Peter Zumthor - Interview

Radikale Männer machen mir Angst

Das exklusive art-Interview mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor über das Verbot von Minaretten in seinem Heimatland, spirituelle Fragen und Extremismus.

Herr Zumthor, vor kurzem hat die Mehrheit der Schweizer dafür gestimmt, ein Verbot von Minaretten in die Verfassung aufzunehmen. Wie erklären Sie dieses Ergebnis?

Unsere Welt globalisiert sich, und Kulturen vermischen sich. Dadurch fühlen sich viele Menschen in ihrer Identität bedroht, und wir müssen einen Weg finden, wie die verschiedenen Kulturen miteinander leben können. Wir wissen ja, dass es unendlich viel Zeit braucht, bis Menschen herausfinden, dass sie ein Stück von ihrer Freiheit hergeben müssen, damit sie danach auch einen Teil Freiheit behalten können. Um das zu erreichen, gehen Demokratien einen steinigen Weg mit vielen Rückschlägen. Darum geht es für mich in der Diskussion, die sich an diesem baulichen Detail entzündet hat. Nicht darum, ob jemand für oder gegen Minarette ist – das kann man ja sein. Viel entscheidender ist es für uns aber, herauszufinden, wie Kulturen sich zueinander verhalten, wie sie Toleranz entwickeln, vielleicht sogar Freude aneinander finden.

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Strecken Teaser

Warum hat sich die Diskussion an einem Baudetail wie dem Minarett festgemacht?

Daran wird die kulturelle Veränderung unseres Alltags nach außen sichtbar. Es macht einen Unterschied, ob etwas gebaut ist oder nicht. Man kann einen Bau auch nicht wegdenken. Er steht dann einfach in der täglichen Welt.

In der Schweiz schämen sich nun viele Bürger wegen der Abstimmung.

Die Schweizer müssen sich wegen des Abstimmungsresultats nicht schämen. Dank der direkten Demokratie ist wieder einmal ein in vielen Ländern virulentes Problem öffentlich sichtbar geworden, das man nun angehen kann.

Sie leben hier in Haldenstein, einem alten Dorf bei Chur. Würden Sie hier den Bau eines Minaretts befürworten?

Das weiß ich jetzt wirklich nicht.

Wir haben unser Verständnis von Religion sehr säkularisiert, ins Private zurückgenommen. Gleichwohl erschrecken viele schnell, wenn andere in den öffentlichen Raum vordrängen und sein vertrautes Bild mit Minaretten verändern wollen.

Als Staatsbürger sehe ich, dass Religionen viel Unheil in die Welt gebracht haben. In ihrem Namen wurden viele Kriege geführt und Menschen getötet. Seit der Aufklärung haben wir das in Europa ein klein wenig überwinden können mit unseren Demokratien und ihrer grundlegenden Trennung von Kirche und Staat. Das ist in islamischen Gesellschaften anders. Da gibt es eine Minderheit, die bereit ist, für ihren Glauben zu töten. Das ist das, was viele Menschen bei uns wahrnehmen, und davor haben sie Angst. Auch wenn so ein Verhalten auch für das Christentum nicht ganz neu ist.

Können Sie sich vorstellen, selbst eine Moschee zu entwerfen?

Aber selbstverständlich. Mich in diese Religion und ihren Ritus hineinzudenken, wäre doch eine wunderbare Herausforderung. Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen und habe das Interesse an spirituellen Fragen auch als Erwachsener nie verloren, auch wenn ich gegenüber kirchlichen Institutionen Abwehrreflexe habe. Wir Menschen versuchen, uns die Welt zu erklären, dabei gehen wir verschiedene Wege. Wir fragen uns, ob es noch etwas außerhalb dieser materiellen Welt gibt. Das tun alle Religionen, das interessiert mich sehr.

Dass ein Teil der Moslems extrem militant ist, würde Ihre Neugier auf den Islam nicht beeinträchtigen?

Man muss dabei doch die Relationen wahren. Der allergrößte Teil der Moslems ist meines Wissens nicht militant. Religionen formulieren in ihrem Kern sehr erstrebenswerte Dinge. Erst wenn ein Anspruch nach Ausschließlichkeit der Wahrheit dazukommt, wird es schwierig.

Wie sind Sie mit solchen absoluten Ansprüchen bei Ihren eigenen Bauten umgegangen? Kardinal Meisner in Köln ist ja nicht gerade als liberaler Mann bekannt. Sie haben trotzdem ein Diözesanmuseum gebaut.

Zum einen ist es kein katholisches Museum, sondern ein Kunstmuseum. Das forderte die Vorgabe der Kuratoren, und Kardinal Meisner hat das gedeckt. Ich selbst hatte zu ihm eine sehr gute Beziehung, er hat mich während der Bauphase auch in schwierigen Momenten unterstützt. Für ihn war ich eine Art Bruder Klaus, den er akzeptieren konnte. Zum anderen habe ich immer wieder sehr offene Theologen gefunden, die mit grundsätzlicher Kritik an der Kirche umgehen konnten.

Kardinal Meisner hat das Kölner Domfenster von Gerhard Richter kritisiert, weil es auch in einer Moschee sein könne. Er forderte also einen christlichen Stil, der sich von anderen unterscheidet. Wie gingen Sie damit um?

Er hat sich in die Entwicklung des Museums Kolumba nie eingemischt. Was Richters Fenster angeht, bin ich natürlich nicht seiner Meinung. Ich nehme an, dass Kardinal Meisner sich mit zeitgenössischer Kunst auch nicht wirklich beschäftigt hat.

Sie haben lange vor dem Kolumba in Graubünden ein Kapelle gebaut. Wollten Sie damals einen christlichen Gebetsraum schaffen?

Ich dachte an die Kirche als eine Mutter, nicht an die römische Amtskirche mit Katheder, viereckig, quadratisch und axial. Dieses Belehrende wollte ich vermeiden. Damals war das für mich ein warmer, gefühlsintensiver, nicht sehr rationaler Raum, durchaus auch katholisch.

Können Sie diesen frühen Kirchenbau mit der Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel vergleichen, die vor geraumer Zeit fertig gestellt wurde?

Das ist sicher kein katholischer Raum mehr. Es ist viel mehr ein existentieller Raum, der grundsätzlich danach fragt, was Spiritualität heute ist. Ich war schon bei der Benediktskapelle froh, dass ihr liturgisches Programm reduziert war. Bei der Feldkapelle gibt es überhaupt keines mehr. Was für mich präsent ist, ist mein Bild von Bruder Klaus. Aber nicht in der direkten Form, in der es viele sehen wollen. Ich kannte die Biografie und hatte ein Gefühl für diesen Menschen und seine Radikalität, seine Treue zu sich selbst entwickelt. Damit habe ich gearbeitet.

Diese Feldkapelle aus gestampftem Beton ist von außen nicht mehr als religiöser Raum erkennbar. Moslems suchen gerade das Gegenteil. Sie wollen ihren Gebetshäusern eine starke öffentliche Sichtbarkeit geben. Macht Ihnen dieses Drängen Angst?

Radikale Männer machen mir Angst. Wir entwerfen gerade mit Louise Bourgeois zusammen in Norwegen ein Monument für 91 Menschen, fast ausschließlich Frauen, die im 17. Jahrhundert von Männern, von der Kirche, als Hexen verbrannt wurden. Wenn Religiosität in Extremismus umschlägt, empfinde ich Angst. Das ist auch bei Islamisten so. Ich versuche mich mit dem Islam auseinander zu setzen, um zu verstehen, was da passiert. Wir müssen das durchdenken und durchfühlen. Wir müssen aus allen Kulturen heraus Aggressionen und Absolutheitsansprüche entlarven. Da bleibt noch viel zu tun.

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