen Monstern reicht das Gestaltenrepertoire, das Jutta und Johann Bossard in teilweise grellen Farben bis 1935 über die Backsteinwände der Kunststätte und bis ins Schlafzimmer ihres daneben errichteten Wohnhauses verteilten. Für den "Wilhelm Tell" bedeutete dieses Fantasieraunen die ultimative Freiheit, für den heutigen Besucher erscheint es einfach herrlich seltsam.

Zum Artikel: Exzentriker der Architektur: Luftschlösser