Interview mit Alejandro Aravena

»Architektur kann Ungleichheit bekämpfen«

Gier und Ungeduld, Ehrgeiz und Konservatismus tendieren dazu, eine banale, mittelmäßige und langweilige bauliche Umgebung zu produzieren – da ist Kreativität gefragt, meint der Architekt Alejandro Aravena, Pritzker-Preisträger und künstlerischer Leiter der diesjährigen Architekturbiennale.
»Architektur kann Ungleichheit bekämpfen«

Baumeister der Armen: Alejandro Aravena

"Reporting from the Front" (Von der Front berichten) heißt das Motto der diesjährigen Architekturbiennale von Venedig, die am Samstag öffnet. Ihr Direktor ist der Chilene Alejandro Aravena. Architektur müsse auch dazu beitragen, die Ungleichheit zwischen arm und reich zu verringern, sagt Aravena im Interview – er plädiert für Erfindungsgeist und neue Perspektiven.

Das Symbolbild der diesjährigen Architekturbiennale ist eine Frau auf einer Leiter, die auf den Horizont blickt. Warum haben Sie dieses Bild gewählt?

Bei seiner Reise nach Südamerika hat (der britische Schriftsteller) Bruce Chatwin eine alte Frau getroffen, die durch die Wüste lief und dabei eine Aluminiumleiter auf der Schulter trug. Es handelte sich um die deutsche Archäologin Maria Reiche, die die Nazca-Linien erforschen wollte. Für die, die auf der Erde standen, ergaben die Linien auf dem Boden keinen Sinn, aber von der Höhe der Leiter aus betrachtet, wurden sie zu einem Vogel, einem Jaguar, einem Baum oder einer Blume. Maria Reiche hatte nicht das Geld, um sich ein Flugzeug für ihre Studien zu mieten. Aber sie war kreativ genug, einen Weg zu finden, um ihr Ziel zu erreichen. Diese einfache Leiter ist der Beweis dafür, dass wir nicht schwierigen Bedingungen die Schuld daran geben sollten, wenn wir unfähig sind, unseren Job zu tun. Wenn es an etwas fehlt, ist Erfindungsgeist gefragt.

Inwiefern repräsentiert dieses Bild die Biennale 2016?

Wir würden uns wünschen, dass die Biennale 2016 einen neuen Blickwinkel eröffnet, wie der, den Maria Reiche von ihrer Leiter aus hatte. Die Architektur muss heute auf komplexe und vielfältige Herausforderungen Antworten geben. "Reporting from the Front" will denen eine Stimme geben, die bereits eine neue Perspektive entwickelt haben und deshalb in der Lage sind, etwas von ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und ihrem Erfindungsgeist mit denen zu teilen, die auf dem Boden stehen.

"Reporting from the Front", das klingt nach Kriegsberichterstattung. Warum dieser Titel? Hat Architektur auch etwas mit Konflikten und Kämpfen zu tun?

Die Aufgabe der Architektur ist es, den Orten, an denen wir leben, eine Form zu geben. Diese Orte beinhalten Häuser, Schulen, Büros, Geschäfte, Museen, Regierungsgebäude, Bushaltestellen, Plätze, Parks, Straßen, Bürgersteige und Parkplätze. Die Form dieser Orte wird aber nicht nur von einem ästhetischen Trend oder dem Talent eines Designers definiert, sondern es gilt auch, Regulierungen, Interessen, Wirtschaftlichkeit und politische Linien zu beachten, oder auch fehlende Koordination und Gleichgültigkeit. Die Kräfte, die hier am Werk sind, sind nicht unbedingt freundlich gesinnt: Gier und Ungeduld, Ehrgeiz und Konservatismus tendieren dazu, eine banale, mittelmäßige und langweilige bauliche Umgebung zu produzieren. Es müssen viele Kämpfe gewonnen werden, um deren Qualität zu verbessern - und somit auch die Lebensqualität der Menschen.

Der Papierarchitekt
Häuser ohne Wände und Kathedralen aus Karton – Shigeru Ban schafft revolutionäre Architektur für das 21. Jahrhundert. Jetzt versammelt ein dicker Bildband sein bisheriges Schaffen

Welche Botschaft möchten Sie mit dieser Architekturbiennale vermitteln?

Bei dieser Biennale wird es darum gehen, die Arbeit von Menschen, die den Horizont nach neuen Aktionsfeldern abgesucht haben mit einem breiteren Publikum zu teilen. Diese Menschen haben das Pragmatische mit dem Existentiellen vereint, Sachdienlichkeit mit Verwegenheit, Kreativität mit gesundem Menschenverstand. Das ist die Front, von der sie berichten sollen - wir möchten, dass sie Erfolgsgeschichten und beispielhafte Fälle teilen, bei denen Architektur einen Unterschied gemacht hat, macht und machen wird.

Als Sie im April mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurden, sagten Sie, dass die zunehmende Zahl armer Menschen in den Städten ihnen Sorgen bereitet. Wie kann Architektur diesen Menschen helfen?

Die größte Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist die Ungleichheit. Aber die einzige Lösung, von der wir hören, ist es, Löhne umzuverteilen. Städte können hingegen eine Abkürzung auf dem Weg zu mehr Gleichheit sein. Denn wenn Projekte, die sich mit dem öffentlichen Raum, dem Transportwesen, der Infrastruktur oder dem Häuserbau befassen, strategisch identifiziert werden, dann können sie die Lebensqualität jetzt sofort verbessern, ohne warten zu müssen.

Das klingt gut. Aber wie könnte das praktisch aussehen?

Nehmen wir jemanden, der unfreiwillig am schlecht angebundenen Stadtrand lebt und jeden Tag viele Stunden im Verkehr verbringt. Stellen Sie sich den Unterschied in seiner Lebensqualität vor, wenn er die zwei oder drei Stunden in hochmodernen öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen kann, die eine Klimaanlage und eine Heizung haben und in denen er sitzen kann. Das kostet Geld? Ja, natürlich, aber immer noch weniger als jede Alternative, die wir kennen. Oder nehmen wir arme Menschen, die sich keinen Urlaub leisten können. Die schönsten öffentlichen Räume sollten sich eigentlich in der Peripherie befinden, so dass die, die kein Geld für Erholung haben, Parks oder Seen zur Verfügung haben. Solche urbanen Möglichkeiten sind wichtig, um Lebensqualität umzuverteilen - und die Wut und die sozialen Reibungen zu verringern, die entstehen, wenn Menschen, die zu viel haben, in der Nähe von Menschen leben, die nichts haben.

Der Problemlöser
Nicht nur als Architekt, sondern indirekt auch als Klimaschützer mit sozialer Verantwortung hebt sich Alejandro Aravena von vielen seiner Kollegen ab. Nun erhält der Chilene die wichtigste Auszeichnung für Architektur