Neutelings Riedijk - Porträt

Plaudernde Fassaden

Wer sich ein Gebäude bei Neutelings Riedijk bestellt, be­kommt ein Wahrzei­chen – sinn­lich und un­über­sehbar. Ein Besuch bei den niederländischen Architekten, die ihre Bauten zum Sprechen bringen
Der Inhalt bestimmt die Form:Ein Besuch bei den Star-Architekten

Das Medienzentrum in Hilversum (2006) von Michiel Riedijk und Willem Jan Neutelings.

Das ältere Ehepaar hat die Köpfe in den Nacken gelegt und blickt angestrengt nach oben: "Da ist ja Prinzessin Maxima, wie sie Willem-­Alexander den Hochzeitskuss gibt!", ruft die Frau. "Und weiter links, ist das nicht Johan Cruyff?" fragt ihr Mann einen Fußgänger neben ihm, der ebenfalls stehen­geblieben ist. "Ja, voll in Aktion!" pflich­t­et der ihm bei. "Ich glaube, ich weiß sogar noch, welches Spiel das war!"

Worauf diese Passanten so gebannt schauen, ist die Fassade des neuen niederländischen "Instituts für Ton und Bild" in Hilversum – und die könnte dafür sorgen, dass bei Hausärzten in der weiten Umgebung die Klagen über einen steifen Nacken dras­tisch zunehmen. Denn was aus der Fer­ne einem gigantischen flimmern­den Fernsehschirm gleicht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Collage aus bunten Glasreliefplatten, auf denen Höhepunkte aus der niederländ­ischen Fernsehgeschichte abgebildet sind: von königlichen Hochzeiten über einschneidende politische Ereignisse bis hin zu sportlichen Triumphen.

Das 40 Millionen Euro teure Me­dien­zentrum wurde kurz vor Weih­nach­ten von Königin Beatrix höchst­per­sönlich eingeweiht und ist der jüng­ste Streich der Rotterdamer Ar­chi­tekten Willem Jan Neutelings, 47, und Michiel Riedijk, 43. Die beiden gehören nicht nur zu den schillerndsten Vertre­tern der niederländischen Archi­tektur­szene, sondern auch zu den er­folg­rei­chsten. Ihr Ruhm reicht längst über die Grenzen der Benelux-Staaten hinaus: "Aber in den letzten zehn Jahren konn­ten wir im Umkreis von nur einer Stunde die aufregendsten Projekte reali­sieren", erklärt Willem Jan Neutelings in seinem Rotter­damer Büro, als er zwi­schen Bücher­stapeln und Modellen Platz für seine Kaffeetasse sucht. "Wie­so sollen wir da in China bauen?"

Statt dessen bekam Rotterdam im Sommer 2005 eines der wichtigsten mari­timen Institute der Welt: die einem U-Boot mit Periskop ähnelnde Hoch­schule für Schifffahrt- und Trans­port direkt an der Maas. Auf dem Cam­pus der Universität Utrecht macht sich wie ein rostiges Schlachtschiff das Minnaert-Gebäude breit. Und in Belgien schafften es Neutelings und Riedijk sogar, in gleich zwei wichtigen Wettbewerben als Sieger hervorzugehen: Sowohl ihre Entwürfe für die Genter Konzerthalle als auch für ein Museum der Stadtgeschichte in Antwerpen gewannen den ersten Preis – ein Umstand, der die Konkurrenz ganz neidisch machte: "Es hieß, wir würden alles an uns reißen wollen", erzählt Neutelings. Aber, so stellt der ruhige, sympathische Mann schulterzuckend fest: "Gewonnen ist gewonnen!" Was den Verlierern ein Trost sein mag: Der flämische Kultusminister musste inzwischen feststellen, dass das Geld nicht für beide Projekte ausreicht. Deshalb bekommt vorläufig nur Antwerpen sein "Museum am Strom" – einen 60 Meter hohen Turm aus übereinander gestapelten Blöcken, jeweils um 90 Grad gedreht.

"Unsere Werke sind wie Rubens-Frauen"

Dass das Architektenduo aus Rot­terdam gerade bei Prestige-Aufträ­gen für öffentliche Institute so gefragt ist, kommt nicht von ungefähr. Wer einen Neutelings Riedijk bestellt, bekommt mit Sicherheit ein neues Wahr­zeichen – sinnlich, unübersehbar und wuchtig: "Mit Anorexia-Bauten haben wir nichts am Hut, unsere Werke sind wie Rubens-Frauen", sagt Neutelings schmun­zelnd, der selbst in der Rubens-Stadt Antwerpen lebt und jeden Tag hin- und herpendelt.
In den letzten 20 Jahren sei in der Architektur dauernd von Transparenz und Schwerelosigkeit die Rede, von Licht und Leichtigkeit. Bauwerke von Neutelings Riedijk sind das Gegenteil davon: nicht hohl und leicht, sondern voll und schwer. "Wir gehen vom Totalvolumen aus, von der vollen Masse. Wie ein Bildhauer aus einem Granitblock hauen wir uns die gewünschte Form heraus."

Nicht umsonst gelten die beiden als die Bildhauer unter den Architek­ten: "Gebäude sind Skulpturen in der Stadt", lautet ihr Motto. Deshalb gehen sie auch wie Bildhauer vor, neben Buntstiften und Papier mit Messern und Styropor bewaffnet. "Dann suchen wir nach der idealen Form, schleifen und feilen wie an einem Dia­manten", erklärt Neutelings und deutet auf die ungezählten weißen Styropor-Modelle, mit denen Tische und Regale übersät sind. Bis zu 200 dieser weißen Mini-Skulpturen entstehen pro Projekt, dann erst sind die beiden mit der Form zufrieden.

Das Ergebnis ist immer eine echte Koproduktion. "Man kann nicht sagen, Bau X ist eher ein Riedijk und Bau Y mehr ein Neutelings", betont Michiel Riedijk, als er zwischen zwei Besprechungen kurz vorbeischaut. Vor 20 Jahren haben sich die beiden kennengelernt, als Studenten an der TU Delft. Seitdem arbeiten sie zusammen, sie wissen genau, wie der andere reagiert: "Wir ergänzen uns, das ist ein großer Vorteil. Das zwingt uns, kritisch zu sein – und das macht uns besser." Von ihren architektonischen Skulpturen sprechen sie, als gehe es um Persönlichkeiten mit Kopf, Rücken, Füßen – und Charakter: "Wir haben keinen bestimmten Hausstil, jedes Projekt ist solitär mit einer unverwechselbaren Identität."

Zum Beispiel die Sphinx-Häuser in Huizen, rund 35 Kilometer südöstlich von Amsterdam. Eine wunderschöne Lage am Gooisee, bloß: "Es geht um ein Südufer!" Ein paar Dutzend Styropor-Modelle später hatten Neutelings und Riedijk auch dafür eine Lösung gefunden, und zwar ein Querschnitt in der Form eines Dreiecks. Auf einer der beiden Dreiecksseiten ruht das Gebäude, die andere ragt mit Panoramafenstern steil aus dem Wasser während sich die Basis mit den tiefen Sonnen-Terrassen zum Land hin nach Süden richtet. Innen hingegen geht es völlig unspektakulär zu: "Die Apartments haben ganz gewöhnliche Grundrisse."

Dann haben sie die Vier-Tage-­Woche eingeführt

In Hilversum beim Medienzen­trum ist es genau umgekehrt: außen ein einfacher Würfel, aber innen hoch­kompliziert und spektakulär ver­schach­telt. Vielen Menschen bleibt beim Be­tre­ten des Gebäudes erst einmal die Luft weg: Der Blick fällt in eine 16 Me­ter tiefe, terrassenförmig ab­fallen­de Schlucht mit knallig orange­farbe­nen Fensteröffnungen, hinter den­en Feuer zu lodern scheint. "Dantes Infer­no", so Neutelings. Denn in diesem unter­irdischen Teil des Würfels befindet sich, einer Nekropole gleich, das Archiv für 50 Jahre Fernsehgeschichte. Darüber hängt, ebenfalls treppenförmig an der Unterseite, der Erlebnisbereich für die Besucher, eine Art über­dachter Medien-Freizeitpark. Denn der Würfel wurde diagonal in zwei Teile getrennt und auseinander­ge­zogen – allerdings nicht mit ein­em glatten Schnitt, sondern mit einer Zick­zacklinie. Zwischen den bei­den Tei­len wird die Hülle aus bunten Glas­plat­ten sichtbar, mit denen das Ge­bäu­de verkleidet ist. Von innen sehen sie aus wie die zeitgenössische Variante leuch­ten­der gotischer Kir­chen­fenster und geben der riesigen Eingangs­halle die Aura einer modernen Kathedrale.

Assoziationen dieser Art sind durch­­aus erwünscht. Ganz bewusst spielen Neutelings und Riedijk mit Ele­­menten aus Tausenden Jahren Ar­chi­tekturgeschichte. Dabei brechen sie immer wieder mit Konventionen und traditionellen Vorstellungen. So ist das Schifffahrts- und Transport-College in Rotterdam eine Hochschule, die buch­stäblich auf den Kopf gestellt wurde: Statt Klassenzimmer und Hörsäle, wie es sich gehört, brav neben­einander an­zuordnen, hat das Architektenduo sie übereinander gestapelt, 16 Stockwerke hoch und gekrönt von einem Auditorium mit Panoramafens­ter, das sich wie ein riesiges U-Boot-Periskop über die Maas stre­ckt. Alle 16 Etagen sind durch Rolltreppen miteinander ver­-bun­den, was normalerweise eigent­lich nur für Warenhäuser üblich ist.

Alle Gebäude werden, wie ihre Schöpfer es nennen, "nackt geboren und dann angezogen". Diese Hülle ist typisch für das Baumeister-Duo aus Rotterdam und macht es zu Vertretern einer "architecture parlante". Denn auf diese Weise erzählt die Fassade etwas über den Inhalt. Das neue Zentrum des Finanzamts in Apeldoorn wird durch eine Stahlhaut mit heraldischen Drachenfiguren zu einem Tresor, der einen Schatz hütet. Beim Minnaert-Gebäude der Utrech­ter Uni­versität erinnert ein Relief aus knor­rigen Wurzeln auf braunrotem Spritzbeton daran, dass hier die Ge­o­logiefakultät untergebracht ist. In der niederländischen Stadt Ede entstand eine Druckerei, deren Fassade mit den Buchstaben eines Gedichts ge­sch­mü­ckt ist. Die bunten Reliefglas­plat­ten des Medienzentrums in Hilversum appellieren an das kollektive Fern­sehgedächt­nis. Und die mit blauweißen Stahl­plat­ten ver­klei­dete Fassade der Rotterdamer Hoch­schule für Schifffahrt und Transport weckt Assoziationen an die zehntausende Con­tai­nerschiffe, die jähr­lich in den größten Hafen Europas einlaufen.

Inzwischen mussten die beiden Architekten feststellen, dass der Bauboom direkt vor ihrer Haustür langsam verebbt. Deshalb lassen sie ihren Blick nun doch etwas weiter schweifen: In Ljubljana entsteht ein Theaterkomplex mit Büros und Läden. Und an der nördlichen Peripherie von Paris ein Hotel in der Form einer großen silbernen Bombe. Auch am Wettbewerb für die neue Adidas-Zentrale in Herzogenaurach 2006 hatten die beiden teilgenommen, waren allerdings an der deutschen Regel-Treue gescheitert. So wie in Antwerpen hatten sie einen 60 Meter hohen Turm entworfen: "Wir wussten, dass nur 30 Meter erlaubt sind, aber wir haben es dennoch versucht", erzählt Neutelings und fügt selbstironisch hinzu: "Wir dachten, als flotte Holländer können wir uns das rausnehmen." Stattdessen flogen sie raus. In Deutschland sind Vorschriften eben noch Vorschriften. "Das Klima ist viel konservativer, Architekten bekommen weniger Raum für Experimente."

Trotz ihrem Expansionsdrang ver­suchen die beiden Architekten, ihr Team klein und überschaubar bei 30 Mit­­ar­beitern zu halten. Und weil sie finden, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Privat­le­ben hat, haben sie die Vier-Tage-­Woche eingeführt. "Alles eine Frage der Organi­sation", versichert Neutelings, der frü­her selbst ein Work­aholic mit Sieben-Tage-­Woche war. Aber inzwischen ist der Freitag frei. "Natürlich gibt es Aus­nah­men", räumt er ein. Zum Beispiel, wenn die Königin wie in Hilversum just an einem Freitag anrückt, um ein Gebäude von Neutelings Riedijk einzuweihen. "Aber erst habe ich meine Kinder zur Schule gebracht", betont Michiel Riedijk. "Und hinterher habe ich sie auch wieder abgeholt."

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