WWF-Zentrale Zeist - Innovationspreis

Wärmewunder Lehm

Umweltfreundliches Bauen muss nicht mehr teuer oder langweilig aussehen. Das Amsterdamer Architektenbüro RAU baute die Zentrale des World Wildlife Fund (WWF) so spektakulär um, dass es dafür prompt den Niederländischen Innovationspreis erhielt

Angesichts schmelzender Polkappen und steigender Meeresspiegel wird auch von der Baubranche längst erwartet, dass sie ihren Beitrag zum Klimaschutz leistet. Mit sogenannten „Niedrigenergie-Häusern“ ist es nicht mehr getan. Bauherren und Architekten, die auf sich halten, warten zumindest mit einem Passiv- oder, noch besser, einem CO2-neutralen Haus auf: Die verbrauchen fast gar keine Energie mehr oder kompensieren ihren CO2-Ausstoß.

Längst sind Stars der Architekturszene wie Norman Foster oder Rem Koolhaas dabei, komplette energieneutrale Stadtviertel zu entwerfen. Auch Umwelt- und Naturschutzorganisationen haben erkannt, dass sie ihren Sitz besser nicht unter irgendeinem Dach haben können, sondern unter einem klimafreundlichen.
Eine Vorreiterrolle kommt dabei dem niederländischen World Wildlife Fund (WWF) mit seinem neuen Hauptsitz in Zeist zu. Schon 2002, bei der Suche nach einem geeigneten Ort, war man sich seiner Vorbildfunktion bewusst: Neubau oder Abriss kam nicht in Frage, stattdessen sollte ein bereits bestehendes Gebäude saniert und erweitert werden: ein verlassenes Forschungsinstitut auf einer Waldlichtung mitten im Zeister Naturschutzgebiet.
Das Projekt des Amsterdamer Architekturbüros RAU beweist, dass klimafreundliches Bauen weder teuer noch bieder oder langweilig zu sein braucht:

Die neue WWF-Zentrale, die im Mai mit dem Niederländischen Innovationspreis ausgezeichnet wurde, ist mit 6,5 Millionen Euro Gesamtkosten nicht überteuert ausgefallen und sie wirkt so spektakulär, dass inzwischen ganze Busladungen voller Neugieriger angekarrt werden.
Was aussieht wie die lilasilbrig glänzenden Schuppen eines riesigen Fabelwesens, die zwischen den Laubbäumen hindurchschimmern, entpuppt sich aus der Nähe als eine Haut aus glasierten Keramikkacheln, mit denen ein amorpher Baukörper bekleidet ist. Von diesem Blob wird der Altbau, den die Architekten auf einen langgezogenen Quader reduziert haben, regelrecht gesprengt. Mit seinen weichen, runden Formen kompensiert er die harten geometrischen Linien der einstigen Forschungsanstalt und setzt einen deutlichen vertikalen Akzent. Im Innern der gewaltigen Blase befinden sich eine Eingangshalle, eine Bibliothek, ein Callcenter und eine Kaffee-Ecke. Von hier aus gelangt man rechts und links zu den Büroräumen in den Gängen des Altbaus, die so offen, leicht und transparent gestaltet sind, dass Innen und Aussen verschmelzen. Eine Fußgängerbrücke führt vom Haupthaus zu einem mit Schindeln verkleideten Anbau auf Pfeilern an der Nordseite, wo Konferenzräume untergebracht sind. Mit zahlreichen Öffnungen für Fledermäuse und Vogelnester in den Fassaden sorgen die Architekten dafür, dass es hier tatsächlich zu einer Symbiose zwischen Mensch und Natur kommt.
Bei der Materialwahl war die Nachhaltigkeit ausschlaggebend: Verwendet wurde nur Holz, das aus umwelt- und sozialverträglich genutzten Wäldern kommt. Das gilt auch für die Bambusrohre am Treppengeländer im Inneren des Blobs und für die Holzlamellen an den großen Fensterfassaden, die das Gebäude im Sommer kühl halten und verhindern, dass Sonnenstrahlen auf das Glas fallen.
Die Wände und Decken sind mit Lehm verputzt, der Wärme aufnehmen kann. So kann selbst die Wärme der hier arbeitenden Menschen genutzt werde: Sie steigt zur Decke auf und gelangt durch den Lehm in ein raffiniertes Netz aus dünnen Wasserleitungen, mit denen der Betonkern des Altbaus durchzogen wurde. Für Warmwasser und Elektrizität sorgen Sonnenenergie und ein kleines Wärmekraftzentrum, das mit Pflanzenöl betrieben wird.
Den RAU-Architekten ist bei ihrem Um- und Erweiterungsbau in Zeist nicht nur die Symbiose zwischen Mensch und Natur gelungen – sondern auch zwischen Ethik und Ästhetik. Bleibt zu hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht.