Sagrada Familia - Barcelona

Ist das noch Gaudí?

Die Kirche "Sagrada Familia" in Barcelona dürfte eine der berühmtesten Baustellen der Welt sein. Seit mehr als 125 Jahren wird an der monumentalen Basilika in der katalanischen Metropole gebaut. Bis zur Fertigstellung dürften noch weitere 20 Jahre vergehen. Doch jetzt wird die Kritik wieder lauter – ein Manifest wendet sich energisch gegen die Bauherren.
Ist das noch Gaudí?:Kritik am Bau der Sagrada-Familia-Kirche

"Was da entsteht, hat mit Gaudí nicht mehr viel zu tun", meint Manuel Borja Villell, Direktor des Madrider Königin-Sofía-Museums

Die Sagrada Familia in Barcelona ist Spaniens meistbesuchtes Baudenkmal. Doch der "Bußetempel" des katalanischen Architekten Antoni Gaudí (1852 bis 1926) wird nicht nur jährlich von mehr als zwei Millionen Menschen besichtigt, er befindet sich auch nach wie vor im Bau. Ist die Decke des Hauptschiffs, die erst in den vergangenen Jahren geschlossen wurde, noch ein Teil von Gaudís originalem Projekt – oder beweist es eher den "respektlosen" und "mediokren" Umgang mit einem "großartig unvollendeten" Werk? So beklagt es unter dem Titel "Gaudí – höchste Alarmstufe" ein Manifest, das den unverantwortlichen Umgang mit dem baulichen Erbe des Architekten anprangert.

Zu den 15 Unterzeichnern gehören unter anderem Manuel Borja-Villel, Direktor des Madrider Museums Reina Sofia, Rosa Maria Malet, die Direktorin der Stiftung Miró in Barcelona, oder Beth Gali, die Präsidentin von Barcelonas Design-Zentrum FAD. Das Manifest listet insgesamt vier konkrete Fälle auf – Sagrada Familia, Cripta Güell, Casa Batlló sowie Palau Güell – und protestiert jeweils gegen Maßnahmen, die eine "Verletzung des Urheberrechts" bedeuten.
Im Fall der Krypta und des Palastes Güell fordern die Unterzeichner die sofortige Absetzung des Architekten Antoni González als Leiter von Barcelonas Abteilung für Baudenkmäler. González' Restauration der Krypta habe irreparablen Schaden angerichtet, am Palast drohten ähnliche Eingriffe.

Bei der Casa Batlló, einem Wohnhaus (1904/16), das seit 2005 auf der Liste des Weltkulturerbes steht, verlangt das Manifest den Abriss mehrerer illegal errichteter Stockwerke eines Nachbarhauses. Zentrale Zielscheibe der Kritik ist allerdings die Sagrada Familia. Die meisten von Gaudís Originalplänen waren während des spanischen Bürgerkriegs (1936 bis 1939) verschwunden. Deshalb werde der zu Gaudís Lebzeiten entstandene Bauteil zunehmend überwuchert von zweitklassigen Imitationen, heißt es. Außerdem fehle eine öffentliche Genehmigung für die Bauarbeiten, ohne dass die Stadt sich um eine Kontrolle des Werkes bemühe.

"Wir befinden uns doch nicht mehr im Mittelalter, in dem man Kathedralen in einem Jahrhundert begann und erst im nächsten fertig stellte", so Manuel Borja-Villel in einem Interview. "Das Unabgeschlossene gehört zum Wesen der modernen Kunst, aber hier wird nur die leichte Attraktion gesucht." Weder Barcelonas Stadtverwaltung noch die privaten Bauträger der Sagrada Familia haben sich zur Veröffentlichung des Manifests geäußert.

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