Karl Friedrich Schinkel: Biografie des Architekten und Malers

Preußens Designer

Karl Friedrich Schinkel kennt man als Berlins großen Baumeister, vielleicht noch als Landschaftsmaler. Aber er war auch Kulissenmaler, Geschmackslehrer, Designer und Träumer.
Preußens Designer

Schinkels Bühnenbild von Mozarts Oper "Zauberflöte" mit dem Titel "Die Sternenhalle der Königin der Nacht"

Am 19. Dezember 1812 wollten die Berliner Moskau brennen sehen. Sie strömten dafür in die Französische Straße. Gut drei Monate zuvor, vom 14. September an, hatte ein verheerendes Feuer drei Viertel der russischen Stadt zerstört und Napoleons Truppen um das vorgesehene Winterquartier gebracht. Nun füllte die Katastrophe als lebensnah wirkendes Panorama, entworfen vom Architekten und Maler Karl Friedrich Schinkel (1781 bis 1841), das Mechanische Theater des Impresarios Wilhelm Ernst Gropius. Mehr noch als der mächtige Hintergrundprospekt mit dem Kreml, der Brücke über die Moskwa und den brennenden Stadtteilen jenseits des Flusses, mehr als die beweglichen Staffagefiguren, der flackernde Schein der Flammen, als Klaviermusik und Böllerschüsse muss die Neuheit des Themas die Menschen gepackt haben: Während sie mit wohligem Schauer das Unheil besichtigten, das die verhassten Franzosen getroffen hatte, kämpften sich die Reste der Grande Armée noch durch den russischen Schnee. Aktueller ging es kaum.

Preußens Designer

Karl Friedrich Schinkel: "Der Brand von Moskau" (Rekonstruktion), Original von1812/13

Genau zwei Jahrhunderte später konnte man sich wieder ein Bild von jenem Spektakel machen, das Kunsthistorikern als Vorläufer von Kino und Multimedia-Installationen gilt. Die große Schinkel-Ausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts am Kulturforum zeigte als ein Glanzlicht den "Brand von Moskau", wenn auch nur als freie Rekonstruktion nach Zeichnungen und Berichten; die originalen Kulissen aus Tapezierleinwand waren gar nicht dazu gedacht, länger als einige Jahre aufgehoben zu werden. Doch gerade die Freiheit der Nachbildung, das "So könnte es gewesen sein", passte zu Schinkels Denk- und Arbeitsweise. Ha er doch selbst immer wieder Recherche mit Fantasie verknüpft, um historische Bauten zu ergänzen oder Orte darzustellen, die er selber nie gesehen hatte. Moskau zum Beispiel.

Ein Workaholic, der eine ganze Epoche zur "Schinkelzeit" stempelte

Schinkel, das machte die Berliner Jubiläums-Schau 2012 deutlich, war weit mehr als der berühmteste deutsche Architekt des 19. Jahrhunderts, der Berlin mit Bauten geprägt hat wie der Neuen Wache und dem Alten Museum, der Friedrichswerderschen Kirche und dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, das heute als Konzerthaus dient; mehr auch als der romantische Landschaftsmaler, dem die Alte Nationalgalerie einen eigenen Saal widmet. Gerade weil er so vielseitig, sogar widersprüchlich war, konnte er eine ganze Epoche zur "Schinkelzeit" stempeln – als gefeierter Bühnenbildner und als Geschmackslehrer, als Entwerfer von Möbeln und Vasen, als erster Denkmalpfleger Preußens, der für das Erbe des Mittelalters kämpfte, und nicht zuletzt als mächtiger Beamter mit einer Schar von Untergebenen.

Schinkels "Factory" nennt Heinrich Schulze Altcappenberg, als Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts verantwortlich für den Großteil von Schinkels reichem Nachlass wie auch für die Jubiläums-Ausstellung, diese Mitarbeiter aus der Oberbaudirektion. Über 1000 der rund 5000 Blätter des Bestands hat Schinkel nach heutigem Forschungsstand zwar begutachtet und als Amtsleiter unterzeichnet, aber nicht selbst entworfen und ausgeführt. Darunter finden sich so bekannte Projekte wie der Leuchtturm von Kap Arkona auf Rügen und das nicht verwirklichte Konzept für ein Kaufhaus in der Straße Unter den Linden, einst vielzitierter Beleg für Schinkels Modernität. Vielleicht, mutmaßt Schulze Altcappenberg, sei das weitläufige Einkaufszentrum als Bauaufgabe dem Meister selber "zu nieder" gewesen.

Preußens Designer

Entwurfszeichnung für das Königliche Schauspielhaus in Berlin (heute Konzerthaus)

Ohne Elemente der Poesie war eine Baukunst für Karl Friedich Schinkel nicht vorstellbar

Das wäre denkbar, erhielt er doch seine berühmtesten Aufträge unmittelbar von König Friedrich Wilhelm III. sowie vor allem vom kunstbegeisterten Kronprinzen, der später als Friedrich Wilhelm IV. "der Romantiker auf dem Thron" genannt werden sollte. Andererseits musste selbst der unermüdliche Arbeiter - neudeutsch: Workaholic - Schinkel nun einmal manche Planung aus der Hand geben. Ein hochnäsiger Höfling war er jedenfalls nicht, sondern ein Idealist, dessen Kunst der ästhetischen Erziehung der Menschen dienen sollte, und zugleich ein praktisch denkender Bürger.

Preußens Designer

Carl Begas: "Karl Friedrich Schinkel", 1826

Zusammen mit seinem engsten Freund Peter Christian Wilhelm Beuth, der im Finanzministerium für die Förderung von Gewerbe, Handel und Bauwesen zuständig war, gab er von 1821 bis 1837 die "Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker" heraus. Die 151 Kupferstiche sollten wie ein Musterbuch nicht zuletzt der jungen Industrie erleichtern, Geschirr, Teppiche und andere Alltagsobjekte geschmackvoll zu gestalten; sie setzten für Jahrzehnte Schinkels an der Antike geschultes Schönheitsideal als gültigen Maßstab durch. Mit Antikenbegeisterung, Interesse am Mittelalter und wachem Sinn für die Möglichkeiten der Gegenwart verschmolz Schinkel in seinem Werk Klassizismus, Romantik und die Anfänge der Moderne. 1826 sah er mit einer Mischung aus Grusel und Begeisterung die Fabriken von Manchester: Es macht "einen schrecklich unheimlichen Eindruck: ungeheure Baumasse von nur Werkmeistern ohne Architektur und fürs nackteste Bedürfnis allein" und aus rotem Backstein ausgeführt.

Rasterbauweise und Klinkerwände solcher Industriekolosse übernahm er etwa für seine 1836 vollendete, 1961 als Kriegsruine abgebrochene Bauakademie - aber er veredelte sie durch fein ausgeführtes, auf die Fuge genau berechnetes Mauerwerk mit Zierbändern sowie szenische Reliefs an Türen und Fenstern. Ohne solche Elemente der "Poesie" war eine Baukunst für Schinkel nicht vorstellbar. Der entwerfende Künstler sollte gegenüber dem Arbeiter stets den Vorrang behalten.

Den Architektenberuf hatte Schinkel beim visionären, im August 1800 erst 28-jährig gestorbenen Klassizisten Friedrich Gilly und dessen Vater David gelernt. Doch auf erste Aufträge folgte zunächst eine Flaute: Nach der Niederlage gegen Napoleon 1806 wurde in Preußen kaum noch gebaut.

Stattdessen entwarf Schinkel für Gropius spektakuläre Panoramen, von einer Ansicht Palermos über die Völkerschlacht bei Leipzig bis zu den sieben Weltwundern, und malte Landschaften mit erfundenen gotischen Kirchen; ab 1815 kamen Bühnenbilder hinzu, die berühmtesten für Mozarts "Zauberflöte". Sein Theaterkonzept war revolutionär. Statt kleinteilig gestaffelter Barockkulissen, die allenfalls aus der Fürstenloge perspektivisch richtig zu sehen waren, genügte ihm die suggestiv bemalte Rückwand, um die Zuschauer ins alte Rom oder ins französische Mittelalter, nach Kaschmir oder in das Unterwasserschloss aus E. T. A. Hoffmanns "Undine" zu versetzen.

Schinkel konzentrierte sich als Oberbaurat zunehmend auf die Wirklichkeit, verleugnete aber den Landschaftsmaler und Theatermann nicht. Sein Leben lang inszenierte er Stadtbilder, indem er seine Gebäude im Zusammenhang ihrer Umgebung plante, Sichtachsen inbegriffen. Je nachdem, was zum jeweiligen Zweck, zum Auftraggeber und zum Umfeld stimmig erschien, nutzte er Stilelemente verschiedener Epochen, um daraus etwas Neues zu formen - oft in erstaunlicher, aber stets durchdachter Mischung. So wurde er zum Vorläufer des Historismus, dessen Vertreter sich in der zweiten Jahrhunderthälfte oft in Beliebigkeit verloren. Als der König nach dem Ende der Franzosenzeit Entwürfe für einen denkmalhaften "Befreiungsdom" bestellte, wählte Schinkel als vermeintlich altdeutschen Stil eine Art aufgeklärte Gotik mit reduzierten Schmuckformen; für die Neue Wache spielte er allerlei Möglichkeiten durch, von italienischer Romanik über Altägyptisches bis zur ausgeführten Verbindung einer griechisch-dorischen Tempelfront mit einem verkleinerten römischen Kastell. Bei Schauspielhaus und Museum bevorzugte er einen individuellen Klassizismus, bei Zweckbauten einen vergleichsweise schlichten, von Romanik und Renaissance beeinflussten Rundbogenstil.

Preußens Designer

Die Königswache (Neue Wache) in Berlin in der sich heute die Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft befindet

Zwar war Schinkel überzeugt, "dass beinahe keine architektonische Schönheit gefunden werden kann, die sich nicht schon in der alten klassischen Kunst fände". Doch zugleich galt seine besondere Liebe seit einer frühen Italienreise der ganz unklassischen Form sizilianischer Landhäuser, in der er eine Art natürliche Ur-Architektur sah. Von ihrer asymmetrischen, aus mehreren Quadern zusammengesetzten Gestalt ließ sich das Gut eines Bauern ebenso herleiten wie der Sommersitz eines preußischen Prinzen. Die viel gerühmten Bauten aus Antike und Renaissance hingegen interessierten Schinkel in Italien kaum.

Als Maler war Schinkel Autodidakt, bei aller Stärke der Bilderfindung fehlt seinen Gemälden die handwerkliche Brillanz; so lässt sich auch leichter als bei anderen Künstlern verschmerzen, dass manches Hauptwerk nur als Kopie erhalten ist. Doch was er zu bauen gedachte, stellte er den Auftraggebern höchst suggestiv vor Augen. Das gilt für die mit feinstem Strich ausgeführten Zeichnungen, für die Schinkel nach englischem Vorbild ein besonders glattes, festes Papier schöpfen ließ, und mehr noch für die Aquarelle zu Projekten der letzten Lebensjahre, die wie Veduten bereits bestehender Bauten wirken. Heinrich Schulze Altcappenberg vermutet hinter der Verführungskraft dieser Blätter eine Strategie, den Bauherrn gar nicht erst an Änderungen denken zu lassen: "Wenn du ein Bild von etwas siehst, kannst du es nur als Ganzes akzeptieren."

Preußens Designer

Karl Friedrich Schinkel: "Schloss Orianda, Krim", 1873

Geholfen hat das freilich wenig, die meisten Großprojekte der Spätzeit blieben unverwirklicht - auch, weil Schinkel seiner Fantasie offenbar desto freier die Zügel schießen ließ, je weiter der Bauplatz dem Berliner Alltag entrückt war. Für den aus Bayern stammenden König Otto von Griechenland wollte er einen prächtigen Palast neben die Ruinen der Akropolis stellen. Doch schon damals reichte in Athen das Geld nicht einmal, um die Zufahrt zu den Steinbrüchen instand zu halten.

Noch kühner, verstiegener und großartiger gerieten die Pläne für ein Lustschloss der russischen Zarin auf der Halbinsel Krim. Alexandra Feodorowna, als Prinzessin Charlotte von Preußen geboren, wünschte sich eigentlich einen idyllischen kleinen Landsitz wie den Potsdamer Charlottenhof ihres Bruders Friedrich Wilhelm. Stattdessen lieferte Schinkel zu ihrem Befremden kaum ausführbare Pläne für einen gewaltigen Burgkomplex mit düsteren, weitläufigen Pfeilerhallen als Museum für Funde aus dem antiken Tauris, bekrönt von einem lichten Aussichtstempel. So blieb Schloss Orianda eine berauschende Architekturfantasie, ein Gipfel der Romantik in antiken Formen, verschmolzen mit einer zugleich wilden und südlich-klassischen Schwarzmeerküste - die Schinkel sich wieder einmal nach fremden Skizzen und Beschreibungen hatte erträumen müssen.

Dieser Artikel erschien zuerst in art – Das Kunstmagazin, Ausgabe 9/2012

 

Crashkurs Klassizismus
Die zentralen Merkmale und künstlerischen Umbrüche der Epoche im Überblick. Unser Schnellkurs zu Malerei und Architektur des Klassiszismus mit den wichtigsten Kunstwerken und Künstlern

Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie

7. September bis 6. Januar 2013
Kulturforum, Berlin

danach München, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, 1. Februar bis 12. Mai 2013

http://www.schinkel-in-berlin.de/