Schloss-Arkaden - Braunschweig

Nur eine Mogelpackung

Historisierende Rekonstruktio­nen sind ein notwendiges Übel, ohne das unzählige europäische Städte wie Münster oder München kein Gesicht mehr hät­­­ten. Selbst Puristen haben gelernt, damit zu leben – vorausgesetzt, es geschieht sorgfältig, his­­torisch korrekt und die Nutzung passt. Gelungene Beispiele sind die Dresdner Frauenkirche oder die Brücke in Mostar – beide für die jeweiligen Bürger zudem wich­tige Identifikationspunkte. Braunschweig kann sich mit seinen Schlossarkaden auf keines dieser Argumente berufen.
Wo ist das Schloss?:Über die Braunschweiger Mogelpackung

Gewaltige Glasfronten konkurrieren mit der Sandsteinfassade der Schlossarkarden in Braunschweig.

Das Architekturbüro Grazioli und Mu­thesius (Zürich, Berlin) hat da­für gesorgt, dass sie sich wieder in der Innenstadt erheben: monu­mental aus goldgelbem Sandstein, mit Säulen und Skulpturen – genauso wie das zwischen 1831 und 1838 entstandene Original, ein wichtiges Werk des deutschen Spät­­klassizimus von Carl Theodor Ottmer. Sein Welfen­schloss wurde 1944 durch Bomben schwer beschädigt. Übrig blieb lediglich eine Ruine. Obwohl die Stadt Braunschweig be­reits viel historische Bausubstanz verloren hatte, beschloss der damalige Stadtrat 1960 den Abriss – mit zwei Stimmen Mehrheit. Seitdem dien­te das brachliegende Gelände not­dürftig als grüne Lunge in der Braun­schweiger City, umgeben von den Bausünden der fünfziger Jahre.

Kein Wunder, dass sich die Stadtväter wieder nach etwas Glanz sehnten. Bloß: Was sie bekommen haben, ist keine Rekons­truktion, sondern eine Attrappe. Denn zur Finanzierung des Projekts musste Braunschweig mit der Hamburger ECE Projektmanagment GmbH kooperieren, ei­nem Schwesterunternehmen der Otto-Gruppe und Europas größtem Betreiber von Einkaufszent­ren. Folge: Hinter den Schloss-Arkaden macht sich, dreimal so groß auf 30000 Quadratmetern, ein modernes Einkaufszentrum aus Stahl und Glas breit.

Kaum ist der Besucher durch das Hauptportal getreten, landet er, nur zehn Meter weiter, zwischen Windeln und Waschpulver. Da hilft es wenig, dass fast 600 Originalsteine, die nach dem Abriss 1960 aufbewahrt worden waren, in die Fassade eingebaut werden konnten. Auch pochen Befürworter des Projekts immer wieder darauf, dass auch Teile der Schlossflügel wieder aufgebaut wurden mit Kulturamt, Bibliothek und Schlossmuseum.

Aber erstens handelt es sich dabei um Neubauten mit zusätzlichen Geschossen und einer völlig anderen Raumabfolge, die mit dem Original kaum etwas zu tun haben. Zweitens ändert das nichts daran, dass sich hinter den Arkaden kein Schloss befindet, sondern ein Kaufhaus. Von einer Re­konstruktion kann also keine Rede sein. Hier handelt es sich schlicht um eine Mogelpackung.