Rosemarie Wilcken - Interview

Rettung der Baukultur

Ein neues Positionspapier mit dem Apell "Baudenkmäler fördern und klimafit machen" setzten im Mai 2010 verschiedene Organisationen im Bereich Architektur und Denkmalschutz auf. Die neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Rosemarie Wilcken, erläutert im Interview, wie die Organisationen versuchen, die "Dämmungswut" der Städte zu stoppen und neue Wege in der Energieeffizienz zu fördern
Dämmwut stoppen:Wärmedämmung an Denkmälern

Rosemarie Wilcken im Interview

art: Wie steht die Stiftung zur staatlich vorgeschriebenen und geförderten Wärmedämmung, die unsere Stadtbilder ja auch durchgreifend verändert?

Rosemarie Wilcken: Hilfe! Es ist Frevel, dass wir Denkmäler verkleiden, hinter Styropor und diesen Riemchentapeten, den nachgemachten Klinkern wie in Hamburg. Das hält niemand aus, das zerstört unsere Städte! Wir wissen wir ja nicht einmal, wie dieses Material in zehn Jahren aussieht. Da hat man wieder irgendeiner Lobby nachgegeben. Gegen diese Dämmungswut haben wir gerade ein neues Positionspapier abgegeben, zusammen mit anderen Institutionen wie dem Nationalkomitee und dem Bund deutscher Architekten.

Was möchten Sie ändern?

Ein Denkmalbesitzer kann nicht die Energie verpuffen, er braucht Hilfe zur baulichen Veränderung, um Energieeffizienz herzustellen. Es geht nicht, dass man für ein Baudenkmal einen Ausnahmetatbestand beantragen muss, und das nicht nur, weil dieses Verfahren bei der Deutschen Energie-Agentur viel zu schwierig ist: Wir wollen nicht sagen, dieses oder jenes Denkmal braucht nichts für die Energieeffizienz zu tun, sondern wir wollen, dass jedes einzelne Denkmal seine maßgeschneiderte Beratung kriegt. Ein Gebäude wird durch seine individuelle Qualität zum Denkmal, und diese Eigenart, diese Authentizität können Sie nur mit einem eigenen Energiekonzept bewahren. Manchmal ist es bloß ein Dach, oder es sind die Fenster, oder schon die Umstellung der Heizung kann die Energiebilanz eines Hauses deutlich verbessern.

Wobei wir den Begriff Denkmal in diesem Fall weit fassen müssen, über das geschützte Einzelgebäude hinaus.

Natürlich, wir müssen immer den Quartiersbezug mitsehen. Wir vernichten durch diese Styroporfassaden ja unsere Siedlungskultur, insbesondere die der 20er-, 30er-Jahre und der Nachkriegszeit. Zum Schluss sieht das aus wie aufgestockte Baracken in..., nein, ich will jetzt keine Beispiele in der früheren Sowjetunion geben, aber so sah es da aus. Primitivbauweise – Schlichtbauweise klingt schon zu positiv. Die Politik muss ihre Klimaschutz-Programme ändern.

Ist absehbar, dass sie das tut?

Ja, ein riesiger Druck ist entstanden. Bei uns arbeiten seit länger als einem Jahr mehrere Leute nur in diesen energetischen Fragen.

Viele Jahre war die Wismarer Georgenkirche ein Leuchtturmprojekt der Stiftung. Nun ist sie mehr oder weniger fertig – gibt es ein vergleichbares Nachfolgeobjekt?

Das ist genau, was ich immer sage: Wir brauchen ein neues Georgen, eine Art Flaggschiff als Identifikationsmerkmal. Das wird schwer, weil es einerseits – zum Glück – nicht viele so dramatisch bedrohte Einzelobjekte gibt und so viele andere Denkmäler auch Hilfe brauchen. So gibt es im Ruhrgebiet eine Kirchenkultur, die parallel zur Industriekultur entstanden ist. Weil die Industrieanlagen so gigantisch sind wie die Zeche Zollverein, sind die parallel dazu entstandenen Kirchen und anderen Gebäude in Vergessenheit geraten. Oder auch die Stadt Gelsenkirchen mit vielen interessanten Bauten des Backsteinexpressionismus. Beides sind Beispiele spannender Denkmalkulturen, die Hilfe brauchen, wenn sie nicht verloren gehen sollen.

Ist der Westen der neue Osten?

Nein, das kann man nicht sagen. Aber im Westen ist sehr viel zu tun, wenn wir nicht in den Zustand kommen wollen, in dem wir den Osten vorgefunden haben.

Eine kaum überschaubare Aufgabe.

Ja, wir bräuchten eigentlich so viel Kapital, dass wir unabhängig wären von den Schwankungen bei den Spenden oder der Glücksspirale. Insofern würde ich mir entweder eine institutionelle Förderung durch Bund und Länder wünschen oder die Ausstattung mit einem Kapital wie beim National Trust in England.

Würde eine staatliche Förderung nicht ihre politische Unabhängigkeit gefährden?

Wir sind Lobbyisten für die Denkmalpflege, aber wir lassen uns nicht als politisches Instrument benutzen. Ein Vorbild für einen Kapitalstock könnte die Bundesstiftung Umwelt sein, die hat seinerzeit 1,3 Milliarden erhalten. So eine Milliarde könnte uns auch nicht schaden.

Eine Ärztin und Politikerin folgt an der Spitze der Stiftung auf den erfahrenen Denkmalpfleger Gottfried Kiesow. Wie kam es dazu?

Es bedeutet mir sehr viel, dass ich das für eine solche Aufgabe nötige Vertrauen gewonnen habe. Schließlich ist die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Professor Kiesow 1985 mitbegründet hat, die größte Denkmalbewegung hierzulande. Ich bin zwar als Ärztin eine Seiteneinsteigerin, habe aus Wismar aber 20 Jahre Erfahrung mit Stadtentwicklung. Außerdem habe ich seinerzeit durch meinen Wechsel in die Verwaltung Organisationsfragen lernen müssen, die der Stiftung hoffentlich zugute kommen werden. Als Bürgermeister einer kreisfreien Stadt verkörpert man ohnehin die untere Denkmalschutzbehörde. Vor allem ist mir die großartige Aufgabe zugewachsen, sozusagen als ausführendes Organ die Georgenkirche wiederaufzubauen – eigentlich ist es die Stiftung Denkmalschutz und in Person Professor Kiesow gewesen. Dank dessen Vision mit dem Vorbild des englischen National Trust ist die Stiftung in den letzten 25 Jahren zu einer Institution geworden, die aus der Bundesrepublik nicht mehr wegzudenken ist. Nun war er davon überzeugt, dass ich nicht nur die gleiche Begeisterung für den Denkmalschutz mitbringe, sondern dass ich nach 20 Jahren Zusammenarbeit – zwölf Jahre davon im Vorstand – auch den Geist aus den Anfangszeiten der Stiftung in die nächsten Jahre tragen kann.

Wie hat man sich diesen Geist vorzustellen?

Als ich die Stiftung 1990 kennen lernte, hatte sie gerade sehr vorausschauend den Beschluss gefasst, auch im Osten zu fördern – im März, noch vor der deutschen Einheit. Ihr ist es gelungen, Solidarität im Bildungsbürgertum der alten Bundesrepublik zu wecken, so dass viele Städte gerettet werden konnten: Quedlinburg, Görlitz, Stralsund, Wismar … Wir im Osten haben in 20 Jahren einen beispiellosen Transformationsprozess durchlebt. Hauptzweck unserer Bemühungen war die Erhaltung der Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen, in Wismar konzentrierten wir uns auf die Werften. Wir hatten überhaupt nicht die Kraft und den Mut, das Thema Denkmalschutz als ein zentrales Thema zu erkennen. Dazu hat uns Professor Kiesow motiviert. Er hat bei mir am Tisch gesessen und hat gesagt: "Sie müssen jetzt sehen, dass Sie den Welterbe-Antrag stellen." Das hat bei uns Kräfte freigesetzt, die sonst nie gehoben worden wären. Was ich großartig finde: In der Folge dieser Deutschen Stiftung Denkmalschutz sind ganz viele Bürgerinitiativen zur Rettung von Kirchen, Klöstern, Bürgerhäusern entstanden. Es sind auch sehr viele kleine Stiftungen gegründet worden – toll!

Herr Kiesow ist vom Vorstandsvorsitzenden zum Vorsitzenden des Kuratoriums geworden. Wie sind zwischen Ihnen die Aufgaben verteilt?

Wir haben zwei Gremien: den Vorstand für das operative Geschäft und das Kuratorium, das die Verzahnung in die Gesellschaft und in den Kulturbetrieb absichert. Da sind die Personen des öffentlichen Lebens, die sich in besonderer Weise dem Denkmalschutz verbunden fühlen, dann sind da die Landeskonservatoren und das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, das ist ja eine Verbindung des föderalen Systems der Länder oder die Medien. Ich will mich zunächst auf die Verwaltungsarbeit konzentrieren und Professor Kiesow vom Alltagsgeschäft entlasten, während er mit seinem Wechsel an die Spitze des Kuratoriums an der visionären Verarbeitung und Entwicklung des Denkmalschutzes weiterarbeiten kann. Ich übernehme von ihm auch die Funktion des Bettelmönchs: Geld für Denkmäler einzuwerben, wird meine zentrale Aufgabe sein, und den Haushalt so zu strukturieren, dass wir effizient fördern können. Wir haben ja zwei Quellen, die Lotterie Glücksspirale und unsere Spender.

Wie wird das Geld verteilt?

In der wissenschaftlichen Kommission beraten unabhängige Fachleute, welche Projekte wie gefördert werden. Das hält uns frei von kurzlebigen Trends und ist auch wichtig gegenüber denen, die wir ablehnen, weil wir nicht genug Mittel haben.

Die prominenten Projekte der Stiftung betreffen durchweg Bauten aus lange vergangenen Epochen. Wie stehen sie zu den Denkmalen der Moderne?

Der Denkmalschutz ist ja ein sich in Zeiträumen entwickelnder Wert. Professor Kiesow hat den Historismus erforscht und zu einem wichtigen Thema des Denkmalschutzes gemacht, und so wird es auch mit den nachfolgenden Baustilen sein, z.B. der Nachkriegsbebauung, und, und, und. Das spielt in unseren Gremien und Veranstaltungen bereits eine theoretische Rolle.

Nur eine theoretische? Die Zeit zur Rettung der Nachkriegsmoderne droht knapp zu werden…

Wir werden ja schon durch mehrere Fälle von "Frevel an der Baukultur" dahingedrängt, etwa beim Landtag in Hannover oder der Beethovenhalle in Bonn. Gerade diese spannende Architektur des 20. Jahrhunderts und ihre Qualität zu bewahren, das gehört auch zu unserer Arbeit. In unserer Zeitschrift "Monumente", die über unsere Förderprojekte berichtet, werden wir zunehmend auch kulturpolitische Beiträge zu leisten haben.

Der Satzung nach fördert die Stiftung im wesentlichen einzelne Projekte und Objekte. Wie weit können Sie sich für ganze Stadtbilder engagieren?

Wir arbeiten mit vielen Institutionen zusammen. Professor Kiesow gehörte bisher zur städtebaulichen Expertengruppe beim Bundesbauministerium, jetzt ist er Ehrenmitglied. Von dort stammt etwa das Förderprogramm städtebaulicher Denkmalschutz, das 1991 im Osten eingeführt und dann auf alle Bundesländer ausgeweitet worden ist, ebenso wie der Stadtumbau Ost, inzwischen auch als Stadtumbau für Ost und West. Professor Michael Krautzberger aus unserem Vorstand, ist Präsident der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Ebenso ist Professor Jörg Haspel, der Berliner Landeskonservator, Mitglied unseres Vorstandes. Unser Kuratorium ist ohnehin auf Verbindungen in die Wirtschaft, in die Kultur, in die einzelnen Bundesländer angelegt.

In welcher Richtung wollen Sie da Einfluss nehmen?

Wir haben uns viele Jahre der ökonomischen Stadtentwicklung unterworfen und der Annahme des wirtschaftlichen Wachstums. Tatsächlich sehen wir uns einem Schrumpfungsprozess gegenüber, insbesondere durch die demografische Entwicklung, und brauchen andere Ziele: substanzerhaltende Stadtbauentwicklung, auch unter dem Aspekt der Stadtbaukunst. Wie bauen wir unsere Städte für uns? Wo ist die kulturelle Mitte? Ich lebe im öffentlichen Raum, und der muss völlig anders bewertet werden, wenn Ansprüche an Lebensqualität und Lebensgefühl langfristig befriedigt werden sollen. Beim Umdenken in der Stadtentwicklung sind die gesetzten Eckpunkte – unsere Kirchen, unsere Schlösser und Burgen, unsere historischen Bürgerhäuser, insbesondere auch die Stadtgrundrisse – die Ankerpunkte.

Die Vorstellung vom öffentlichen Raum als Lebensraum steht in Konkurrenz zu vielerlei Individualinteressen …

So sehe ich die Welt nicht. Ein individuelles Haus, sogar ein Wirtschaftsgebäude lebt nur im Zusammenhang mit seiner Umgebung. Entscheidend sind die ästhetischen Maßstäbe für die Qualität von Bauten, und als Überzeugungstäter muss man da auch Überzeugungsarbeit leisten. Die Architekten mögen Solitäre, sie möchten sich nicht einfügen oder im Bestand bauen. Ich habe ja auch einige Wettbewerbe erlebt als stellvertretende Präsidentin des Deutschen Städtetags. Da hat man oft nur Ausschnitte beurteilt, und nachher wirkt das Gebäude, das auf dem Reißbrett ganz pfiffig und spannend und modern aussah, in dem Quartier wie ein Fremdkörper und kann möglicherweise auch nicht altern. Der Solitär braucht eine besondere Qualität und muß dennoch eingefügt werden in die Umgebung, das ist mein Credo. Wenn die Kubatur, der Baukörper stimmt, kann man auch mit Materialien und Formen experimentieren.

Haben Ihre Kollegen vom Städtetag das eingesehen?

Ja, viele denken ähnlich wie ich. In den Großstädten sind die Spielregeln etwas anders, aber gerade die mittleren Städte dürfen keinem Investorendruck nachgeben. Sonst besteht die Gefahr, dass man erpressbar wird, dass die sagen: "Wir machen das so, wir reißen jetzt eine Straße ab." Meistens "knallen" sie dann anstelle der alten Bebauung irgendetwas Unstrukturiertes hin.

... im Zweifelsfall ein Einkaufszentrum ...

Nein, ich sag die Firma nicht!

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