Graft - Berlin

Originalität ist nicht unser Ding.

Das Architekturbüro Graft strotzt vor Ideen, allerdings sind die nicht immer die originellsten. Die Ausstellung "Distinct Ambiguity" lebt in erster Linie von Phrasen und Zitaten der Architektenwelt. Nur vereinzelte Projekte haben einen sehr erweckenden Hintergrund. Immerhin gilt grundsätzlich: Die positiv-naiven Absichten sind ernst gemeint.

Wenn man den vier Herren von Graft dabei zuhört, wie sie ihre "Philosophie" erklären, dann klingt das ein wenig wie der ewige Zitatenschatz guter Einsichten. Alles, was andere in den letzten Jahren so Kluges gesagt und getan haben zur Aufgabe Architektur, wird in der Selbstdarstellung des Berliner Büros geechot, gesamplet und als eigen verkauft. Die gut aufgemachte Datensammlung, die Rem Koolhaas in die Architektur eingeführt hat, taucht hier ebenso selbstverständlich auf wie der grafisch vermittelte Nachhaltigkeitsernst von Richard Rogers.

Dem Aneignen einer Idee von Ökologie, die Spaß macht, die Bjarke Ingels mit seinem Büro BIG propagiert, folgt das ganze Standardvokabular von "ortsspezifischem" Arbeiten, "Ambivalenz" und "Narration", das in keinem Marketing-Text von Künstlerarchitekten fehlen darf. Und das Endergebnis sieht schließlich aus wie tausende Studentenarbeiten rund um die Welt, die Zaha Hadid, Morphosis und die anderen Knet-Spezialisten der Computer-Software anhimmeln. Garniert ist das Ganze mit schlauen Sprüchen von Shakespeare bis Steve Jobs und dem gut gemeinten Statement: "Wir wollen keine Signatur-Architekten sein." Man könnte das auch so übersetzen: "Originalität ist nicht unser Ding."

Der Eindruck, den Graft in ihrer ersten großen Einzelausstellung im Haus am Waldsee in Berlin zu erzeugen versuchen, ist aber natürlich ganz anders gemeint. Unter dem grässlich ambitionierten Titel "Distinct Ambiguity", den bei der Pressekonferenz nicht mal die Kuratorin der Ausstellung, Direktorin Katja Blomberg, halbwegs verständlich übersetzen konnte, inszenieren die Diebe sich als Eigentümer von Ideen. Ihre "Philosophie" präsentieren sie hier unter so dampfbadwarmen Spa-Vokabeln wie "Glück", "Mut" und "Neugier", mit denen die ganze effektheischende Leere einer anpassungsfähigen Designarchitektur nach dem Geschmack eitler Investoren als Gehirnmassage verkauft werden soll. Auch vor dem modischen Betätigungsfeld eines assoziativen Glossars schreckt diese Kunstambition nicht zurück: Im letzten Raum der "Philosophie"-Abteilung versammelt Graft extrem bemüht zusammengestellte Sonderlichkeiten von einem AK-47 Sturmgewehr über einen Pelzfußball zum mexikanischen Kunsttotenkopf und einem Wolpertinger, um die "Dynamik" zu zeigen, die Graft "auch im Denken interessiert". Nicht umsonst ist das Büro sehr erfolgreich im Bereich Messestand, Airport-Shopping und Business-Bars.

Sie meinen es ernst

Doch auch wenn die ganze Ausstrahlung von Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit und Gregor Hoheisel die von Surf-Jungs ist, die gerne richtige Intellektuelle wären, muss man ihnen zu Gute halten, dass sie ihre positive Weltsicht ernst meinen. Sie wollen wirklich nachhaltige Gebäude entwerfen, die gute Binnenluft, wenig Ressourcenverschwendung und Schönheit verbinden. Sie meinen es ernst, wenn sie bei dem Umbau eines Hochhauses in ein Luxushotel in Tiflis ein Schwimmbad unters Dach packen, mit der Begründung, das würde den lange unterdrückten Georgiern einen Sinn für vermisstes Prestige und neues Selbstbewusstsein vermitteln. Und sie sind stolz darauf, wenn sie einen unwilligen japanischen Investor von einem "grünen" Haus mit der Hilfestellung überzeugen konnten, Öko sei bald auch in Japan "hip" und deswegen könne er die Wohnungen teurer verkaufen als normale Appartements.

Flutsicheres Projekt

Mit dieser naiv anmutenden Aufrichtigkeit gelingen Graft dann auch die einzigen Projekte, die man wirklich als eigenwillig für dynamische Geschmacksarchitekten bezeichnen kann. Ihr politischer Einsatz für die vergessenen Armen von New Orleans und ihr Projekt "Solarkiosk". Das beeindruckende Wiederaufbauprojekt für den Stadtteil Lower Ninth Ward, der durch die Naturkatastrophe "Katrina" zerstört und die politische Katastrophe "George Bush" ignoriert wurde, ist eine der schönsten Initiativen dieser Art. Gemeinsam mit Brad Pitt als Spendensammler und zahlreichen Stararchitekten als Entwurfsgebern für flutsichere Terrassenhäuser kann das verwüstete Land für die alten Bewohner (und gemeinsam mit ihnen) unter dem Titel "Make it Right" Schritt für Schritt in eine neu gestaltete-alte Heimat verwandelt werden.

Neues Herz für's Nirgendwo

Der Solarkiosk, dessen Prototyp gerade rechtzeitig zur Ausstellung fertig wurde und im Skulpturengarten der Villa aufgestellt ist, funktioniert dagegen als neues Herz für das Nirgendwo. Der Aluminiumwürfel, der in Einzelteile zerlegt auch von Eseln in den letzten Winkel der Welt getragen werden kann, produziert mit Solarpaneelen Strom für Handys, Kühlung, Batterielampen und Fußballübertragungen überall dort, wo Regierungen zu schwach und korrupt sind, um ihre Bevölkerung mit dem Notwendigsten zu versorgen. Das 10 000 Euro teure Modul, das sich gerade in der Testphase in Madagaskar und Äthiopien befindet, ist ein wirklich intelligenter Versuch, Verelendung mit technischem Witz zu bekämpfen, dem man einfach nur einen gigantischen Erfolg wünscht. Zumindest aber weit weniger Vergänglichkeit als das Autodesign für den Immobilienbereich, mit dem Graft in ihren Büros in Los Angeles, Peking und Berlin Kommerz als Kunst behaupten.

Graft – Distinct Ambiguity

bis 12. 02. 2012, Haus am Waldsee, Berlin

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Gestalten Verlag erschienen
http://www.hausamwaldsee.de/index.php?lang=de