Bjarke Ingels
Mountain Dwellings
Parkhäuser zählen zu den hässlichsten Orten der Welt. Lieblos unter Gebäude in die Erde gequetscht oder als Betonscheibletten hinter Kaufhäuser gestapelt, taugt das Parkdeck eigentlich nur als Filmkulisse für Vergewaltigung und Mord. Das muss aber nicht sein.
Hämmernde Bässe und euphorische Tänzer, staunende Gäste und glückliche Bewohner feierten kürzlich den Gegenbeweis. Das "Housewarming" eines neuen Wohn- und Bürokomplexes in Kopenhagens Neubaustadtteil Ørestad fand in einer Stellplatzkathedrale statt, die mit ihrem bunten, schrillen, offenen Design sofort gute Laune machte.
"Mountain Dwellings", also Bergbehausungen, ist der Projektname für das im wahrsten Sinne des Wortes schräge Projekt. Denn die dänischen Experimentalarchitekten der Bjarke Ingels Group (BIG) haben die langweilige Form gestapelter Funktionsbereiche gedreht und gekippt und dadurch ein Gebäude entwickelt, das aus einem Wohnhang über einer Autogrotte und ein paar Bürofelsen besteht.
Kaspar Astrup Schröder: "My Playground" – Mountain Dwellings
MY PLAYGROUND - TEASER from Team JiYo on Vimeo.
Wie eine luxuriöse Feriensiedlung auf einer Terrassenlandschaft erscheint der Block zur Südseite. Ummantelt mit einem Bergpanorama aus Lochblechen zeigt es der flachen dänischen Topografie auf seiner Rückseite eine ironische Metapher für die Ansprüche des hippen Büros: BIG eben. Dazwischen entfaltet sich beeindruckend das zehngeschossige Parkhaus mit 480 Stellplätzen, als sei es eine automobile Popversion von Giovanni Battista Piranesis Architekturfantasien aus der berühmten "Kerker"-Serie (1745/50).
Eleganz mit Humor verbunden
Ein Rampenzickzack führt unter den treppenförmig gestuften Stockwerken hindurch, die sich in knalligen Farben voneinander abheben. Diagonal fährt ein gläserner Lift nach oben. Die Kaskade holzverkleideter Bungalows, die über dem Parkblock liegt, wirkt dagegen sehr aufgeräumt. Auf einem Zehn-Meter-Raster staffeln sich 80 lichte Wohnklötze. Deren Dächer dienen den Bewohnern darüber jeweils als Terrassen und als Gärten. Elf Stockwerke hoch stapeln sich die Apartmentboxen, bekrönt von einem Luxuspenthouse. Von hier oben hat man einen herrlichen Blick bis in die Kopenhagener Altstadt. Aus ganz einfachen Prinzipien komponiert, die nur aus Heben, Senken, Drehen und Verschieben bestehen, wurde mit "Mountain Dwellings" eine grandiose neue Wohnsituation geschaffen, die Eleganz mit Humor verbindet und so manchem deutschen Prestigeprojekt seine ganze Biederkeit aufzeigt. Dieses Bergdorf im nordischen Flachland ist so gelungen, dass man sich auch vorstellen könnte, sogar ins Parkhaus zu ziehen – aber das ist vermutlich auch in Dänemark verboten.