Multihalle Mannheim vom Abriss bedroht

Rettet die Multihalle!

Einst war sie das »Wunder von Mannheim«, nun droht ihr der Abriss, obwohl sie unter Denkmalschutz steht: Die 1975 von einem Team um Frei Otto errichtete Multihalle Mannheim ist in einem desolaten Zustand. Wir haben Architekten um Statements und Ideen zu einer möglichen Weiternutzung gebeten.
Rettet die Multihalle!

Hauptwerk der organischen Architektur: Die Multihalle Mannheim.

Die 1975 im Herzogenriedpark errichtete Multihalle, die weltweit größte Konstruktion aus Holzgitterschalen, war eigentlich als temporäres Bauwerk für die Dauer der Bundesgartenschau 1975 geplant, wurde jedoch nicht abgerissen, sondern im Jahr 1998 als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz gestellt. Seit 2011 ist die Halle wegen Einsturzgefahr gesperrt – im Juni stimmte der Gemeinderat dem Abriss zu, sollten sich keine Sponsoren für den Erhalt finden.

Rettet die Multihalle!

Till Schneider und Michael Schumacher

schneider+schumacher

Die Multihalle ist fantastisch und sollte, wenn irgend möglich, ­erhalten werden. Was Carlfried Mutschler, Joachim Langner und Frei Otto da geplant und errichtet haben, ist nicht nur die größte freitragende Holzgitterschale weltweit. Es ist auch ein gebautes Symbol für den frischen und weltoffenen Geist, der Deutschland damals beseelte. Sicherlich ist es heute nicht so einfach, in einer durch Alter und Witterung in die Jahre gekommenen Struktur den Wert zu erkennen. Man sollte un­bedingt gründlich über den ­Umgang mit der Konstruktion nachdenken. Kostbares darf man nicht leichtfertig wegwerfen. Dazu ist es einfach zu schwierig, etwas wirklich Gutes, wie diese Halle, zu errichten.

Rettet die Multihalle!

Christoph Ingenhoven

ingenhoven architects

Die Multihalle ist ein ganz tolles Haus: eine wunderbare ingeniöse Konstruktion und ein poetischer Raum, ein Höhepunkt der Holz-Ingenieurbaukunst. Wer mir Häuser zeigen kann, die diese Qualität haben, der darf das abreißen. In Mannheim wird so viel gebaut zurzeit, dass man sich fragt: Warum zieht nicht die Stadt mit ihrer Verwaltung in die Multihalle? Stadtverwaltung, Stadtplanungsamt, Bauaufsicht. Die könnten da alle ­gemeinsam sitzen. Dann reden die wenigstens mal miteinander. Ich meine das ganz ernst. Wir bauen an anderen Orten der Welt die tollsten Großraum­büros und suchen dafür nach schönen, sinnvollen  Formen. Und hier steht das Ding schon rum. Ein Abriss? Das darf denen nicht passieren! Die Multihalle war ja von Anfang an gedacht als ein Bau, der eine große Flexibilität hat. Sie könnte eine wunderbare Skulpturenhalle für das Museum sein, ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für eine der großen Firmen in Mannheim wie BASF oder Roche Diagnos­tics, ein Industriedesignbetrieb oder ein Universitätsinstitut. Ich bin der festen Überzeugung, dass es gelingen würde, mit einem relativ überschaubaren Mehraufwand gegenüber einem neuen Gebäude eine Nutzung hineinzubringen, und dass man einen riesigen räumlichen Mehrwert davontragen könnte. Das würde Ihnen doch auch Spaß machen, in so einem Raum zu arbeiten. Mir doch auch! (Protokoll: Sandra Danicke)

Rettet die Multihalle!

ingenhoven architects sehen Büros oder ein Forschungszentrum unter Frei Ottos Dach.

Rettet die Multihalle!

Johannes Kuehn, Simona Malvezzi und Wilfried Kuehn

Kuehn Malvezzi

Noch immer ist die innovative Kraft spürbar, der die Multihalle ihre Existenz verdankt, der Mut zum Expe­riment im Maßstab 1:1. Material, Form, Konstruktion und Raum spielen hier auf einzigartige Weise zusammen. Aus einfachen Holzleisten gefügt und zunächst als temporäres Bauwerk für eine Saison gedacht, steht die Halle seit 40 Jahren – ein Vorbild an Materialgerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Mit ihrem Abriss würde ein Bauwerk vernichtet, dessen bescheidene Heroik es vermag, Fachleute wie Laien unmittelbar anzusprechen und für die Architektur zu begeistern.

Rettet die Multihalle!

Jürgen Mayer H. leitet das Büro J. Mayer H. in Berlin. Oben sein Bildkommentar zur Mannheimer Multihalle.

Rettet die Multihalle!

Peter Haimerl

Peter Haimerl

Die Multihalle Mannheim muss als architek­tonisches Denkmal in ihrer ­Eleganz und in der Schönheit ihrer Konstruktion so erhalten bleiben, wie sie ist. Gleichzeitig muss dieses Symbol der Aufbruchsstimmung im Deutschland der siebziger Jahre in die Zukunft weitergedacht werden. Mein Büro sieht vor, der Halle vier luzide und leichte »Wohnhalme« mit kleinen Wohnungen beizustellen (Entwurfskizze siehe oben). So entstünde eine Gesamtanlage aus schlanken Wohntürmen mit Privatwohnzellen, die  sich in einem Gemeinschaftsraum unter dem Dach Frei Ottos erweitern können. Die Konzeption für das ­Innere knüpft an den Entwurfsgedanken von 1975 an. Der Wettbewerbsplan sah als zen­tralen Bereich einen großen, überdachten Treffpunkt für verschiedene Aktivitäten und ein Café mit Sitzterrasse am Wasser vor. Unter dem Dach dieses Pionierbaus wären in Ergänzung zu den Minimalwohnbereichen Generationenzonen, Küchen, Restaurants und Working Spaces sowie öffentliche Freiräume für kulturelle beziehungsweise sport­liche Veranstaltungen. Die Wohntürme wären leicht kon­struiert und würden die kon-struktiven Ansätze von Frei Otto weiterführen. Wie sich Ottos Visionen oft von anderen darin unterschieden haben, dass sie auch sofort umsetzbar waren, ist dieser Vorschlag nicht einfach nur visionär. In einer Kooperation mit Stefan Höglmaier aus München ­denke ich an die Realisierung der Sanierung des Dachs und die Umsetzung dieser Idee.

Rettet die Multihalle!

Peter Haimerl möchte der Multihalle vier Wohnhalme mit kleinen Wohnungen zur Seite stellen.

Rettet die Multihalle!

Stefan Behnisch

Behnisch Architekten

Die Multihalle Mannheim ist ein Meisterwerk der Lowtech-­Ingenieurskunst, ein Wegbereiter bei der Verwendung ­zukunftsorientierter, nachhaltiger Materialien. Das Großartige liegt weniger im Gebauten, heute Erhaltenen, sondern vielmehr im darin enthaltenen Visionären. Man kann die Pionierleistung nicht verkürzen auf die Person Frei Otto, auf Holzlatten und eine marode Haut. Man muss sie betrachten im Kontext der damaligen visionären Idee, entstanden in enger Zusammenarbeit mehrerer Architekten und ­großer Ingenieure und geprägt durch die Freude am Suchen, Forschen, Riskieren, umgesetzt dann für einen kurzen Sommer. Insofern ist die Frage erlaubt, ob Werk oder Gedanke das Besondere darstellen, ob Dokumentation und  historische Aufarbeitung ausreichen oder die Halle erhalten werden muss. Sollten wir Architekten und Ingenieure uns hier nicht bemühen, einen Beitrag zu ­leisten, wenn uns das materiell Umgesetzte dieser Ideen und Träume so wichtig ist? Die Gesellschaft ist nur bedingt belastbar bei solchen Aufgaben. Bei näherer Betrachtung können wir die Diskussion nicht auf eine schlichte Richtig/Falsch-, Gut/Böse-Ebene reduzieren.

 Erst reden, dann abreißen
Was eine Bausünde ist, bestimmen immer noch wir: Weder die Bedrohung des Kulturerbestatus noch das Denkmalamt konnten den Verkauf des City-Hofs durch die Stadt Hamburg verhindern. Wie geht es jetzt weiter?
Rubrik Architektur
Aktuelle Ausstellungen, Artikel zu Kunst und Geschichte der Architektur und regelmäßige Kolumnen