Archiv Utopia - Kiel

Menschenleeres Utopia

Sie ist eine gebaute Utopie wie es keine andere auf der Welt gibt: Brasília, Hauptstadt von Brasilien. Von 1956 bis 1960 wurde sie nach Plänen von Architekt Oscar Niemeyer errichtet, nun zeigen zwei Fotografen in der Kunsthalle Kiel, warum die Ikone dennoch leblos bleibt.

Erst die Langzeitbeblichtung offenbart das Wesen von Brasilia: Ganze zwölf Stunden, von 6 bis 18 Uhr, belichteten die Fotografen Lina Kim und Michael Wesely ihre Bilder. Die Dauer lässt die Menschen verschwinden, sie verschluckt die Bewohner, der Kiosk bleibt ohne Betreiber, auf dem Karussell spielen keine Kinder, nur einige Bewegungsunschärfen lassen sich von ein- und ausparkenden Autos ausmachen.

Auf vielen Fotografien ist am Himmel der Verlauf der Sonne zu erkennen, die aber keine Schatten wirft. Was bleibt, ist eine perfekt ausgeleuchtete Szenerie, die inszeniert wirkt und wenig lebendig. Brasília wirkt wie ausgestorben. Wie sich die Menschen in dieser Stadt fühlen, erfährt man nicht.

Kim und Wesely zeigen 32 großformatige Aufnahmen von Brasília, die zwischen 2003 und 2010 entstanden sind. „Archiv Utopia“, so Titel der Ausstellung in der Kunsthalle zu Kiel, verdeutlicht die Annährung der beiden Künstler an den Mythos der Hauptstadt Brasiliens.

Die Menschenleere ihrer Fotografien zeigt eindrücklich, wofür diese Stadt bis heute steht: Sie ist eine architektonische Ikone, am Reißbrett von Lucío Costa und Oscar Niemeyer entworfen. Wegen ihrer Bedeutung für die Architekturgeschichte gehört Brasília seit 1987 zum Weltkulturerbe der Unesco, jedes Jahr kommen viele Touristen – vor allem weil sie sich für die gebaute Utopie interessieren.

Wie die beiden Künstler. Sie ergänzen die Ausstellung um 300 von ihnen restaurierte Archivfotos aus der Bauphase. Diese Aufnahmen dokumentieren die Schwierigkeiten, die neue Hauptstadt zu besiedeln. Auf großen Werbetafeln ist zu lesen: "Viele sind dagegen, viele dafür, gebaut wurde sie dennoch." oder: "500 neue Häuser" und ein großer Pfeil zeigt auf die unpopuläre Hauptstadt.

Es hat lange gedauert und des Drucks der Regierung bedurft, bis 1972 endlich alle Staatsbeamten eine Wohnung in Brasília bezogen hatten. Und doch schien die Stadt vielen nicht attraktiv: Wer es sich leisten konnte, eine Zweitwohnung zu halten, flüchtete am Wochenende nach São Paulo oder Rio de Janeiro. Die Hoffnung der Planer, 1000 Kilometer entfernt von den prallen Metropolen eine lebendige Hauptstadt entstehen zu lassen, hat sich bis heute nicht erfüllt.

Die Fotografien von Kim und Wesely zeigen eine schöne, aber kalte Stadt ohne Menschen und ohne Schatten und belegen damit das Scheitern auf eindrucksvolle Weise: Die Fotografen verdeutlichen, dass utopische Architektur und lebenswerte Nachbarschaft nicht zu vereinen sind, zumindest nicht in einem Bild.

Archiv Utopia. Das Brasília-Projekt von Lina Kim und Michael Wesely

Kunsthalle zu Kiel
bis 28. August 2011

http://www.kunsthalle-kiel.de/

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