Poollandschaft - the next ENTERprise

Poollandschaft auf Stelzen

Mitten im Südtiroler Weinbaugebiet haben die Architekten Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs am idyllischen Seeufer mit Blick auf die Berge das Gegenteil vom Erwartbaren geschaffen: ein Bad, das sich im wahrsten Wortsinn abhebt, nämlich vom Boden.

Nicht die simplifizierte Box, sondern der komplexe Raum, sei das Spezifische an Österreichs „Baukünstlern“ der Gegenwart, urteilt Wolf D. Prix von „Coop Himmelb(l)au“, Österreichs derzeit international wohl bekanntestem Architekturbüro. Die großteils von seinen Studenten an der Wiener Universität für Angewandte Kunst bestückte, erfolgreiche Wanderausstellung „Rock over Barock“, die 2006 auch während der Architektur-Biennale in Venedig zu sehen war, illustrierte die These des schon legendären Dekonstruktivisten vortrefflich. Im Reigen der kühnen Konstruktionen ragte aber eine, noch dazu eine der wenigen verwirklichten, heraus: Das Freibad am Kalterer See vom Wiener Büro „the next ENTERprise“, mit dem seit 2000 Ernst J. Fuchs und Marie-Therese Harnoncourt in unendliche Weiten der Architektur vordringen.

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Strecken Teaser

Sich wuchtig aus dem Grund windende Betonpfeiler stemmen eine rund 2500 Quadratmeter große Sonnenterrasse samt dreibahnigem Sport-, kleinem Kinderbecken und Imbisskiosk bis zu fünf Meter in die Höhe. Zudem scheinen die mächtigen Pfeiler diese Oberfläche auch zu durchbohren, ragen – teils verkleidet mit Edelstahl – wie Eisberggipfel aus dem Wasser heraus.

Dank der raffinierten Liftung ist der Blick von der hinter dem Bad vorbeiführenden Promenade auf den Kalterer See frei. Und im Schatten der weitläufigen Platte, zu ebener Erde, haben auch die Umkleidekabinen Platz. Wie schummrige Grotten verborgen, befinden sich in den Füßen der stützenden Betonskulpturen noch ein Whirlpool und ein „Regenraum“. In den mächtigen Boden des scheinbar schwebenden, 482 Quadratmeter großen Erlebnis- und Sportpools wurden zwei große, kreisrunde Bullaugen eingelassen. Sie versorgen die Fläche unter der Platte von oben mit schillerndem Unterwassertages-licht – und ermöglichen zudem lustige Aufblicke auf die Bäuche der Schwimmer.
Derart durchdacht und abwechslungsreich kommt ein Freibad sogar heute noch ohne eine Mega-Rutsche und aufwändige Wellenanlage aus.