Karl Moser - Zürich

Offen und neugierig

Die Retrospektive zum 150. Geburtstag des Schweizer Architekten Karl Moser breitet den ganzen Reichtum seines Schaffens aus. Er gilt als der Vater der modernen Architektur in der Schweiz und sein Kunsthaus als Juwel der Museumsarchitektur. Dort ist nun auch zu sehen, wie Moser den Crossover zwischen Kunst und Architektur förderte

Alfred Lichtwark war von der Architektur des neuen Kunsthauses Zürich nicht begeistert. Der berühmte Direktor der Hamburger Kunsthalle beschied: "Das neue Museum ist mit ungeheurer Raumverschwendung angelegt. Treppen und Corridore und Hallen erdrücken die Wirkung aller übrigen Räume." Dabei hatte der Architekt Karl Moser seit 1904 an dem Bau geplant und ihn später trotz aller Selbstzweifel als sein gelungenstes Werk bezeichnet.

"Die Erfüllung hat nie den Hoffnungen entsprochen! Nie. Am meisten im Kunsthaus, mit dem ich mich am intensivsten abgeben konnte", notierte er 1926 in seinem Tagebuch. Heute gilt Karl Moser (1860 bis 1936) längst als Vater der modernen Architektur in der Schweiz und das Kunsthaus als Juwel der Museumsarchitektur. Gerade das, was Lichtwark kritisiert, wissen wir zu schätzen: dass der öffentliche Raum des Platzes in das weite Foyer fließen darf und die Besucher dabei gleichwohl durch eine kleine Stufe spüren konnten, wie sie einen neuen Bereich betraten. Aber auch, dass die Ausstellungsräume im Obergeschoss vom Alltagstrubel abgehoben sind und die Besucher mit einer eigenen Atmosphäre empfangen.

Wie diese war, lässt sich seit der grundlegenden Renovierung der historischen Räume bis hin zur Teppichbespannung und einigen Möbeln wieder direkt erleben. Hier, im Hodler-Saal und in den angrenzenden Räumen, wird nun auch der Architekt des Hauses zu seinem 150. Geburtstag gefeiert. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der ETH Zürich breitet eine Ausstellung erstmals den ganzen Reichtum von Mosers Schaffen aus.

Der Schweizer Eliteschule war der Sohn eines Architekten aus dem Schweizerischen Kurort Baden eng verbunden. Hier öffnete er als Professor Generationen von Studen­ten die Augen für Architektur. Als er 1915 die Stelle antrat, hatte er gerade den Hauptbau der Universität vollendet, der heute über der Altstadt thront. Und er hatte bereits fast 30 Jahre lang zusammen mit Robert Curjel in Karlsruhe ein eigenes Architekturbüro betrieben. Von privaten Villen über Geschäfts­häuser bis zu Kirchen entstanden in der badischen Residenzstadt rund 70 Gebäude.

Mit über 300 Exponaten weist die Ausstellung auf die rund 600 Entwürfe hin, die Moser bis zu seinem Tod 1936 geschaffen hat. Was diese durchweg auszeichnet, ist die Offenheit und Neugierde des Architekten auch gegen Strömungen der eigenen Zeit. So verfolgte er das Neue Bauen mit Interesse und ließ sich sogar zu Allmachtsfantasien hinreißen: Er wollte Zürichs Altstadt für trostlose Blocks planieren, nicht viel anders als Le Corbusier es für Paris vorgesehen hatte. Dennoch bewahrte Moser sich auch Distanz und Freiheit. Den Verzicht auf Ornament und Dekor der funktionellen Moderne verweigerte er. Er arbeitete sogar schon sehr früh aufs Engste mit Künstlern zusammen, setzte auf junge, unkonventionelle Talente wie den Basler Bildhauer Carl Burckhardt, der die Reliefs des Kunsthauses Zürich gestaltet hat. Darin ist Moser bis hin zum Crossover zwischen Kunst und Architektur in unserer Zeit wegweisend geblieben. Die Kuratorin Sonja Hildebrand rückt diesen Aspekt zu Recht ins Zentrum der Ausstellung.

Karl Moser. Architektur und Kunst

Eine zweibändige Monografie ist im gta Verlag erschienen und kostet 180 Franken/120 Euro

Kunsthaus Zürich, bis 27.2.2011

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