Situation Kunst - Bochum

Bilder des Wandels

Am 8. Mai wird die Situation Kunst um einen Kubus erweitert. Sie feiert dieses Ereignis mit einer schönen Ausstellung zur Landschaftsmalerei.

Im Park rund um die Ruine des Bochumer Hauses Weitmar kann sich der Besucher nicht verlaufen. An Werken von Richard Serra, Lee Ufan oder François Morellet vorbei gelangt man sicher zur Situation Kunst, einem aus mehreren frei stehenden Gebäuden gebildeten Komplex, dessen Architektur die Strenge der in ihm gezeigten Werke elegant nach außen leitet.

Es ist eine modernistische Trutzburg, aber was für eine: Die hell geklinkerten Bunker sind geometrisch und farblich exakt aufeinander und auf die Landschaft abgestimmt, und die jeweils in "ihrem" Gebäude ausgestellten Künstler hatten vom Grundriss bis zu den Türbeschlägen mehr als nur ein Wörtchen mitzureden. Ins Leben gerufen wurde die Situation Kunst 1990 von Alexander von Berswordt-Wallrabe, der damit das Vermächtnis des verstorbenen Max Imdahl fortführen wollte. Der Gründungsordinarius für Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum hatte die Kunstsammlung seines Instituts durch Werke der Minimal Art ergänzt und in seiner Arbeit die Bedeutung einer lebendigen Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst betont. In diesem Sinne verfolgt die von einem Förderverein unterhaltene und dem kunstgeschichtlichen Institut eingegliederte Situation Kunst drei wesentliche Ziele: die Unterstützung von Forschung und Lehre, die anschauliche Kunstvermittlung für jedermann sowie die Schaffung eines unverwechselbaren Orts für künstlerische Werke, die ihre Wirkung nur im Zusammenspiel mit dem sie umgebenden Raum entfalten können.

Den Kern der exquisiten Lehrsammlung bilden Environments von Richard Serra, David Rabinowitch und Maria Nordmann. Sie würden den baulichen Rahmen jedes klassischen Museums sprengen; in Bochum können sie mit der Architektur verschmelzen. So besteht Nordmanns "Room with two doors" aus einem leeren Raum, in den aus zwei Türöffnungen unterschiedlich gefiltertes Tageslicht fällt. Die beschauliche Wirkung dieser aufs Wesentliche reduzierten Lichtkunst erschließt sich nirgendwo so eindrucksvoll wie hier. Vor vier Jahren wurde die Situation Kunst das erste Mal erweitert. In den neuen Räumen sind vor allem Lichtkunst-Arbeiten zu sehen, etwa von Dan Flavin, Lee Ufan oder Gianni Colombo, außerdem wurden afrikanische und ostasiatische Werke aus früheren Epochen in die Sammlung aufgenommen. Seit kurzem gehört auch eine akustisch durch Mark und Bein gehende Video-Installation von Marcellvs L. dazu. "Overground" kombiniert Bill Viola mit Methoden aus dem Folterknast und ist dabei unbedingt sehens- und erlebenswert. Für die Universität Bochum ist die Situation Kunst ohnehin ein Glücksfall: Die Studenten können sich in bedeutende Werke vertiefen, in reizvoller Umgebung wissenschaftlich arbeiten und die alltägliche Museumsarbeit kennen lernen.

In Richtung Gegenwart franst es aus

Am 8. Mai wird nun im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 ein weiteres Gebäude eingeweiht. Die Architekten Pfeiffer, Ellermann und Preckel haben einen KUBUS entworfen, der neben Ausstellungs-, Seminar- und Büroräumen ein offenbar schmerzlich vermisstes Bistro enthält und die Ruine des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Haus Weitmar mit neuem Leben füllt. In gewisser Hinsicht ist der funktionalistische KUBUS ein markanter Stilbruch mit der strengen Architektur des übrigen Ensembles. Andererseits bleibt er der Ruine auf ähnlich elegante Weise fremd wie die Skulpturen dem umliegenden Park. Eröffnet wird der KUBUS mit der schönen Ausstellung "Weltsichten: Landschaft in der Kunst seit dem 17. Jahrhundert". Bis zum 29. August liegt der Schwerpunkt auf der Malerei, zwischen 4. September und 21. November folgen die Bereiche Fotografie, Objekt und Video.

Die Aufteilung ist zwar schade, aus Platznot aber unvermeidlich und spätestens vergessen, wenn man vor den bezaubernden Küstenlandschaften niederländischer Meister steht. Auf einem Gemälde von Jan van Os zeigt sich eine Kuh beispielsweise so herrlich unbeeindruckt vom aufziehenden Sturm, dass man ihre Dösigkeit beinahe mit Lebensweisheit verwechseln könnte. Silke und Alexander von Berswordt-Wallrabe haben ihre umfangreiche Sammlung durch Leihgaben ergänzt und führen uns den Wandel des Landschaftsbegriffs an meist vorzüglichen Werken (u.a. von Gustave Courbet, Christian Rohlfs, Roy Lichtenstein) anschaulich vor Augen. Je weiter sich die Ausstellung der Gegenwart nähert, desto mehr franst sie naturgemäß aus, doch auch hier finden sich zahlreiche Arbeiten, vor deren Ausgefeiltheit man nur staunen kann. Handwerkliche Meisterschaft ist keine Domäne der Alten. Die Moderne kann das allen Vorurteilen zum Trotz genauso gut.

"Weltsichten: Landschaft in der Kunst seit dem 17. Jahrhundert"

Termin: bis 21. November 2010, Situation Kunst, Bochum
http://www.situation-kunst.de