Weltkulturerbe Weissenhofsiedlung in Stuttgart

Stuttgart feiert

Beinahe hätte es der Putschversuch in der Türkei verhindert, doch nun ist es im dritten Anlauf geschafft: Die beiden Le-Corbusier-Häuser in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung gehören jetzt zum Weltkulturerbe. Die Schwabenmetropole feiert.
Stuttgart feiert

Endlich Weltkulturerbe: Haus Citrohan (links) und Doppelhaus in der Weissenhofsiedlung von Le Corbusier und Pierre Jeanneret, beide 1927

Es war eine Zitterpartie für Deutschland und für Stuttgart bis zum Schluss wegen des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei. Dass das Welterbekomitee der Unesco in Istanbul wegen der gespannten Lage eine Entscheidung über Neuaufnahmen am Samstag aussetzte, dafür gab es auch in Baden-Württemberg Verständnis. Doch dann gab es unerwartet für die Hoffnungsträger um die zwei Häuser des Stararchitekten Le Corbusier in der Weissenhofsiedlung doch noch Grund zum Jubeln.

Die Situation in der Türkei ließ am Sonntag noch eine verkürzte Sitzung zu - und nun der heiß ersehnte Erfolg. Nach mehr als einem Jahrzehnt des Kämpfens: Stuttgart hat einen Welterbetitel. "Dass es nun nach zwei Ablehnungen und dann unter diesen dramatischen Umständen in der Türkei geklappt hat, freut uns sehr", sagte Anja Krämer. Sie ist Leiterin des Stuttgarter Weissenhofmuseums, das sich zusammen mit dem Verein für den Erhalt der Siedlung einsetzt.

Eine Viertel Million Besucher

Das 2006 eröffnete Museum konnte sein ursprünglich geplantes Sommerfest am Sonntag zum Freudenfest über den Titel umfunktionieren. Eine riesige Chance sei der Titel für das Museum, sagte Krämer. In den vergangenen knapp zehn Jahren seien schon mehr als eine Viertel Million Besucher gekommen. Auch Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) schaute spontan bei der Feier der aufgewerteten Sehenswürdigkeit vorbei. Er sprach von einem "großartigen Erfolg". Die vor fast 100 Jahren gebauten Häuser seien noch immer vorbildhaft.

Als Rathauschef interessiert er sich für "günstige Wohnungen mit innovativen Grundrissen und neuen Materialien". Das sei Ansporn für Architekten und Stadtplaner, meinte der Chef der Stadt, in der Wohnraum traditionell knapp und teuer ist. Die Le Corbusier-Häuser waren 1927 Teil einer Bauausstellung mit dem Titel "Die Wohnung". Die Weissenhofsiedlung entstand Ende der 1920er-Jahre auf einer Anhöhe des Stuttgarter Talkessels. 17 Architekten waren am "mustergültiges Wohnprogramm für den modernen Großstadtmenschen" beteiligt, darunter neben Le Corbusier auch Walter Gropius (1883-1969). Die künstlerische Leitung hatte Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969).

Weissenhofsiedlung, Le Corbusier, 1927
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Eine «globale Sprache der Architektur»

Die Stuttgarter schauten in ihrer Großregion, in der die größte türkische Gemeinschaft in Deutschland lebt, besorgt nach Istanbul - nicht nur, weil sie um den Titel fürchteten. Dass die Unesco unter dem Eindruck des letztlich gescheiterten Umsturzversuches noch einmal zusammenkam, damit hatte am Sonntag kaum einer gerechnet. Wegen der blutigen Ereignisse packten die Unesco-Experten dann auch drei Tage vor dem eigentlich geplanten Konferenzende zusammen.

Am Ende konnten Deutschland und Stuttgart aufatmen - wie sechs weitere Länder, in denen ebenfalls zum Welterbe erklärte Le Corbusier-Bauten stehen. Aus Deutschland war es diesmal die einzige Nominierung. Bei der transnationalen Ehrung ging es der Unesco freilich weniger um Stuttgart, sondern darum, dass architektonische Werk des schweizerisch-französischen Architekten und Stadtplaners Le Corbusier (1887-1965) insgesamt zu würdigen - als eine globale Sprache der Architektur.

Noch 2009 und 2011 war die Corbusier-Bewerbung gescheitert. Damals hieß es, es seien "zu chronologisch" nur wichtige Bauwerke aus der Schaffensphase des Architekten nominiert worden. Nun zeigte sich das Welterbezentrum beeindruckt von einem "weltumspannenden Antrag". Deutschland hat damit nun 41. Welterbestätten. Die Hamburger Speicherstadt und das Kontorhausviertel waren im vergangenen Jahr aus Deutschland in die begehrte Liste aufgenommen worden. Der Aachener Dom war 1978 der erste Titelträger.

17 Häuser und Ensembles von Le Corbusier auf Welterbeliste

1923: Maisons La Roche et Jeanneret, Paris, Frankreich

1923: Petite villa au bord du lac Léman, Corseaux, Schweiz

1924: Cité Frugès, Pessac, Frankreich
1926: Maison Guiette, Antwerpen, Belgien
1927: Häuser der Weissenhof-Siedlung, Stuttgart, Deutschland
1928: Villa Savoy et loge du jardinier, Poissy, Frankreich
1930: Immeuble Clarté, Genf, Schweiz
1931: Immeuble locatif à la Porte Molitor, Paris, Frankreich
1945: Unité d'habitation, Marseille, Frankreich
1946: Manufacture à Saint-Dié, Saint-Dié-des-Voges, Frankreich
1949: Maison du Docteur Curutchet, La Plata, Argentinien
1950: Chapelle Notre-Dame-du-Haut, Ronchamp, Frankreich
1951: Cabanon de Le Corbusier, Roquebrune-Cap-Martin, Frankreich
1952: Complexe du Capitole, Chandigarh, Indien
1953: Couvent Sainte-Marie-de-la-Tourette, Eveux, Frankreich
1954-59: National Museum of Western Art, Main Building, Tokio, Japan
1953-65: Centre de recréation du corps et de l'esprit de
Firminy-Vert, Firminy, Frankreich

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