Nachruf auf Zaha Hadid

Ohne Rücksicht auf Verluste

Die Feuilletons waren begeistert von Zaha Hadids Feuerwache für das Vitra-Firmengelände, doch die Feuerwehr stand kopfschüttlend davor – und zog nicht ein. Ein kompromissloses »I don’t care!« war der legendäre Ausruf der überraschend mit 65 Jahren gestorbenen Architektin.
Ohne Rücksicht auf Verluste

Charismatisch und kompromisslos: Zaha Hadid gehörte als einzige Frau zur Riege der Stararchitekten.

Stararchitekten gibt es noch nicht ewig. Bis in die achtziger Jahre wahren Baumeister keine Stars, höchstens berühmt, und zwar für das, was sie gebaut haben. Aber im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts machte eine gewissen Klasse von Entwerfern von sich reden, die ins Glamourfach aufstieg, gerade weil sie nichts bauten. Parallel zum Siegeszug der Medien als immaterieller Wirklichkeitsersatz wurden Gestalter wie Frank O. Gehry, Bernard Tschumi, Daniel Libeskind, Peter Eisenman oder Coop Himmelb(l)au zum Hype, weil sie das spektakulär inszenierte Bild von Architektur über deren Gebrauchswert setzten. Unbaubare Entwürfe, die mehr Skulpturen als Gebäuden glichen, wurden wie Bühnenshows oder Special Effects rezipiert und ihre Erfinder erhielten den Ruf von Popstars.

Zaha Hadid gehörte als einzige Frau von Beginn an zu dieser Clique Künstlerarchitekten, die gegen die Macht des Faktischen mit einer Grundsätzlichkeit rebellierte, dass die meisten von ihnen in den ersten zwei Jahrzehnten ihrer Berufskarriere kaum ein realisiertes Gebäude vorweisen konnten. Auch Zaha Hadid, die aus einer wohlhabenden irakischen Familie stammte und ab 1972 in London Architektur studierte, danach in Rem Koolhaas Denkfabrik OMA angestellt wurde und 1980 ihr eigenes Büro in London gründete, musste bis 1993 warten, bis sich jemand an ihre Splitterarchitektur wagte – und das Ergebnis war eigentlich mehr ein Folie, denn ein Funktionsgebäude.

Der Vitra-Chef Rolf Fehlbaum gab bei Hadid eine Feuerwache für das Firmengelände des Möbelunternehmens in Weil am Rhein in Auftrag, von dem zwar die Feuilletons begeistert schrieben, vor dem die Feuerwehr aber kopfschüttlend stand – und nicht einzog. Denn das verwinkelte Gebäude mit seinem spitzen Flugdach war in seinem kunstvollen Formalismus völlig unbrauchbar für den Betrieb einer Brandschutzabteilung – eine Erfahrung, die noch viele Nutzer mit Entwürfen der Architektin machen sollten.

Vom Faustkeil zur Sahnearchitektur

Obwohl Zaha Hadid heute eher für ihre sahneartig fließende Schaumarchitektur berühmt ist, begann sie ihre Entwurfs-Opposition zum Funktionalismus im Stil von Faustkeilen. Ob für einen Freizeitpark auf einer Bergspitze in Hong Kong oder in einem Wohnhausentwurf für eine Baulücke an der Hamburger Hafenstraße, die ersten Jahre der bejubelten Brotlosigkeit in Zaha Hadids Karriere sind geprägt von einer architektonischen Zerbrechlichkeit, von Entwurfszeichnungen, die eher dem Sehtest für Farbenblinde ähnelten, und von Grundrissen, die schon mal in ihren spitzen Enden so schräg und beengt ausliefen, dass die dort geplanten Büros selbst für Hobbits schwer zu betreten waren.

Den Bewohnern ihrer Entwürfe galt Zaha Hadids Interesse eigentlich so wenig wie dem politischen Backround ihrer Bauherren oder den Grenzen von Budgets. "I don’t care!“, war ein wohlbekannter, energischer Ausruf dieser jetzt überraschend mit 65 Jahren gestorbenen Architektin. Ohne Skrupel baute sie dem aserbeidschanischen Diktator Aliyew auf Staatskosten eine Gebäude für seine private Autosammlung, das sie dann Kulturzentrum nannte. Ihr monumentaler Entwurf für das Olympiastadion von Tokio für die Spiele 2020 überzog so lange um ein Vielfaches den Etat, bis ihr der Auftrag entzogen wurde. Und in der Debatte um die vielen toten Arbeiter auf den Baustellen in Katar, wo ihr Büro ein WM-Stadion baut, machte sie sich unsterblich unbeliebt mit dem Aussage, das sei nicht ihr Problem. "Skandal“ war Zaha Hadids zweiter Name.

Mit mieser Laune gegen die Männerdomäne

Eine sympathische Frau ist diese markant aussehende Baukünstlerin mit Sicherheit nicht gewesen. In Interviews nahm Hadid sich gerne Zeit, um zwischendrin ihre Mitarbeiter anzuschreien. Auf der Biennale in Venedig konnte man sie mit mieser Laune durch den Kies pflügen sehen, während zwei devote junge Männer ihr Handtasche und Handy hinterher trugen. Ihr Auftreten war atmosphärisch immer geprägt von der herrischen Ungeduld angeborener Oberklassen-Arroganz. Und selbst dann, wenn sie mit funkelndem Blick treffende Dinge sagte – etwa zu der männlichen Dünkelhaftigkeit in der Architektur oder zur Diktatur des rechten Winkels – geschah dies im Ton einer Zurechtweisung.

Als reine Landmark-Architektin, die ausschließlich künstlerisch dachte, war Zaha Hadid in dem Männer-Business der Super-Aufträge aber vielleicht genau deswegen so erfolgreich, weil sie kompromisslos blieb. Die eigentümlich zerdehnten Räume und im Schwung erstarrten Gebäude-Objekte, mit denen sie in den letzten zwanzig Jahren den Globus überzog, haben ihre Berechtigung in der skulpturalen Einmaligkeit, nicht im Zweckhaften oder einer demokratischen Moral.

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