Lacaton & Vassal - Aue-Pavillon

Luxus der armen Dinge

Hauptspielort der Documenta 12 ist der temporäre Pavillon in der Karlsaue, entworfen von Lacaton & Vassal. Das französische Architektenteam ist für schlichte Bauten aus Sperrholz und Wellplastik bekannt. Die Ausführung der Hallen finden sie nun zu pompös. Eine Bestandsaufnahme
Gewächshaus für die Kunst.:Baumarkt statt Öko-Hightech. Eine Bestandsaufnahme

Der Aue-Pavillon

Es lässt sich mit dem Begriff Luxus alles Mögliche verbinden. Abhängig von persönli­chen Marotten und der finan­ziellen Ausstattung kann eine Yacht ebenso als luxuriös empfunden werden wie lang anhaltende Faulheit, eine große Bibliothek wie das Sammeln von Uhren, Fußballern oder Kunstwer­ken. Nur ein Wort passt eigentlich gar nicht dazu. Luxus ist nicht billig. Vor allem nicht in der Architektur. Fertigbauteile aus Glas, Plastik und Sperr­holz, unverputzte Wände mit großen Löchern darin, Sozialwohnungsbau und die improvisierte Architektur afrikanischer Großstädte wür­de niemand ernsthaft als Luxus bezeichnen. Niemand außer Anne Lacaton, 52, und Jean-Philippe Vassal, 53, die Architek­ten der Aue-Pavillons.

Das französische Paar nennt Luxus „die wichtigste Komponente in unserer Architektur“, aber mit goldenen Wasserhähnen hat das nichts zu tun. Viel­mehr kann man sich kaum eine Architektur vorstellen, die dem gängi­gen Konzept von Luxus mehr spottet als die spartanischen, aus Billigmaterialien komponierten Wohnhäuser, die das Büro in den letzten rund 20 Jahren in Frankreich errichtet hat, oder die Umwandlung des Palais de Tokyo in Paris zu einer Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst. Die Wohnhäuser zeigen mit ihrer Kombination aus Wellplastik, Sperrholz und Sichtbeton eine Art Favella-Chic und das Palais de Tokyo ist nüchtern betrachtet eine bespielte Ruine.

Gerade das Gebäude an der Seine, das außen unverändert den martialischen Imperialstil der Weltausstellungsarchitektur von 1937 zeigt, lie­fert in­nen die radikale Antithese zur gro­ßen Geste. Die Spuren jahrelangen Leer­stands, halbherziger Instandsetzu­gen und der Rohbauarbeiten, die La­ca­ton & Vassal hier 2001 durchgeführt ha­ben, summieren sich zu einer Textur des Verfalls. Der Beton ist löchrig und zeigt Spuren von Wasserschäden, die Kabel laufen unverblendet über Stahlschienen, gemauerte Liftschächte zeigen sich unverputzt, und statt eines Kassenhäuschens erfüllt ein Imbisswa­gen die Funktion des Einlasses.

Ein einfacher Reflex auf diese Situa­tion wäre die Frage, wo hier eigentlich die Architektur ist, für die Lacaton & Vassal weltweit gefeiert werden? Lässt sich diese Frage im Kontext zeitgenössischer Kunst, wo die Haltung des Künstlers entscheidend ist, noch re­lativ leicht beantworten – der bewusste und durchaus aufregende Gegensatz von Pathos und Verfall rückt die Arbeit in die Traditonslinie von Giovanni Battista Piranesi bis Dieter Roth –, so ist die Suche nach Luxuszeichen doch ein Akt der Verzweiflung.

„Luxus ist nicht teuer, das ist unsere Idee“

Es lohnt sich also, der französi­schen Neudefinition von Luxus auf den Grund zu gehen. In der Nähe des Gare du Nord arbeitet das aus Bordeaux nach Paris umgesiedelte Paar auf zwei Fabriketagen im Hinterhof. Auch hier herrscht die Ästhetik des Ver­falls. Die vergilbte Farbe blättert von den Wänden, der nackte Betonboden ist fleckig, die jungen Arbeitskräfte sitzen an Platten auf Holzböcken, nur die Aussicht ist wirklich luxuriös. Über die Dächer der nördli­chen Arrondissements schweift der Blick auf den Montmartre mit der Kirche Sacré-Coeur.

„Luxus ist nicht teuer, das ist unsere Idee“, sagt Jean-Philippe Vassal mit einer Handbewegung zur „kosten­losen“ Aussicht. Der Hauptredner des Duos hat optisch die Erscheinung ei­nes Musketiers im Polohemd, paart im Gespräch aber nervöse Anspannung mit lauernder Cholerik zu dem Bild eines Professors alter Schule. Worüber er spricht, ist dagegen mehr angesiedelt im Sinnlichen. „Im Moment ist der Wert von Architektur verbunden mit Materialien und Formen. Die Arbeit des Architekten besteht unserer Meinung nach aber darin, magische Situationen zu schaffen.“
Architektur nach der Idee von La­caton & Vassal will die Ordnung der Dinge auf einen Zustand hinführen, der optimalen Zugang zu den natürlichen Quellen des Wohlbefindens her­stellt. „Luxus des Raums, der Luxus, Kontakt zur Außenwelt zu haben, Luxus des Lichts und der Sonne, Luxus der Luftqualität – das sind die Komponenten, die uns interessieren.“

Den Slogan von der hohen Le­bens­qualität bei niedrigen Kosten, dem Lacaton & Vassal ihren internatio­na­len Ruhm verdanken, haben sie in di­ver­sen Hausprojekten umgesetzt. Zen­traler Baustein war dabei stets das Ge­wächshaus.
Als zusätzlicher Lebensraum mit minimalen Herstellungskosten sowie als landwirtschaftlich erprobtes System für ein besseres Binnenklima erlaubt ein Wintergarten die Verwandlung der Standardwohnung in etwas Besonderes. Am bekanntesten ist ihr Projekt für die Arbeiterwohnstadt in Mulhouse, wo die beiden hinter der Erscheinung ei­nes Gartenbaumarkts 14 große Einfamilienhäuser zum Einzelpreis von rund 75 000 Euro realisiert haben.

„Diese Form des Luxus ist für uns der Schlüssel zur Nachhaltigkeit“, sagt Vassal. „Denn Nachhaltigkeit ist es, gute Bedingungen für die Menschen zu schaffen, ihnen Platz zu geben, Blu­men wachsen zu lassen und ihnen Freiheit zu ermöglichen.“ Ganz bewusst stellen sich Lacaton & Vassal gegen den Öko-High-Tech britischer und deutscher Prägung. Ihre Häuser sind orientiert an den Erfahrungen ei­ner traditionellen Bauweise, an Indus­triebauten und dem Improvisationsgeschick der Armut.

Daraus erklärt sich auch der Eklat, den es anlässlich des Aue-Pavillons gab, den Lacaton & Vassal zwar entworfen haben, von dem sie sich aber während der Ausführung distanzierten. Ihr Konzept sah vor, bei den rund 10 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in Form eines Gewächshauses allein auf natürliche Belüftung und Beleuchtung zu setzen. Doch die Documenta-Leitung misstraute dieser Lösung und motzte das Gebäude technisch auf deutschen Museums­standard auf, wodurch sich die ursprünglichen Kosten von einer Million Euro verdreifachten. „Mit unserer Idee hat das nichts mehr zu tun“, erklärt Vassal grimmig.

Obwohl sie ihren Bekanntheitsgrad der armen Architektur verdanken, mögen Lacaton & Vassal das Wort „billig“ gar nicht. Gute Architektur sei zwar keine Frage der Kosten betonen sie, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht auch mit großen Budgets arbeiten können. So entwickeln sie gerade ein Fünf-Sterne-Hotel am Luganer See oder entwerfen ein neues Gebäude für die Architekturhochschule in Nan­tes. Auch hier verfolgen sie die Idee, für das vorhandene Geld mehr Raum, mehr Freiheit, mehr Mög­lichkeiten zu schaffen. In Nantes etwa entwerfen sie mehr als doppelt so viel Fläche zur freien Verwendung und eine Dachterrasse, auf die man mit Lastwagen fahren kann – für den Fall, dass dort ein Zirkus sein Zelt aufschlagen möch­te. In der Tradition der französischen Architektur, die seit vielen Jah­ren primär von exzessiven Form- und Farbspielereien geprägt ist, sind Lacaton & Vassal die Graswurzelrevolutionäre.
Gerade was die Frage der Ästhetik betrifft, stehen sie mit ihrer Verweigerung von kreativem Design ziem­lich isoliert. Ihre nüchternen und schlichten Strukturen provozieren nicht gerade das Wort „schön“. Doch natürlich haben die Architekten auch für diesen Mangel einen Winkelzug, der ihn entkräftigt, parat: „Die Schönheit kommt nicht aus der Form oder dem Material. Die Architektur produziert sie durch den bewussten Umgang mit Licht, Luft und Raum. So entsteht die Emotion, die Poesie, die dich lächeln und entspannen lässt. Und das erreichen wir ohne Design.“