Exzentriker der Architektur

Luftschlösser

Normale Menschen bauen sich Einfamilienhäuser - echte Visionäre lassen ihrer Fantasie freien Lauf und geben sich irren Ideen hin: bizarre, versponnene, gigantische Anlagen zu errichten. Eine kleine Geschichte der Exzentriker-Architektur.
Luftschlösser

Pierre Cardins "Palais Bulles" in Südfrankreich ist ein Musterbeispiel der Exzentriker-Architektur. "Ohne Kostenvoranschlag und ohne Plan" ließ der Architekt Antti Lovag die Kugelhaufen wuchern.

Als Lady Winchester zum Ball lud, verbreitete sich außergewöhnliche Aufregung unter den Hauskräften. Schließlich arbeiteten sie in einem streng abgeschotteten Anwesen, zu dem niemand Zutritt erhielt. Und auch die Hausherrin hatten die meisten der Angestellten noch nie gesehen. Sie wussten nur, dass diese irgendwo in dem Zimmerlabyrinth, abgeschottet durch ihre Zofe und ihren chinesischen Butler, leben musste. Nun also Gäste. Und Sarah Winchester sollte selbst erscheinen. Der große Ballsaal im Zentrum des Hauses wurde dekoriert, aufwendige Menüs kreiert, ein Orchester bestellt. Doch als der große Moment gekommen war, erschien niemand. Außer der Hausherrin.

Das Orchester musste trotzdem die ganze Nacht spielen, und das Essen wurde aufgetragen. Denn die Gäste, denen die Einladung der wunderlichen Dame galt, waren die Geister von Toten. Und zwar speziell jener Opfer, die durch die Gewehre ihres gestorbenen Mannes, des Waffenherstellers William Wirt Winchester, ihr Leben gelassen hatten. Dieser Gespensterball wurde in seiner Skurrilität nur noch überboten von dem Gebäude, in dem er stattfand. Das Anwesen in San José, in dem die Witwe nach dem Tod ihres Gatten 1881 für 22 Jahre lebte, baute sie zu einem Seelenpensionat für die Winchester-Toten aus – und zwar nach deren Anweisungen aus dem Jenseits. In ständiger Erweiterung der ursprünglichen Villa ließ sie das Gebäude über das Grundstück wuchern, bis es sich zum Zeitpunkt ihres Todes 1922 zu einem Komplex mit 160 Räumen und 10 000 Fenstern ausgewachsen hatte, ausgestattet mit Heiz- und Sanitäranlagen auf höchstem technischen Standard und dekoriert mit goldenen Kronleuchtern und Tiffany-Glas. Aber das besonders Absurde an dieser architektonischen Reue für das Geschäft, dem sie ihren Reichtum verdankte, waren die zahlreichen Gänge und Treppen, die ins Nichts führten. Das "Winchester Mystery House" ist sicherlich ein besonders spektakuläres Beispiel für eine Baugattung, die wie kaum eine an­dere die Fantasie der Menschen beflügelt: die Exzentriker-Architektur.

Befreit von jeder gesellschaftlichen Norm

Seit Ende des 18. Jahrhunderts, als der reichste Mann Englands und Autor der berühmten Gothic Novel "Vathek", William Beckford, sich auf einem Hügel nahe Salisbury die berühmte Riesenklause "Fonthill Abbey" mit einem gigantischen Turm errichten ließ, mehren sich die Beispiele exzentrischer Bauvorhaben, die keinen an­deren Sinn verfolgen, als die extremen Grillen ihrer Bewohner zu befriedigen. Von jeder gesellschaftlichen Norm befreit und meist in glücklicher Isolation nur ihren eigenen Vorstellungen folgend, haben ausgehend von England überall auf der Welt Menschen bizarre Anlagen errichtet. Im Gegensatz zu exzentrischer Architektur, die von Künstlerarchitekten kultiviert wird, ist Exzentriker-Architektur das singuläre Lebensprojekt von Besessenen, dem ab einem bestimmten Zeitpunkt alle Energie und Ressourcen geopfert werden. In Sherwood Forest ­etwa ließ William John Cavendish-Scott-­Bentinck, 5. Duke of Portland, sein Anwesen ab 1854 kilometerlang untertunneln, damit er beim Ausreiten niemand begegnen musste.

Der Papierarchitekt
Häuser ohne Wände und Kathedralen aus Karton – Shigeru Ban schafft revolutionäre Architektur für das 21. Jahrhundert. Jetzt versammelt ein dicker Bildband sein bisheriges Schaffen

Auch ein anderer Cavendish 100 Jahre zuvor, der geniale Forscher Henry Cavendish, der viele seiner bahnbrechenden Ergebnisse (etwa das später Ohm zugeschriebene Gesetz zum elektrischen Widerstand) leider nie pu­blizierte, war von schüchterner Exzentrik. Die zufällige Begegnung mit einer Hausangestellten auf der Treppe erschütterte ihn derartig, dass er sein Haus mit Parallelwegen umbauen ließ, damit das nie wieder vorkäme. Aber neben solchen extrem introvertierten Architekturen sind die bekanntesten Beispiele der Exzentrikerkultur nach außen gerichtete Bauexzesse. Entweder, um einer unverständigen und ignoranten Welt die Zwergenhaftigkeit ihrer Fantasie zu demonstrieren, oder einfach, um sich wider alle Anfeindungen in einem ästhetischen Asyl total selbst zu verwirklichen, haben Künstlerseelen die wundersamsten Anlagen errichtet. Die berühmtesten Objekte egomanischer Fantastik sind natürlich das Werk von Ade­ligen, Superreichen und erfolgreichen Künstlern. Die Schlösser von König Ludwig II. in ­Bayern, für die er die Staatskasse plünderte, das bizarre Anwesen "Vittoriale degli italiani" des Dichters und Groteskfaschisten Gabriele d’Annunzio am Gardasee oder das nach esoterischen Grundsätzen gestaltete Schloss "Quinta da Regaleira" des portugiesischen Kaffeemillionärs António Augusto Carvalho Monteiro in Sintra sind solche kostspieligen privaten Märchenwelten.

Till Briegleb
Till Briegleb ist Autor, Musiker und Kritiker. Er schreibt regelmäßig für art und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Auf art-magazin.de erscheint seine Kolumne »Sofort wieder abreißen!« – eine Beweisführung zur ästhetischen Ignoranz der Gegenwartsarchitektur.

Nicht minder häufig anzutreffen sind aber manische Projekte von gewöhnlichen Bürgern, die ihr ganzes Leben Fantasiegebilden widmen. Das "Palais Idéal" des franzö­sischen Landbriefträgers Ferdinand Cheval, die filigranen "Watts Towers" in Los Angeles oder auch der wunderliche Figurengarten, den der indische Straßeninspektor Nek Chand in Chandigarh ab 1958 aus den Bauabfällen von Le Corbusiers Idealstadt schuf, sind solche Meisterwerke zwingender Traumarbeit. Gelegentlich finden sich allerdings auch Projekte von Kollektivexzentrik. Wenn verschworene Gruppen, verführt von dem Glauben, eine Utopie zu verwirklichen, gigantische Projekte für den neuen Menschen beginnen, dann leitet sie meist dieselbe Mischung aus Abschottungssehnsucht, esoterischen Grundsätzen und lautstarken Stilmitteln wie die manischen Einzelgänger. Eines der bekanntesten Beispiele einer solchen exzentrischen Lebenswelt ist sicherlich Paolo Soleris Stadtfragment "Arcosanti" in der Wüste von Arizona. Die bessere Welt, die Soleri ab 1970 mit seinen Anhängern erschaffen wollte, war beim Tod des Architekten 2013 gerade zu ein Prozent gebaut.

Radikale Spinner und Genies

Obwohl alle Exzentriker zu Lebzeiten als Spinner verschrien und gemieden waren, viele sich mit ihren ausufernden Bautätigkeiten ruinierten und manches babylonische Unterfangen noch zu Lebzeiten wieder einstürzte (William Beckfords Fonthill-Abbey-Turm sogar zweimal), zählen viele der noch existierenden Exemplare der Exzentriker-Architektur heute zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten und bringen Staat und Erben ein vielfaches der Baukosten durch Eintrittsgelder ein. Aber vor allem sind die schönsten Beispiele des radikalen Eigensinns Zeugnisse großer Kulturleistungen. Die hohe Sensibilität der Exzentriker für das Besondere, der Glaube daran, etwas Kultiviertes zu schaffen, und die beherzte Energie, sich dieser Anstrengung auch vollständig hinzugeben, hat Wunderwerke des Andersseins überall in der Welt geschaffen. In einer Zeit, wo viele Menschen und viele Reiche Exzentrik mit Protz verwechseln, erzählen diese Bauwerke eine Geschichte von besonderer Freiheit – die zudem fast immer mit einer friedvollen Botschaft einhergeht. Auch Lady Winchesters Geisterball für die Opfer der Feuerwaffe feierte letztlich das Leben. Sie war einfach so frei, das auf ihre Art zu tun.

Freddy Mamani
Er wird schon mit Gaudi und Niemeyer verglichen, zumindest was die Prägung eines unverwechselbaren Stils betrifft. Im bolivianischen El Alto baut Freddy Mamani einige der farbenfrohsten Gebäude der Welt
Rubrik Architektur
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