Das ungebaute Berlin - Berlin

Gescheiterte Visionen

Der Architekt und Architekturtheoretiker Carsten Krohn präsentiert im Berliner "Café Moskau" eine Ausstellung über Berliner Bauprojekte namhafter Größen wie Le Corbusier, Daniel Libeskind oder Aldo Rossi. Der Haken dabei: Sie alle blieben unverwirklichte Projekte.

Der "Projektemacher" gilt gemeinhin als eine Erfindung der neunziger Jahre – als sich eine neue Generation von Jungunternehmern in Kultur und anderswo die reine Idee zur Geschäfts-Grundlage machten. Als Mekka dieser Szene galt – bis vor kurzem – das Nachwende-Berlin.

Deshalb erscheint es passend, dass die architekturhistorische Ausstellung über "Das ungebaute Berlin" des Architekten und Architekturtheoretikers Carsten Krohn nicht in einem Museum, sondern im edel sanierten "Café Moskau" auf der Ostberliner Karl-Marx-Allee stattfindet: Im Keller des Hauses im Immobilien-Portfolio des zupackenden Projektentwicklers Nikolas Berggruen feierte die "Generation Berlin" noch vor wenigen Jahren ihre Techno-Parties. Die Verbindung liegt auf der Hand: Architekten sind Profis im Scheitern, das macht sie zu Leitfiguren der Projektemacher-Szene.

"Keine Stadt", so lautet Krohns These, "inspirierte Architekten so sehr zu Visionen wie Berlin." Versammelt hat der Kurator – beginnend mit Joseph Maria Olbrichs Planungen für den Pariser Platz von 1907 bis hin zu Peter Zumthors politisch zerriebenen Bau für die "Topographie des Terrors" 1997 – 100 unverwirklichte Entwürfe für die Hauptstadt. Alle haben Sie für Berlin geplant, alle sind sie gescheitert: Le Corbusier, Hans Poelzig, Bruno Taut, Hans Scharoun, Egon Eiermann, Peter & Alsion Smithson, Rem Koolhaas, Daniel Libeskind oder Aldo Rossi. So ist die Schau mit ihren unzähligen Modellen, Maßstabs- und Perspektivzeichnungen auch eine Parade "schöner Leichen" der Architekturgeschichte. Auch Jahrzehnte später wirken sie noch so frisch und schockierend, weil ihre utopische Attraktivität nie durch die grausam-nivellierende Wirkung der Realität geschmälert wurde.

Europa sind die Minusvisionen abhanden gekommen

Als Paradebeispiel darf hier Ludwig Hilberseimers "Geschäftsstadt am Gendarmenmarkt" von 1928 gelten. Weil der Architekt von der Kontraproduktivität von Wohnquartieren in der City überzeugt war, schlug er in unmittelbarer Nachbarschaft zu den zwei Domen und dem Schauspielhaus von Karl Friedrich Schinkel ein reines Geschäftsquartier aus neun identischen, achtgeschossigen Zwillingsbauten vor, die in ihrer geometrischen Strenge heute anmuten
wie elektronische Bauteile auf der Leiterplatte im Inneren eines Computers. In seiner Rigorosität des modernistischen "Tabula Rasa" kann sich Hilberseimer tatsächlich an den berühmten, 1925 veröffentlichten "Plan Voisin" von Le Corbusier messen, der mit seinem geplanten Flächenabriss großer Teile des alten Paris seine Zeitgenossen schockierte. "Mehr noch als das Gebaute verdeutlichen die idealisierten und ideologisch zugespitzten Projekte, die Wunschvorstellungen und Sehnsüchte der Gesellschaft", erklärt Kurator Krohn die Grundthese seiner Ausstellung. Im Fall von Hilberseimer dürfte es die Sehnsucht nach rational organisierter Wohlgeordnetheit im Chaos der Städte gewesen sein, die zu diesen radikal-modernistischen Entwurf führte.

Eine gewisse modernistische Sprödigkeit prägt auch die Ausstellungsgestaltung, die Krohn in Zusammenarbeit mit der Karlsruher Hochschule für Gestaltung entwickelte. Nur mit Nummern versehen werden die architektonischen Minusvisionen an schwarzgestrichenen Wänden präsentiert, während an Eiermann-Tischen Ordner mit Quellenmaterial das Ausgestellte erst verständlich machen. Im Untergeschoss sind hingegen knapp 30 kurze Video-Interviews zu sehen, die der Kurator und sein Team mit verschiedenen Architekten führen konnte. Erst zusammen mit einem voluminösen Begleitbuch, in dem die Geschichte jedes einzelnen Projekt durch einen Text ausführlich erläutert wird, fügen sich die Teile zu einer stimmigen Einheit. Dabei hätte man sich sicherlich auch einen lustvolleren Umgang mit dem Thema vorstellen können. Schließlich handelt es sich um ein abgeschlossenes Kapitel: Den europäischen Städten sind die großen architektonischen Minusvisionen abhanden gekommen. Solche Großprojekte entstehen längst anderswo, zum Beispiel in Asien.

Das ungebaute Berlin

Termin: bis 15. August, Café Moskau, Karl-Marx-Allee 34, Berlin; Katalog: "Das ungebaute Berlin", DOM Publishers, Berlin, 48 Euro
http://www.dasungebauteberlin.de/

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