Architektur-Biennale 2016 – Teil 2: die Pavillons

Die Down-to-Earth-Biennale

Deutschland gibt sich streberhaft, die USA greifen stark daneben: In den Länderpavillons findet man zwischen nationaler Leistungsschau und Diskurs-Verweigerung aber auch konstruktive Beiträge. Ein Streifzug durch die Giardini.
Die Down-to-Earth-Biennale

Der deutsche Beitrag "Making Heimat“ ist ein schlagkräftiger Argumentationskatalog. Als symbolischen Akt der Öffnung durfte das deutsche Team außerdem vier Tore in den historischen Pavillon brechen.

Obwohl ebenfalls aufgefordert, etwas zum Thema dieser Biennale "Reporting from the Front" beizutragen, liefern viele Pavillons der Länder kaum diskussionsbezogene und qualitative Beiträge, jedenfalls weit weniger als vor zwei Jahren bei Rem Koolhaas Leitthema der Modernekritik unter dem Stichwort "Elementals". Diverse Länder nutzen das Branchentreffen vielmehr wie früher einfach zur nationalen Leistungsschau. Wobei diese Selbstbespiegelung nicht nur in einer unglaublichen Materialschlacht wie im dänischen Pavillon endet, der bis unter die Decke mit Modellen vollgerümpelt ist. Das auffälligste Medium dieser Biennale-Ausgabe ist das Papier. Mitten im Digitalzeitalter stehen überall fette Stapel rum, von denen sich die Besucher Projektwerbung abreißen oder Poster mitnehmen können. Dicke Zeitungen und Broschüren vernichten an allen Haltestellen des Ausstellungsparcours in den Gardini einen Wald von der Dimension, wie es früher nur Verbrauchermessen geschafft haben.

Prägnant, didaktisch und etwas streberhaft steht der deutsche Pavillon kuratiert vom Deutschen Architektur Museum in Frankfurt an der Spitze der Motto-Events. In "Making Heimat" werden allgemein verständliche Thesen aus dem Standardwerk zur "Arrival City" des kanadischen Journalisten Doug Saunders (der auch Co-Kurator der Schau ist) in poppigen Farben auf der Wand präsentiert. Hier kann man immerhin die Texte problemlos lesen, aber eine Lektüre des wirklich brillanten Buchs von Saunders ersetzt das nicht. Als symbolischen Akt der Öffnung durfte das deutsche Team außerdem vier Tore in den historischen Pavillon mit seiner nationalistischen Repräsentationsarchitektur von 1938 brechen.

Die Architektur-Biennale 2016 ist eine Kampfansage an gierige Investorenarchitektur und plumpe Megakomplexe. Chefkurator Alejandro Aravena plädiert stattdessen für einen baukulturellen Wandel und zeigt, wie man aus öden Plätzen lebenswerte Orte macht

Viele Lehrer und Unbelehrbare

Die mit Abstand dämlichste Trotzveranstaltung zum Festival-Thema liefert der US-amerikanische Pavillon. Ein Haufen unbelehrbarer Blob-Architekten zeigt hier irrwitzige Schaum-, Blasen-, Würfel- und Faltobjekte in den abscheulichsten Farbkombinationen, die sie gerne auf die verfallenden Stadtreste der bankrotten Metropole Detroit platzieren würden. Obwohl es in der ehemaligen Autostadt zahlreiche intelligente Projekte von Grassroots-Initiativen gibt, die einen enorm positiven Einfluss bei der Auferstehung aus Ruinen entwickeln, zeigen die akademischen Kuratoren Cynthia Davidson und Monica Ponce de Leon lieber altbackenen eitlen Kunstkitsch ohne die geringste Anteilnahme an den echten Problemen der Menschen vor Ort.

Zwischen diesen Extremen der inhaltlichen Pflichterfüllung finden sich dann einige konstruktive Beiträge zum weit gefassten Thema der Biennale: die Beschäftigung mit den Blauhelmmissionen der UNO und ihren architektonischen Hinterlassenschaften (Holland), das ironische Design von Wohnzellen als Reaktion auf die unbezahlbaren Immobilienpreise in London (Großbritannien), eine Ermutigung zum Selbst- und Gemeinschaftsbauen mit einfachen Mitteln (Mexiko) oder zum Widerstand gegen autoritäre Stadtplanung (Iran), eine Aufforderung, endlich mal über die Rolle der Bauarbeiter statt nur über Architektur zu sprechen (Polen), oder die Darstellung einer Intitiative, wie den Menschen im Regenwald Amazoniens, die kaum Spanisch sprechen, Bildung vermittelt werden kann (Peru).

Die Down-to-Earth-Biennale

Sport statt Diskussion: im serbischen Pavillon regiert der Tobespaß auf der blauen Halfpipe

Ergänzt wird die Weltausstellung der Baukultur durch Beiträge, die mit der Flucht in die Kunst um Originalität und Abwechslung bemüht sind. Serbien hat einen blauen Schiffsinnenraum als Half-Pipe mit Steckdosen in sein Haus gebaut, die rumänischen Nachbarn versammeln aufwändige mechanische Konstruktionen mit Automatenmenschen, Australien hat einen flachen Swimmingpool installiert, und im Schweizer Pavillon durfte wiederum Christian Kerez ein riesiges Gipsblasengeschwulst anliefern, dessen Höhlengefühl jeder erleben darf, der seine Schuhe auszieht – was angesichts des heißen Wetters und der langen Wegstrecken zu ordentlich Maukenduft im Inneren führt.

Geruch ist überhaupt ein auffälliger Begleiter bei dieser Down-to-Earth-Biennale. In Shigeru Bans utopischem Bambusgarten für den (vielleicht irgendwann einmal überflüssigen) Todesstreifen zwischen Nord- und Südkorea riecht es nach Erde, in der Müllinstallation zum Thema Recycling im indischen Slum von Dharavi nach Fäulnis. Die Filzjurte, in der die Zukunft des nomadischen Lebens der Mongolen in Videos problematisiert wird, verströmt ebenso ihren Materialgeruch wie die Holzpyramide im skandinavischen Pavillon. Und am Ende des ganzen Parcours im Arsenale erreicht man eine Holzhütte mit Gemüsegarten in Schubladen, den die würzige Frische eines Schrebergartens umgibt.

Sinnlichkeit kommt also nicht zu kurz bei dieser Best-Practice-Wanderung durch die Welt, konzentriert im sinnlichen Venedig. Nur die mengenmäßige Überforderung eines Programms, für das man bei gleichbleibendem Interesse mindestens eine Woche Zeit mitbringen muss, ist Biennale Business-as-usual. Der erfrischende Abgesang auf die Großprojekte und das Plädoyer für die kleine Form als ultimativem Rahmen für Qualität, das Aravena so programmatisch hält, gilt nicht für die Show selbst. Aber was wäre auch ein so großer Appell zur Wesensänderung ohne Widersprüche? Nur eine neue Ideologie des Guten. Und deshalb ist es gut, dass auch bei dieser Biennale nicht alles gut ist.

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