Architekt Ricardo Bofill

Vater der Postmoderne

Den trostlosen Wohnghettos der Sechziger setzte er farben- und formenfrohe Entwürfe entgegen. Heute gilt Ricardo Bofill, der in einer umgebauten Zementfabrik in Barcelona lebt und arbeitet, als einer der bedeutendsten spanischen Architekten der Gegenwart – und als einer der vielseitigsten. Seinen eher klassischen Architekturstil vermischt er konsequent mit anderen Strömungen – und das hat spektakuläre Folgen.
Vater der Postmoderne

Ricardo Bofills Wohnkomplex "Walden 7" in Sant Just Desvern, einem Vorort von Barcelona, wurde 1975 gebaut.

Kurvig bewegen sich die 18 Wohntürme aufeinander zu und bilden ein vertikales Labyrinth, das durch Innenhöfe, Brücken und unzählige Terrassen verbunden ist. Wie angeklebte Waben hängen zylinderförmige Balkone an der braunen Fassade.

Das Gebäude in Sant Just Desvern, einem Vorort Barcelonas, erinnert ein wenig an das puzzleartige Computerspiel Tetris. Die Wohnmodule sind mit Auswuchtungen nach innen und außen unregelmäßig neben- und übereinander angeordnet. Zwischengeschosse, Freiflächen und Sackgassen verstärken den Eindruck, dass das Tetris-Spiel über 16 Stockwerke nicht einfach gewesen sei.

Der verwinkelte Komplex mit 446 Wohneinheiten, Bars, Geschäften, Versammlungs- und Freizeiträumen ähnelt dabei bewusst einem in die Höhe gebauten, von der Außenwelt unabhängigem Stadtviertel. Sein Erschaffer, der katalanische Architekt Ricardo Bofill, nannte es "Walden 7". Bofill inspirierte sich 1974 beim Entwurf des Wohngebäudes im Roman "Walden Two". In dem futuristisch-utopischen Werk zeichnete der amerikanische Verhaltensforscher Burrhus Frederic Skinner 1948 Formen des konfliktfreien Zusammenlebens einer autarken Kleingesellschaft auf.

"Walden 7" gehört noch immer zu Bofills Lieblingswerken

Auch Bofill interessiert vor allem der urbane-humane Aspekt seiner Arbeit. "Meine Architektur ist das Ergebnis einer konstanten Suche, um Städte, die urbane Umgebung und damit die Lebensqualität seiner Einwohner zu verbessern", erklärt Bofill im art-Gespräch. Mit der tollkühnen Wohnutopie "Walden 7", in der sich auch seine Bewunderung für die arabische Städtebaukultur wiederspiegelt, feierte der damals noch junge Stararchitekt einen seiner ersten Welterfolge.

Und nach 40 Jahren gehört "Walden 7" immer noch zu Bofills Lieblingswerken. Vielleicht hat er auch deshalb nebenan seine bereits 1963 gegründete "Architekturwerkstatt" in einer alten Zementfabrik einquartiert. Sein multidisziplinäres Team besteht aus Innenarchitekten, Stadtplanern, Ingenieuren, Grafikern, Soziologen, Designern, Künstlern und Modellbauern. 40 Personen aus zwölf Ländern arbeiten im Erdgeschoss der stilvoll umgebauten Fabrik. Der Meister selbst wohnt in der ersten Etage.

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In "La Fábrica", einer 1975 selbst umgebauten Zementfabrik, lebt und arbeitet Ricardo Bofill.

Nur knapp 20 Kilometer Luftlinie entfernt dominiert eines seiner jüngeren Gebäude den Hafen Barcelonas. Von den Swimmingpool-Anlagen auf den Dächern des "Walden 7" kann man das imposante 26 Stockwerke hohe W-Hotel an der Strandpromenade sehen. Mit seinem eleganten Bogen erinnert es an ein riesiges Segel von 99 Metern Höhe. "Ich liebe das Meer und verbringe viele Stunden beim Segeln", erklärt Bofill die Idee zur geschwungenen Segelform. Das 2009 eröffnete Hotel ist längst zu einem neuen Wahrzeichen Barcelonas geworden. Die unverwechselbare Form, aber auch die Glasfassade, in der sich der Himmel, die Stadt und das Mittelmeer spiegeln, geben dem Gebäude eine enorme Leichtigkeit.

So chamäleonhaft die gläserne Hotelfassade auf die Umgebung reagiert, so anpassungsfähig und wechselhaft arbeitet auch Bofill. Er habe in seiner Laufbahn "rund tausend Gebäude in 50 Ländern" erschaffen. Einen "Bofill-Stil", der sich wie ein roter Faden durch seine Werke zieht, gebe es allerdings nicht.

Wegen kommunistischen Aktivitäten wurde Ricardo Bofill von der Architektenschule geworfen

Zwar wird er häufig als einer der Väter des Postmodernismus gefeiert. Der postmoderne Wohnungsbau ist auch sein vielleicht wichtigster Beitrag zur Architekturgeschichte. Doch Bofill lehnt diese Zuschreibung ab: "Das ist eine bloße Etikette. In meinen Gebäuden zwischen 1970 und 1990 wollte ich vor allem klassische Stilelemente zurückgewinnen, um den trostlosen sozialen Wohnungsbau zu verschönern".

Klingt hier noch seine einstige Sympathie für den Kommunismus und das Arbeitervolk durch? Bofill, seit 1997 Ehrenmitglied im Bund Deutscher Architekten BDA, wurde 1957 wegen seiner kommunistischen Aktivitäten sogar von der Architektenschule in Barcelona geworfen und musste sein Studium schließlich in Genf beenden

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Ricardo Bofill: "The Spaces of Abraxas", 1982, Marne La Vallée bei Paris

Nach seiner Rückkehr setzte er an der spanischen Costa Blanca in Calp mit Gebäuden wie Xanadú und La Muralla Roja den rationellen Wohnblocks der sechziger Jahre farbenfrohe, an orientalischen Ksabah-Festungen inspirierte Wohnsiedlungen entgegen. 1971 eröffnete er eine Niederlassung in Paris, wo er in den siebziger und achtziger Jahren Vorortsiedlungen der Pariser Peripherie mit postmodernen Säulen und halbkreisförmigen Barockbauten entwickelte. Im südfranzösischen Montpellier putzte er mit majestätischen, an die Antike erinnernden Monumentalbauten das Stadtviertel Quartier d´Antigone heraus.

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Bofill vermischt eklektisch seinen eher klassischen Architekturstil mit anderen Strömungen. Er kombiniert seine antik anmutenden Pfeiler, Ornamente und Bögen mit futuristischen Linien und modernen Materialien, wie man heute noch an den Konzernzentralen sehen kann, die Bofill für Unternehmen wie Christian Dior, AXA oder Cartier in Paris baute. Diese Art zu bauen, findet man auch in bekannten Gebäuden wie dem Katalanischen Nationaltheater in Barcelona, dem Madrider Kongresspalast, der Firmenzentrale des japanischen Kosmetikhersteller Shiseido in Tokio oder dem Torre Dearborn Center in Chicago wieder.

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Obwohl seine Bauten nicht immer so benutzerfreundlich sind, wie er selber meint, besitzt Ricardo Bofill ein großes Gespür für die Atmosphäre eines Ortes und die Wirkung seiner Gebäude. Wie bei den neuen Flughafenterminals in Barcelona versucht er immer Funktionalität mit angenehmer Atmosphäre zu verbinden. "Ich analysiere bei Projekten alle möglichen Parameter – sogar kulturelle, soziale und wirtschaftliche Aspekte", erklärt der Stararchitekt, der sich selber eben nicht als Star, sondern als Erneuerer und Künstler sieht.

Seine architektonische Passion gilt dabei der Städteplanung – von der Erweiterung der Madrider Hauptachse Paseo de la Castellana über die "Stadt der Zukunft" im japanischen Kawasaki bis hin zur Planung von Algeria, der neuen Hauptstadt Algeriens. "Städteplanung inspiriert mich am meisten", versichert der elegante Spanier.