Sou Fujimoto - Architektur

Ein Hauch von Nichts

Der japanische Architekt Sou Fujimoto erschüttert Grundfesten des Bauens: eine Begegnung mit dem revolutionären Minimalisten, dessen Arbeiten zur Zeit in Bielefeld präsentiert werden

Es ist eine seltene Freude, in dem prahlerischen Geschäft der Ereignisarchitektur eine Stimme zu finden, die von ihren Schwächen spricht. Extrem schüchtern und zerbrechlich sei er am Anfang seiner Karriere gewesen, sagt Sou Fujimoto.

Er habe sich nach dem Abschluss seines Studiums nicht getraut, mit seinen Entwürfen bei einem berühmten Architekten wie Toyo Ito vorzusprechen, aus Angst vor dessen Kommentar. Entsprechend hat Fujimoto nie bei einem anderen Büro Erfahrungen gesammelt, als er im Jahr 2000 sein eigenes gründete. Die sechs Jahre davor habe er lediglich ein bisschen gelesen und nachgedacht, sei viel durch Tokio gelaufen, habe ein wenig gemalt und gebastelt und zwei Projekte für seine Eltern gezeichnet. Während andere Absolventen sich für Praktikantenalmosen in großen Büros aufrieben, habe er "klipp und klar ein ziemlich langweiliges Leben geführt".

So kann man also auch Stararchitekt werden. Denn heute ist Sou Fujimoto der gefeierte Held einer jungen Generation japanischer Architekten, seine eigentümlichen Häuser werden weltweit publiziert, Toyo Ito ist sein größter Fan, und Einladungen aus aller Welt landen in dem kleinen 15-köpfigen Büro in Tokio, wo sein Idol Albert Einstein als Hausgott in Posterform über den Köpfen thront. Ursprünglich wollte Fujimoto nämlich Physiker werden, weil er das revolutionäre Denken der großen Theoretiker so bewunderte. Frustriert schmiss er das Studium schnell, als er feststellte, dass man für Physik "große Hirnkraft" braucht. Als er in seinem Zweitstudium aber entdeckte, dass Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier ebenfalls erfolgreich einige Grundbedingungen des Lebens verändert hatten, war er wieder glücklich. Denn das bedeutete, "dass ich auch revolutionär denken lernen konnte".
Schüchtern und revolutionär, mag man denken, wie geht das denn zusammen? Aber genau aus diesem Widerspruch entsteht die Kraft von Fujimotos Architektur, die seine Häuser so einzigartig macht. Fujimoto denkt in großen Gegensätzen und sucht dann das Reich des Dazwischens, das beide Komponenten vereint.

Gleich sein erster verwirklichter Entwurf, ein Rehabilitationszentrum für geistig behinderte Kinder auf seiner Geburtsinsel Hokkaido im Norden Japans, zeigt eine solche Dialektik von Auflösung und Ordnung. Wie 24 zufällig hingeworfene weiße Würfel liegen die Bestandteile des Instituts dicht beeinander auf einer kleinen Anhöhe. Offensichtlich würfelt Gott nicht (nach Albert Einstein), Fujimoto aber schon. Für jeden Ablaufplaner, der in diesem labyrinthischen Chaos der Winkel und Wände keinerlei vernünftige Wegbeziehung finden wird, wäre das Spielerische dieser freien Ordnung sicherlich ein Graus. Die Nutzer reagieren aber mit großer Freude auf diese Alternative zum Krankenhausraster aus Fluren und Kammern. Der Arzt, der diesen Verhau in Auftrag gegeben hat, sei jedenfalls immer noch begeistert, sagt Fujimoto.

Dass Fujimoto sich eigentlich über das Nachdenken und Schreiben dem Bauen genähert hat, merkt man nicht nur seiner lebendigen Ausdrucksweise an. "Primitive Future" heißt ein kleines Manifest, das er in den "langweiligen" Jahren begonnen hat und später immer weiter ausbaute. Sein Denken aus Gegensätzen spiegelt sich hier in vielen poetischen Kapitelüberschriften. "Architektur als Wolke" zum Beispiel, "Nest oder Höhle", "Das Haus als Stadt" oder "Innen als Außen". Das letzte Kapitel heißt "Architektur ist eine zarte Methode um Zufälle herzustellen". Da wird sofort klar, warum man mit solchen Ideen als Detailzeichner in einer Architekturfabrik versauert wäre. Aber auch, wie Einfamilienhäuser entstehen können, die jeder Vorstellung von der klassischen Schutzhütte spotten. "House N" von 2008 etwa, das Eigenheim für die Eltern seiner Frau in Oita, verschachtelt drei weiße Boxen mit riesigen Öffnungen so ineinander, dass seine Schwiegereltern exponiert wie im Zoo darin leben. Gott sei Dank sei die Mutter seiner Frau eine herzliche Person, die sich an den vielen Neugierigen nicht stört, ja diese sogar oft stolz in das Haus führt.

Vermisst man schon bei dieser bewohnten löchrigen Matroschka-Puppe in Kistenformat das Gefühl vom Haus als erstem Rückzugsort, so fehlt in Fujimotots letztem Streich jeder Schutz der Privatheit. Wie ein Stapel von Schneewittchensärgen füllt das komplett gläserne "House NA" eine Baulücke in Tokio und stellt das gesamte Familienleben der Besitzer aus. Selbst Bad und WC befinden sich in einer voll transparenten Box. Das Leben als Laborratte könnte kaum heimeliger sein. Wenn Fujimoto von seiner Idee einer Architektur als Synthese von "einfach" und "exzentrisch" spricht, ist jedenfalls spätestens bei "House NA" klar, was er damit meint.

Allerdings fügt er doch erklärend hinzu, dass die Idee für diese Exponiertheit von den Bauherren stammt. Sie wollten wie "Nomaden in einem Haus" wohnen. Er selbst, sagt Fujimoto, könnte in dieser Transparenz niemals leben. Bei seinem Bekenntnis zur Schüchternheit wäre das auch ein Widerspruch, der sich nicht mehr auflösen ließe.

Die Verbindung von Innen und Außen ist trotzdem eines der wichtigsten Entwurfs-
prinzipien dieses Shy Guys. Und seine Vorstellung von den vermittelten Gegensätzen kann er mittlerweile nicht nur in Privathäusern umsetzen, deren spannende Kompositionen aus archetypischen Formen und moderner Offenheit ihn berühmt gemacht haben. "Think big", der Berufsschwur aller Stararchitekten, gilt längst auch für Fujimotos Praxis. Aber dann eben nur in Verbindung mit dem Feinen, dem Kleinen, dem Prinzip des Details. Die Bibliothek der Musashino-Kunst-Universität in Tokio etwa ist komponiert als eine große Schnecke aus fast zehn Meter hohen Regalen, in denen das "antiquierte" Medium Buch in seiner massenhaften Kleinteiligkeit die Oberfläche schafft. Diese Zeitspirale aus Wissen entwickelt ihre Architektur allein aus dem Bild seiner Funktion. Das Regal ist die Wand, der Buchrücken die mobile Tapete. Und die Zyklopenfenster, die überall in die Regalwände geschnitten sind, schaffen die optische Verbindung zu den Bäumen vor der Bibliothek, den Quellen des Papiers.

Ein solch lyrisches Verhältnis zur Natur hat in den letzten Jahren zunehmend die beiden Sprachen des Sou Fujimoto durchdrungen – die verbale und die architektonische. Indoor-Bäume in Glaswürfelstapeln, wie bei einem Projekt für Benetton in Teheran, oder Hochhäuser in Form verzweigter Äste, machen symbolisch klar, was Fujimoto in seinen theoretischen Vergleichen zwischen Stadt und Wald immer wieder betont. Sowohl die Vielfalt wie die Unkontrollierbarkeit der Natur sollten Vorbild für die Freiheit in der Stadt sein. Ganz anders als die vielen Öko-Architekten spricht Fujimoto dabei nie über technische Lösungen zur Umweltschonung (und tatsächlich sind einige seiner Glashäuser extreme Energieschleudern, wie er lachend zugibt). Was ihn interessiert sind Analogien zwischen Natur und Kultur, die es für die Zivilisation neu zu entdecken gilt, um ein harmonischeres Leben zu führen.

Gegen den rationalen Hochmut der Wissenschaft und der Politik, die Natur beherrschen zu können – den Fujimoto durch den Tsunami und das Fukushima-Desaster in seinen Grundsätzen erschüttert sieht –, stellt er die Idee einer emotionaleren Nähe zu Natur. Allerdings ist Fujimoto alles andere als ein Laubhütten-Eremit, der in Kontemplation über die Architektur von Blumen und Blättern versinkt. Seine neuesten Projekte stellen vielmehr extreme technische Herausforderungen dar, die ohne präzises Ingenieurswissen nicht zu verwirklichen sind. Ein wilder Strudel aus kreiselnden Fußgängerrampen für ein Schiffs- und Straßenbahnterminal unterhalb der Belgrader Burg ist bereits ein Projekt von technisch extrem anspruchsvoller Natur. Aber der 300 Meter hohe Taiwan Tower, ein Aussichtsturm in Form eines Bambuswaldes, der auf den Spitzen seiner dünnen Stangen eine Plattform in den Umrissen der Insel trägt, wirkt so fragil, dass dieser windige Turm, sollte er tatsächlich realisierbar sein, der Eiffelturm des 21. Jahrhunderts würde: ein Monument des technischen Optimismus.

Ein Widerspruch zur Naturpredigt? Natürlich. Aber aus solchen Polen gewinnt Sou Fujimoto eben seine große Hirnkraft. Der schüchterne Revolutionär will sich nie wieder langweilen. Und dafür können die Gegensätze nicht groß genug sein.

Sou Fujimoto. Futurospektive Architektur

Kunsthalle Bielefeld, bis 2. September 2012, Katalog erscheint während der Ausstellung.
Literatur: Sou Fujimoto – Sketchbook erscheint bei Lars Müller Publishers, 240 S., 40 Euro