Elbphilharmonie - Baumängel

Was muss noch alles schief gehen?

Ein Prüfbericht der Architekten zeigt gravierende Mängel bei der Bauausführung der Hamburger Elbphilharmonie durch das Unternehmen Hochtief
Pfusch am Prestigeobjekt:Schockierender Prüfbericht der Architekten

Das Unternehmen Hochtief soll beim Bau der Hamburger Elbphilharmonie geschlampt haben

Lange Zeit ging es um Kosten. Statt anfangs 77 Millionen Euro sollen Hamburgs Bürger neuerdings 323,5 Millionen Euro für die Elbphilharmonie bezahlen. Dann wurde der Eröffnungstermin um ein Jahr auf 2013 verschoben. Immer gab der Baukonzern Hochtief den Architekten Herzog & de Meuron die Schuld. Zu spät eingereichte Pläne, Änderungswünsche, man kennt das ja: Die Kreativen können sich einfach nicht damit abfinden, dass irgendwann die Ideen in Beton und Glas realisiert werden müssen und nicht mehr nur in Computer und Modell existieren. So verkündete es die Baufirma lange Zeit einer Öffentlichkeit, die den Klischees umso lieber glaubte, je weiter sie von den komplexen Realitäten des Bauwesens entfernt ist.

Doch nun haben die Architekten das Wort. In einem Interview, das der NDR in seinem Kulturjournal am Montagabend ausstrahlte, verweist Pierre de Meuron nicht nur darauf, dass von dritter Seite untersucht und beglaubigt wurde, dass die Architekten ihre Arbeit fristgerecht erledigt haben. Er hebt auch ihre "konstruktive Herangehensweise in der Zusammenarbeit mit allen involvierten Parteien" hervor. Bereits letzte Woche haben Herzog & de Meuron dem Bauherrn, der Realisierungsgesellschaft (ReGe) der Stadt Hamburg, einen von Kultursenatorin Karin von Welck im April angeforderten Prüfbericht übergeben, der minutiös belegt, welche Mängel der Baukonzern sich auf der Baustelle leistete, während er die Öffentlichkeit mit seinem ungetrübten Selbstbild bearbeitete. Dabei handelt es sich keineswegs um kosmetische Kinkerlitzchen, die wichtigsten Punkte betreffen vielmehr die Substanz des ganzen Projekts, den großen Konzertsaal.

Wie von mehreren Medien gemeldet, weist die äußere Betonschale des Saales beträchtliche Hohlräume auf, die die Qualität der akustischen Isolierung verringern. Diese ist aber erforderlich, damit der Saal keine unfreiwilligen Schwingungen von außen aufnimmt. Statt nun in die Transparenz-Offensive zu gehen, die Schale gründlich mit Ultraschall zu untersuchen und die Schadstellen vollständig auszugiessen, weigert sich Hochtief, die Reparaturmaßnahmen offenzulegen. Um weitere Fehlstellen zu verdecken?

Ein nicht minder gravierender Mangel betrifft die Rippen, die von dieser Betonschale nach innen abgehen. Auf ihnen soll die Stahlstruktur des Konzertsaales aufsitzen. Damit dieser akustisch entkoppelt ist, werden Betonrippe und Stahlkörper durch sogenannte Federpakete voneinander getrennt, die die Schwingungen von Aussen- und Innenschale trennen. Viele dieser Elemente wurden bisher schief montiert. Hinzu kommt, dass die Betonrippen alle in derselben Höhe sitzen sollten, de facto aber statt einer Toleranz von maximal 20 Millimetern Abweichungen bis zu 110 Millimetern aufweisen. Damit steht auch die Tragfähigkeit der Konstruktion in Frage. Die Stahlträger, die auf diesen Federpaketen stehen, haben eine Länge von einem Meter. Sitzt die Betonrippe acht Zentimeter zu tief, entsteht beim Träger nach oben ein Abstand, der die Tragkraft vermindert. Die Statiker dürfen noch einmal zu rechnen beginnen.
Wie Hochtief seine Sorgfaltspflicht definiert, zeigt ein anderes Beispiel. Der Klinkerstein der Fassade des historischen Kaispeichers, auf dem die neue Elbphilharmonie aufsitzt, ist nur teilgebrannt; wetterbeständig macht ihn eine dünne Sinterschicht. Diese hat der Baukonzern großflächig verschmutzt, als bei Betonarbeiten im Innern keine Schutzvorkehrungen getroffen wurden. Durch Maueröffnungen lief die Zementbrühe nach außen und über die Wand nach unten. Statt ein Konzept zur Schadensbeseitigung der geschützten Substanz vorzulegen, ließ das Bauunternehmen die beschädigten Stellen abschleifen, natürlich mitsamt der Sinterschicht. Seither hat sich bereits gezeigt, dass die entsprechenden Steine aufplatzen und kaputt gehen. Die beschädigten Steine müssten nun entfernt und durch neue ersetzt werden. Jeder kleine Handwerker muss Verschmutzungen, die durch seine Arbeiten entstehen, beseitigen. Sogar Dreckspuren von Schuhen werden inzwischen sorgsam weggewischt. Nur ein großes Unternehmen wie Hochtief kann es sich anscheinend leisten, auf diese Sorgfaltspflicht zu verzichten.

"Es gab nie sicherheitsrelevante Probleme"

Hochtief sieht die Situation naturgemäß anders. Der Baukonzern betonte, es habe "nie sicherheitsrelevante Probleme" gegeben. Und bei einer Veranstaltung des Freundeskreises der Elbphilharmonie in Hamburg sagte Vorstandschef Herbert Lütkestratkötter in die traute Wohlfühlrunde: "Die angezeigten Mängel, die zum Teil schon länger bekannt sind, sind bereits zum guten Teil behoben oder sind in Bearbeitung."

Es wäre gleichwohl keine Überraschung, wenn in den nächsten Tagen weitere Fehlleistungen ans Licht kommen. Die Mängelliste des Prüfberichts ist anscheinend umfangreich. Und die Zeit drängt. Wenn die entscheidenden Fehler nicht zügig behoben werden, sind manche der entsprechenden Stellen nicht mehr zugänglich, weil sie im Weiterbau verdeckt werden. Auch fragt man sich bange, was alles noch schiefgehen wird, wenn bereits zu Beginn der Arbeiten am großen Konzertsaal so viel gepfuscht wurde. Und es wäre ein Wunder, wenn die Baufirma beim Stahlbau dieses Saales nicht weitere Terminverzögerungen vermelden müsste, – nicht wegen zu spät abgelieferter Pläne der Architekten, sondern wegen eigener Fehleinschätzungen des Aufwands.

Bei so vielen Missständen kann man über das Verhalten der Stadt Hamburg nur den Kopf schütteln. Die stadteigene ReGe nimmt markig Stellung: "Hochtief hat schlecht gebaut", lautete ein Kommentar zum Prüfbericht der Architekten, winkt aber anscheinend nahezu willfährig ab, was der Baukonzern vorlegt und fordert, statt ihn zu kontrollieren und die Interessen der Bürger zu vertreten, von deren Steuern sie lebt. Da fragt man sich, welches Interesse eine Stadt wie Hamburg daran haben kann, dass ihr vorrangigstes Prestigeprojekt auf Jahrzehnte verpfuscht wird. Wollen die politischen Parteien sich wirklich einmal nachsagen lassen, aus kleinlichem Klientelgezänk heraus einen Konzertsaal zugelassen zu haben, der einer der besten der Welt hätte werden sollen, aber aus eigenem Missmanagement bestenfalls Mittelmaß geworden ist? Die Hamburger waren einst stolze Menschen, die wussten, dass in den nächsten Generationen nur der überlebt, der in seiner eigenen Zeit gültige Werte schafft. Die Sammlung der Hamburger Kunsthalle ist dafür ein Beispiel. Von einer Baufirma aus dem Ruhrgebiet hätte sich niemand Schmonzes um Augen und Ohren schmieren lassen.

Noch ist es für eine Umorientierung nicht zu spät. Die Mängel sind benannt, der Verursacher auch. Ihm sollte deutlich zu machen sein, dass kein Bauherr in Deutschland ein Unternehmen verpflichten will, dass schlechte Arbeit abliefert und gleichzeitig die Kosten in die Höhe treibt. Dazu braucht es aber unter den Politikern bis hinauf zu Ole von Beust Zivilcourage und Mut zu klaren Schritten. Die stadteigene ReGe mit einem fähigen, durchsetzungswilligen Kopf zu besetzen, wäre ein Anfang.

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