Daniel Libeskind wird 70

»Viele Leute waren sehr skeptisch«

Das Jüdische Museum in Berlin ist eines der bekanntesten Werke von Daniel Libeskind. Am Donnerstag wird der Architekt 70 Jahre alt – mit 50 Projekten weltweit ist an Ruhestand nicht zu denken.
»Viele Leute waren sehr skeptisch«

Daniel Libeskind, hier im September 2015 beim Richtfest des von ihm entworfenen Haus Saphire in Berlin.

Als Daniel Libeskind am Morgen des 11. September sein Architekturstudio in Berlin betrat, war er zuversichtlich. Das Jüdische Museum war fertig gebaut und eingeweiht, samt einer Rede des Bundespräsidenten. Nun sollte es auch für Besucher öffnen. "Dies ist das erste Mal, dass ich nicht über das Museum nachdenken muss", erinnert sich Libeskind an jenen Morgen im Jahr 2001. Dann flogen zwei Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme, fast 3000 Menschen starben. "Oh mein Gott, wie die Welt sich veränderte", sagt Libeskind. Das Museum blieb weitere drei Tage geschlossen. 

Der Architekt sieht es heute als seltsamen Zufall, dass die Eröffnung seines ersten Bauprojekts auf das Ereignis fiel, das nun mit seinem bekanntesten Projekt zusammenhängt. Heute, viele Jahre nach dem Grauen, der Zerstörung und dem Terror von 9/11, hat der Architekt New York dort eine neue Nachbarschaft geschenkt. Auch wenn er mit seinem gefeierten Originalentwurf für das World Trade Center samt Gedenkstätte, Museum und Bahnhof Kompromisse eingehen musste: Die Begeisterung ist ihm anzusehen. Er redet schnell, er gestikuliert, er lacht. 

Wenn der Sohn eines Malers und Druckers und einer Fabrikarbeiterin am 12. Mai seinen 70. Geburtstag feiert, blickt er zurück auf eine beeindruckende, späte Karriere. 43 Jahre war er alt, als der Zuschlag für das Jüdischen Museums kam. "Es ist so ein wundervolles Feld", sagt er im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. "Ich bin so froh, hineingedriftet zu sein." Denn auch eine Karriere als Musiker, als Akademiker oder gar als Wissenschaftler schienen in der Laufbahn des 1946 in Polen geborenen Libeskind möglich.  Immer wieder spricht er dabei von Glück. Von dem Glück, bei seinen bald 100 Projekten - etwa die Hälfte davon bereits abgeschlossen - an beeindruckenden Orten mit "fantastischen Menschen" arbeiten zu können. Selbst am Ground Zero, wo Meinungsverschiedenheiten mit dem Chef der Baufirma, Larry Silverstein, und seinem Konkurrenten David Childs ihn vor Gericht ziehen ließen, hat er heute Frieden gefunden. "Viele Leute waren sehr skeptisch", sagt er. "Sie sagten, das ist nicht zu schaffen, weil es zu viele konkurrierende Stimmen gibt." 

Dass das Gezerre zwischen Politikern, Wirtschaftsvertretern, Behörden und den Angehörigen der Opfer im neuen World Trade Center in einen Konsens mündete, dürfte vor allem Libeskind zu verdanken sein. "Es sind nicht nur ein paar Gebäude am Horizont", sagt er heute. Auf dem Marktplatz verschiedener Meinungen spreche der Konsens auch an Ground Zero dafür, dass Demokratie funktioniert. "Die Vielfalt lässt uns Musik lieben. Dasselbe gilt für die Architektur." 

Mit derzeit rund 50 gleichzeitig laufenden Projekten, mit Studios in New York, Mailand und Zürich scheint die Kreativität aus dem lebensfroh wirkenden Libeskind nur so herauszusprudeln. Und als sei der Bau des Kriegsmuseums in Manchester, des Messegeländes in Mailand und eines Stadtviertels in Seoul nicht genug, versuchte er sich auch an Möbeln, Leuchten und entwarf sogar ein futuristisches Klavier.

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Am meisten begeistert ihn, sein erstes Haus gebaut zu haben. Der Auftrag eines Paares aus Connecticut war sozusagen der, der anstelle seines Erstlingswerks - dem Jüdischen Museum - hätte kommen müssen. "Ich sage immer, dass ich mein Leben rückwärts gelebt habe." Er habe schon einen weiteren Kunden in Tel Aviv, für den er sein zweites Haus bauen werde. Sich selbst sieht er in New York zu Hause, aber: "Die Idee eines Zuhauses ist nicht nur ein physisches Stück Geografie oder ein farbiger Punkt auf einer Landkarte." Es gehe um die Beziehungen zu Menschen und zur Familie. "Als Architekt ist man niemals Tourist."  Familie und Freunde sind es auch, die Libeskind kommenden Donnerstag beglückwünschen werden, seine Frau hat eine Feier geplant. "Aber bitte keine Überraschungen", habe er sie angebettelt. Zu seinem 60. Geburtstag habe sie ihn zu einem vermeintlichen Interview auf das Dach des Rockefeller Center gelockt. "Ich kam rein und da standen Hunderte Leute und ich hatte fast einen Herzinfarkt."

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